„Zweiter Weltkrieg noch nicht vorbei“

Trotz erbitterter Feindschaften hat sich in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg eine gemeinsame Erinnerungskultur entwickelt. In China, Japan und Korea ist das bisher kaum der Fall. Der Krieg ist hier noch nicht Geschichte, sondern geht in gewisser Weise bis heute weiter.

So bezeichnete es der Historiker Rana Mitter von der Universität Oxford bei einer Konferenz an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien. Zahlreiche Forscher und Forscherinnen aus China, Japan, Südkorea und Europa diskutierten dabei über die Unterschiede, die es bei den Erinnerungskulturen zwischen Europa und Asien gibt.

science.ORF.at: Wie nennt man in China den Zweiten Weltkrieg?

Rana Mitter: „Widerstandskrieg gegen Japan“ oder „chinesischer Widerstandskrieg gegen die Aggression Japans“. Man weiß natürlich, dass er Teil des Zweiten Weltkriegs war, aber in erster Linie wird er als Konflikt mit Japan gesehen.

Gibt es auch eine direkte Übersetzung von „Zweiter Weltkrieg“?

Mitter: Ja, aber erst seit einigen Jahren. Unter Mao Zedong, in den 50er Jahren bis 70er Jahren, erinnerte man sich an ihn v.a. als Volks- und Guerillakrieg, in dem chinesische Bauern die japanischen Besatzer angegriffen haben. Das ist in Schulbüchern, Filmen und TV-Sendungen noch immer populär.

Porträtfoto des Historikers Rana Mitter
Lukas Wieselberg, ORF

Rana Mitter an der ÖAW. Er hat 2013 das Buch „Forgotten Ally. China’s World War II“ veröffentlicht („New York Times“-Rezension).

Seit rund 25 Jahren, als sich China gegenüber der Welt wieder geöffnet hat, gibt es aber auch eine andere Sichtweise: China war demnach nicht alleine, sondern Teil eines Weltkriegs. Heute hört man deshalb auch öfters die Bezeichnung „China als Teil eines weltweiten antifaschistischen Kriegs“. Wissenschaftler haben diese Bezeichnung als erste verwendet, aber auch Präsident Xi Jinping hat das vor zwei Jahren zum 70. Jahrestag des Kriegsendes getan. Damit soll die Welt erinnert werden, dass China ein Alliierter war – und neben den USA, Sowjetunion und dem britischen Empire Japan und Deutschland besiegt hat.

In Europa hat sich eine gemeinsame Erinnerungskultur entwickelt. Gibt es Vergleichbares auch in Asien?

Mitter: Es stimmt, in Europa gibt es eine kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg – zumindest mehr oder weniger: Natürlich hat es bis in die späten 80er Jahre sehr unterschiedliche Kulturen in Ost und West gegeben, die zum Teil bis heute nachwirken. Aber seit damals hat sich die Erinnerung an den Krieg zumindest angenähert. Und zwar wegen zwei Dingen, die es in Asien in der Form nicht gibt. Erstens die Verbrechen des Holocaust: Der Genozid steht im Zentrum der europäischen kollektiven Erinnerung und Erziehung. Zweitens der letztliche Sieg eines Europas, das aus US-Sicht definiert wurde: mit der NATO und der europäischen Gemeinschaft, aus der sich mein eigenes Land zu meinem Bedauern gerade verabschiedet. Beides hat es in Ostasien nicht gegeben.

Gibt es dort deshalb gar keine kollektive Erinnerung an den Krieg?

Mitter: Zum Teil schon, aber sie hat ihre Lücken. Einige Länder in Ostasien teilen die Erinnerung an eine grausame Besatzung durch die Japaner – etwa China mit dem Nanking-Massaker oder Süd- und Nordkorea. In anderen Ländern ist die Erinnerung nicht unbedingt freundlich, aber differenziert: In Indonesien etwa hat es auch schreckliche Ereignisse gegeben, an die man sich erinnert. Zugleich erinnert man sich aber auch daran, dass die japanische Invasion dazu beigetragen hat, die Niederländer – also die westlichen Imperialisten – loszuwerden. Ähnliches trifft auf Indien zu, wo die Japaner auch Verbündete im Kampf gegen die Briten waren.

