Atomwaffenbasis bedroht Grönlands Umwelt

„Camp Century“, eine 1960 auf Grönland gebaute Station des US-Militärs, bereitet Umweltforschern Sorgen: Die Umgebung des Camps droht wegen des Klimawandels aufzutauen - inklusive gefährlicher Relikte aus dem „Kalten Krieg“.

Der Schauplatz wäre für einen Agententhriller geeignet: Der Bau von „Camp Century“ war Teil des „Project Iceworm“, das vom US-Militär auf Grönland vorangetrieben wurde. Offiziell ging es dabei um die Erforschung des arktischen Eises sowie Tests zur Errichtung eines mobilen Kernreaktors.

Tatsächliches Ziel war allerdings, Atomwaffen gegen die Sowjetunion unter dem Eisschild der größten Insel der Erde in Stellung zu bringen.

Acht Meter unter dem Eis

Die aus 21 Tunneln bestehende Station lag damals rund acht Meter unter dem Eis und wurde in einem Gletschergebiet erbaut, wo das Eis bis heute zunimmt. In den 1960er-Jahren wurde jedoch klar, dass sich der Betrieb des Camps im Gletscher schwierig gestaltete. Aufgrund der Bewegungen verformten sich die Stahlkonstruktionen, die Abwärme des Betriebs löste das Schmelzen der Umgebung aus.

Forscher geht über ein Schneefeld
GEUS/William Colgan
Der Österreicher Daniel Binder erforscht die Umgebung von „Camp Century“.

Zwar wurde beim Aufgeben der Station der Atomreaktor mitgenommen, neben rund 9.000 Tonnen Baumaterial blieben aber 200.000 Liter Diesel, unbestimmte Mengen an polychlorierten Benzolen (PCB) und etwa 24.000 Liter an Abwasser und leicht radioaktivem Kühlwasser zurück, wie es am Dienstag in einer Aussendung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) heißt.

Ö1-Sendungshinweis

Über die Forschungen zu „Camp Century“ berichtet heute auch das Mittagsjournal, 19.9.2017, 12.00 Uhr.

Gifte bedrohen Ökosystem

Lange zog die einstige Station wenig Aufmerksamkeit auf sich. Im vergangenen Jahr zeigten aber Forscher aus Dänemark und Schweiz, dass „Camp Century“ aufgrund der Klimaerwärmung bezeichnenderweise um die nächste Jahrhundertwende in die Zone des Gletschers rutschen könnte, in der Eis und Schnee abnehmen. Durch das drohende Ausschmelzen der Station könnten die Gefahrstoffe freigesetzt werden und Siedlungen sowie das dortige Ökosystem gefährden.

Daraufhin beauftragte die dänische Regierung ein Forscherteam damit, herauszufinden, wie sich die Situation vor Ort weiter entwickeln könnte. Mit dabei sind auch der Tiroler Jakob Abermann, der zur Zeit für am Forschungsinstitut Asiaq in Grönland arbeitet, und der aktuell beim Geological Survey of Denmark and Greenland (GEUS) tätige Salzburger Daniel Binder von der Abteilung für Klimaforschung der ZAMG.

„Riecht nicht natürlich“

Zwischen 21. Juli und 8. August installierten sechs Forscher bei denkbar schlechten Wetterbedingungen nun Messstationen vor Ort, die die dänischen Wissenschaftler seither laufend mit neuen Daten über das Wetter, Firn- und Eistemperaturen sowie die Bewegungen des Gletschers versorgen. Zusätzlich nahm das Team Bohrkerne vom Stationsareal und der Umgebung. Binder wiederum untersuchte unter anderem die mittlerweile 30 bis 40 Meter tief eingeschneiten Relikte der Station mittels Bodenradar.

Messstation auf Grönland
GEUS/Allan Pedersen
Messgeräte in der Nähe der unterirdischen Station.

„Schon im Feld hat man an den Daten gesehen, dass dort noch viel Material unten drinnen ist“, sagte Binder. Auch die Probe aus dem Bohrloch in Stationsbereich hat „deutlich nicht natürlich gerochen“. Was genau sich unter dem älteren, verdichteten Schnee (Firn) befindet, sollen weitere Auswertungen klären.

Die Forscher wollen nun auch herausfinden, wie stark radioaktiv das einstige Kühlwasser des Reaktors ist. „Ich glaube aber, dass vom Diesel, den PCBs und den Abwässern fast mehr Gefahr ausgeht“, so der Geophysiker. Auf Basis der ersten Messungen sollen dann in den kommenden Jahren noch potenziell besonders gefährliche Stellen eingehender untersuchen werden.

Aufgrund der laufenden Messungen erhofft man sich mehr Klarheit über die Zukunft dieses problematischen Relikts aus der Vergangenheit. Was dann im drohenden Ernstfall tatsächlich getan werden könnte, sei jedoch eine „große offene Frage“, die vor allem die dänischen Behörden beschäftigen werde, sagte Binder.

science.ORF.at/APA

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