Am Ziel: Forscher durchwandern Alpen

Die Alpen durchwandern - das haben vier Forscher vier Monate lang gemacht. Dabei haben sie dokumentiert, wie sich die Alpen durch Klimawandel und Mensch verändern. Gestartet ist die Gruppe am 3. Juni in Wien, heute erreicht sie ihr Ziel: Nizza.

Noch 17 Kilometer bis zum Ziel, berichten die Forscher vom Projekt whatsalp heute morgen am Telefon. Sie sind gerade in La Turbie, kurz vor Nizza: „Hoch über der Côte d’Azur. Den Hügelrücken, den Ausläufer der Alpen werden wir dann hinuntergehen zum Meer“, schildert Dominik Siegrist, Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule für Technik in Rapperswil/ Schweiz gegenüber science.ORF.at

Blasen und Hornhaut für die Forschung

In Nizza endet die Alpenexpedition. Dort werden die vier Alpenforscher am frühen Nachmittag ins Meer hüpfen. 1.800 Kilometer haben sie zurückgelegt, zu Fuß; 75.000 Höhenmeter allein bergauf. „Meine Füße sind okay. Blasen kriegt man in den ersten zwei Wochen, wenn man nicht sorgfältig mit den Füßen umgeht. Aber nachher hat man Hornhaut und dann geht das wie von selbst.“

Die österreichischen Alpenexperten und Schweizer Geografen sind dem Alpenbogen gefolgt - durch Österreich, die Schweiz, Italien, Frankreich, um zu dokumentieren, wie Klimawandel und Mensch die Natur prägen, wie stark Gletscher schmelzen, wo sich Schigebiete breit machen und Straßen die Natur erschließen. „Wir sind seit vier Monten unterwegs: Es gibt viele Veränderungen im Alpenraum.“

Historischer Vergleich: Schigebiete

Vergleichen können sie die Veränderungen in der Natur mit einer ähnlichen Expedition vor 25 Jahren: TransALPedes im Jahr 1992; Dominik Siegrist war damals auch dabei.

Forscher durchwandern die Alpen
www.whatsalp.org
Die Gruppe am Weg mit Begleitern

Dass der Mensch sich in den Alpen breit macht, zeige sich zum Beispiel in Schigebieten: „Die künstliche Beschneiung ist ein großes Thema; Pisten planieren, Speicherseen. Das ist sehr auffällig, z.B. in der Steiermark und in Salzburg.“

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 29.9. um 12:00

Verkehr und Klimawandel

Auch der Verkehr in den Alpen habe stark zugenommen - Freizeit-Verkehr von Touristen genauso wie der Transit mit LKW, schildert der Schweizer Professor für naturnahen Tourismus.

Und natürlich die Klimaerwärmung - die Forschung weiß seit langem, dass sie die Alpen stärker trifft - das zeigt auch die Erfahrung der vier Forscher: „Sichtbar ist der Klimawandel natürlich besonders durch den Rückgang der Gletscher - z.B. die Pasterze in Österreich.“ Dass sich Gletscher zurückziehen, sei auch beim Rhone-Gletscher in der Schweiz besonders auffällig gewesen, ebenso im Mont-Blanc-Gebiet und bei Grand Motte in der französischen Savoie.

Berg in den Alpen
www.whatsalp.org
Impressionen von unterwegs

An „whatsalp“ sind mit drei Forschungsprojekten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ÖAW und der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA Institutionen beteiligt, die sich mit dem Alpenraum auseinandersetzen.

Dominik Siegrist und das Team von whatsalp haben aber auch Veränderungen zum Guten gesehen: z.B. setzen immer mehr Betriebe in den Alpen-Tälern auf Bio-Landwirtschaft; ein anderes Beispiel sind mehr Nationalparks - auch in Österreich - und Initiativen für umweltfreundlichen Tourismus.

Rat für Politik

Die Alpenexpedition dokumentiert nicht nur, sie zieht auch Lehren aus dem, was die Naturwissenschaftler gesehen haben und von Einheimischen gehört haben: „Die Klimapolitik sollte diesen Gebirgsraum besonders berücksichtigen. Wenn man bedenkt, dass hier die Erwärmung doppelt so stark ist wie in anderen Gebieten. Und auch der Verkehr ist ein Problem: Wir sollten Lösungen finden, um den Verkehr zu besänftigen und den Transitverkehr auf die Schiene zu bringen.“

Wanderer bei Regenwetter
www.whatsalp.org
Bei jedem Wetter

Immer wieder haben sich in den vergangenen Wochen Menschen den Weitwanderern angeschlossen, sind ein Stück des Weges zwischen Stephansplatz und Nizza mitgegangen. 200 waren es.

Am frühen Nachmittag werden die vier Forscher am Ziel sein, in Nizza am Strand, quasi am „Ende“ des Alpenbogens. Und sich da auch die Frage stellen: Wie werden die Alpen in 25 Jahren aussehen?

Barbara Riedl-Daser, ORF-Radio Wissenschaft

Mehr zum Thema