Freier Eintritt zu Michel Foucault

Open Access bedeutet freien Zugang zu Forschungsliteratur. Seit zwei Jahren gibt es dazu ein erfolgreiches Projekt für die Geisteswissenschaften im Internet. Nun veröffentlichte es den ersten Beitrag aus Österreich – eine Zeitschrift zum Denken Michel Foucaults.

Der 1984 verstorbene Philosoph gilt als einer der meistzitierten Autoren in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Seinem Denken und seiner Aktualität widmet sich die Open-Access-Zeitschrift „Le foucaldien“, die der österreichische Literatur- und Medienwissenschaftler Simon Ganahl gemeinsam mit deutschen und Schweizer Kollegen gegründet hat.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 13.9., 13:55 Uhr.

Seit Anfang September erscheint die Zeitschrift nun unter dem Dach der Open Library of Humanities (OLH) – einer erfolgreichen Open-Access-Initiative aus Großbritannien. Britische Forscher hatten nach einem Vorbild aus den Naturwissenschaften – der frei zugänglichen Public Library of Science – einen Verlag und ein Megajournal für die Geistes- und Kulturwissenschaften ins Leben gerufen.

Keine Gebühren, höchste Standards

„Für uns war entscheidend, dass der OLH-Verlag keine Publikationsgebühren von Autoren und Autorinnen verlangt und zugleich den höchsten wissenschaftlichen Standards verpflichtet ist“, sagt Simon Ganahl gegenüber science.ORF.at. Vor einem Jahr bewarb sich das Foucault-Journal bei den britischen Herausgebern; nach einer inhaltlichen und finanziellen Überprüfung kommt die Zeitschrift nun unter der OLH-Dachmarke heraus.

Porträtfoto von Michel Foucault
AFP

Michel Foucault (1926-1984) ist bekannt für Bücher wie „Wahnsinn und Gesellschaft“ sowie „Sexualität und Wahrheit“

Ein Qualitätsstempel auch für die künftigen Autoren und Autorinnen, sagt Simon Ganahl, Forschungsstipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten: „Die OLH orientiert sich an der naturwissenschaftlichen Publikationspraxis. Die Texte werden in einem double blind peer review begutachtet, das heißt, dass jeder Artikel anonym von zwei Experten gelesen und kommentiert werden muss. Wenn der Beitrag dieses Verfahren besteht, wird er unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, umfassend in Datenbanken indiziert und langfristig in HTML, PDF und XML archiviert.“

Es muss nicht immer Englisch sein

Da Englisch in den Geisteswissenschaften noch nicht so stark zum Standard geworden ist wie in den Naturwissenschaften, können die Autorinnen und Autoren von „Le foucaldien“ zwischen mehreren Sprachen wählen. Aktuell gibt es annähernd gleich viele deutsche wie englische Texte in der Zeitschrift. Und das ist durchaus im Sinn der britischen Erfinder: Zwar gibt es in der OLH einen Überhang an englischsprachigen Zeitschriften und Artikeln, aber die Herausgeber richten sich explizit an andere Sprachräume und tragen damit der – im Vergleich zu den Naturwissenschaften – größeren sprachlichen Vielfalt und Zersplitterung der geisteswissenschaftlichen Forschung Rechnung.

Die OLH finanziert sich über eine Wissenschaftsstiftung und durch Kooperationen mit zahlreichen Universitätsbibliotheken und Forschungsinstitutionen – in Österreich zählt etwa der Wissenschaftsfonds FWF dazu. Die Bibliotheken sind oft nicht mehr gewillt, die horrenden Beträge für Zeitschriften-Abonnements zu zahlen. Eine breite, aus den Naturwissenschaften stammende Bewegung hat sich gebildet, um den Open-Access-Gedanken zu unterstützen. Zuletzt haben vier große Wissenschaftseinrichtungen in Berlin ihre Verträge mit dem Verlagsriesen Elsevier gekündigt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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