Per Anhalter durch den Pazifik

Der verheerende Tsunami in Japan im Jahr 2011 hatte auch weitreichende Folgen für die Tierwelt: Hunderte verschiedene Tierarten haben seitdem auf Trümmern und Treibgut den Pazifik überquert - und sich in Amerika angesiedelt.

Am 11. März 2011 um drei Uhr nachmittags tat sich vor der Küste Japans ein gewaltiger Riss in der Erdkruste auf. Die tektonischen Platten verschoben sich innerhalb weniger Minuten um 27 Meter und setzten gigantische Energiemengen frei. So viel, wie die gesamte Erdbevölkerung in 77 Jahren verbraucht. Beziehungsweise in destruktiven Vergleichskategorien: 780-mal so viel Energie wie jene der Hiroshima-Bombe.

Das Seebeben hinterließ auch auf der Erdoberfläche eine Spur der Zerstörung, nicht zuletzt durch einen Tsunami, der die Küste mit ungeheurer Wucht traf. Die Bilanz der japanischen Behörden: 16.000 Tote, 400.000 zerstörte Gebäude und eine folgenschwere Havarie des Kernkraftwerks Fukushima.

Das große Rafting der Tiere

Von einer bisher unbeachteten Folge des Bebens berichten nun Forscher um den amerikanischen Biologen James Carlton. Er und sein Team haben im Laufe der letzten Jahre mehr als 280 neue Arten an der amerikanischen Westküste eingesammelt - Muscheln, Krebse, Würmer, Seesterne und Moostierchen aus einem Tausende Kilometer entfernten Ökosystem.

Zwei japanische Seesterne
John Chapman
Einer von vielen Funden: der nordpazifische Seestern Asterias amurensis

Wie die Forscher im Fachblatt „Science“ schreiben, gibt es dafür nur eine Erklärung: Diese Tierarten wurden durch den Tsunami im Jahr 2011 ins offene Meer verfrachtet, wo sie auf allerlei Treibgut, auf Booten, Bojen, Resten von Hafenanlagen und vor allem schwimmenden Plastikteilen ein neues Zuhause fanden. Für Monate oder sogar Jahre. Der Kuroshio, eine Strömung im Westpazifik, sowie die nordpazifische Strömung brachten sie schließlich bis zum anderen Ufer des Ozeans, an die Küste Nordamerikas und nach Hawaii.

„Faszinierender Querschnitt“

Begonnen hat alles mit einem bemerkenswerten Fund im Frühsommer 2012. Damals wurde ein großes Bruchstück aus dem Hafen von Misawa, Japan, an der Küste von Oregon angespült. Darauf befanden sich an die hundert verschiedene Tierarten. „Was wir sahen, war ein faszinierender Querschnitt der japanischen Meeresfauna“, erzählt Carlton im Gespräch mit science.ORF.at. „Nach dieser Entdeckung begannen wir systematisch zu suchen.“

Grafik: "Rafting" von Tierarten quer über den Pazifik
Carla Schaffer/AAAS
Mindestens 7.000 Kilometer legten die japanischen Meerestiere zurück

Bald stellte sich heraus: Das war kein Einzelfall. Im Laufe der folgenden Jahre traf immer wieder Treibgut aus Japan an Amerikas Küste ein. Und mit ihm auch tierische Passagiere, die sich während der Reise mitunter sogar gepaart und vermehrt hatten.

Selbst Fische fanden die Wissenschaftler, in einem kleinen Fischerboot etwa fünf Stück des gestreiften Schabelbarsches aus dem Westpazifik. Dass die Fische ihre rund zweijährige Reise überlebt haben, ist laut Carlton nur dadurch zu erklären, dass sich in dem Boot ein Miniökosystem gebildet hatte, das frisches Wasser und Nährstoffe aus dem Ozean bezog.

Welche ökologischen Konsequenzen diese marine Völkerwanderung hat, wissen die Forscher nicht. Die allermeisten Tierarten sind nicht als Invasoren bekannt, könnten aber sehr wohl solche werden. Denn ihre natürlichen Feinde und Konkurrenten wurden meist nicht mitgeliefert. „Was wir nun erleben, ist ökologisches Roulette“, sagt Carlton. Prognosen seien in Ermangelung von Erfahrungswerten nicht möglich. So heißt es nolens volens abwarten: Antworten wird die Natur in zehn bis 20 Jahren geben.

Plastik ermöglicht weite Reisen

Dass Flutwellen auch langfristige Konsequenzen für die Evolution haben können, wurde schon an anderer Stelle in Erwägung gezogen. Der niederländische Anthropologe Gert van den Bergh vermutet beispielsweise, dass die Vorfahren des Flores-Menschen (vulgo „Hobbit“) durch einen Tsnuami bis zur indonesischen Insel Flores gespült wurden - und sich dort zu einer eigenständigen Menschenart entwickelten. Die Reise durch den indischen Ozean gelang vermutlich, indem sich die Urmenschen auf Baumstämmen festklammerten.

Japanisches Fischerboot
John Chapman
In einem japanischen Boot fanden die Wissenschaftler sogar Fische

„Das Treibgut in Urzeiten bestand aus organischem Material und hatte eine geringe Lebensdauer“, betont Carlton. Holz zersetze sich auf dem Ozean, werde von Schiffswürmern zerstört oder sinke zu Boden. Das sei der entscheidende Unterschied zur Gegenwart: Plastikteile sind nämlich kaum natürlich abbaubar und ermöglichen viel längere Passagen. Laut einer Prognose der Ellen-MacArthur-Stiftung wird bis 2050 mehr Plastikmüll in den Meeren schwimmen, als es weltweit Fische gibt. Das ist einer der Gründe dafür, dass auch heute, sechs Jahre nach dem Tsunami, immer noch neue Arten aus Japan in Amerika ankommen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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