Konferenz

“Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Europa und Asien“: 30.-31. August 2017, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 31.8., 13:55 Uhr.

Es gibt aber noch einen Grund, warum die Erinnerungskultur in Asien anders ausgeprägt ist als in Europa: Die Dominanz Amerikas über Europa hat sich in Asien nicht wiederholt. China wurde von den USA ab 1949 isoliert– bis Nixons Besuch 1972. Als Resultat gibt es keine gemeinsam erlernte Erinnerung, die geteilt wird wie in Deutschland, Frankreich, Italien oder Österreich. Stattdessen haben China, Japan und Südkorea ihre jeweils eigenen Kriegserinnerungen gebildet. Das begann sich erst in den 1990er Jahren zu ändern.

Wo steht dieser Prozess heute?

Mitter: Er ist sehr lebendig. In Europa ist der Zweite Weltkrieg Geschichte, in Asien hingegegen Zeitgeschehen, das noch weitergeht. Das Verhältnis zwischen Japan und China ist nach wie vor sehr schwierig. Japan ist heute eine liberale Gesellschaft, führende Politiker haben sich in der Vergangenheit öfters – und durchaus glaubwürdig – für die Kriegsverbrechen entschuldigt. Andererseits gibt es einige Bereiche der Gesellschaft – etwa rund um den Kriegsschrein im Zentrum von Tokio –, die noch immer nicht die volle Verantwortung Japans übernehmen wollen. China nutzt das wiederum aus. Es stimmt, dass China das Recht hat, seine Kriegstoten zu beklagen und die Erinnerung hochzuhalten. Aber mitunter fehlt die Aufrichtigkeit: etwa wenn die Rolle der Gegner Maos - die Nationalisten unter Chiang Kai-shek - unterschätzt wird, die den Hauptteil des Widerstands gegen die Japaner getragen haben. Und man könnte auch stärker das öffentlich ausgedrückte Bedauern der japanischen Politiker anerkennen. Das immer wieder einzufordern, ist mehr ein politisches Statement als ein historisches.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 31.8., 13:55 Uhr.

Wie sehen die offiziellen Erinnerungskulturen heute in China und Japan aus? Und wie werden sie politisch instrumentalisiert?

Mitter: Beide Seiten haben sich stark um Erinnerungspolitik bemüht. Was ich gut finde, denn Länder brauchen eine starken Sinn für die eigene Vergangenheit. In China werden heute viele, viele Millionen Renminbi in den Bau von Museen gesteckt, die an tragische Ereignisse von damals erinnern. Einige davon, wie etwa das Museum, das an die Bombardierung von Chongqing, dem damaligen Regierungssitz, erinnert, sind sehr wichtig. Problematisch finde ich den Versuch, ein zu einfaches antijapanisches Narrativ zu verwenden, das leugnet, dass viele Japaner heute bereit sind, eine viel wärmere Beziehung zu China aufzubauen. Auf der anderen Seite: Ich war in vielen japanischen Kriegsmuseen, wo man auch das Leid der japanischen Zivilbevölkerung sieht – ich denke, auch das gilt es anzuerkennen, sowie den Horror der beiden Atombomben. Aber auch in Japan gibt es mitunter noch Aufholbedarf, die eigene Verantwortung für den Krieg unmissverständlich darzustellen.

Gibt es Institutionen oder Jahrestage ähnlich dem Holocaust-Gedenktag, mit deren Hilfe China, Japan und Korea gemeinsam an die Vergangenheit erinnern?

Mitter: Das wäre eine wunderbare Idee, ist aber leider nicht der Fall, und das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Selbst die Atombomben werden in China moralisch unterschiedlich bewertet. Viele Menschen sagen bis heute, dass sie den Krieg früher beendet und weitere Grausamkeiten verhindert haben. Es gibt auch japanische Friedensmuseen, die keinen Sinn für Empathie zeigen – das Gefühl also, wie die andere Seite die Dinge gesehen hat. Diese Empathie wäre aber der erste Schritt für ein gegenseitiges Verständnis. Auch jetzt, 70 Jahre danach, ist das in Asien noch ein ziemlich weiter Weg. Konferenzen wie diese in Wien, wo Wissenschaftler aus China, Japan, Südkorea und Europa aufeinandertreffen, sind deshalb ein wichtiger Schritt.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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