Nobelpreis für Verhaltensökonomie

Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an den US-Amerikaner Richard Thaler. Er wird für seine Beiträge zur Verhaltensökonomie ausgezeichnet. Dabei geht es um die Psychologie wirtschaftlicher Entscheidungen.

Das gab die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie in Stockholm bekannt. Thaler (72) lehrt an der Universität Chicago. Er habe gezeigt, dass begrenzte Rationalität, soziale Vorlieben und ein Mangel an Selbstbeherrschung systematisch Entscheidungen und Marktergebnisse beeinflussen, hieß es in der Begründung.

Richard Thaler
Carsten Rehder/AP
Erforscht die Psychologie von Marktentscheidungen: Richard Thaler

Der Wirtschaftspreis gehört - anders als die Auszeichnungen für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden - nicht zu den klassischen Nobelpreisen. Im Testament des schwedischen Industriellen Alfred Nobel taucht er nicht auf. Die schwedische Reichsbank stiftete den Preis erst 1968 im Gedenken an Nobel.

„Werde Geld unvernünftig ausgeben“

„Ökonomen sind menschlich“ - das ist nach Ansicht Thalers die wichtigste Erkenntnis aus seiner Forschung. „Wirtschaftliche Modelle müssen das berücksichtigen“, sagte der US-Forscher in einem Telefongespräch mit der Wissenschaftsakademie in Stockholm.

Die Akademie hatte den 72-Jährigen in Chicago aus dem Bett gerissen, um ihn über seine Auszeichnung zu informieren. Sein erster Gedanke sei gewesen, dass er seinen Freund Eugene Fama jetzt nicht mehr „Professor“ nennen müsse, meinte Thaler. Fama hatte 2013 den Wirtschaftnobelpreis gewonnen.

Nach dem Preisgeld von umgerechnet rund 940.000 Euro gefragt, sagte Thaler scherzend, eines seiner Spezialgebiete sei die „geistige Buchhaltung“ (bezugnehmend auf seine Theorie des „mental accounting“, Anm.). Deshalb könne er nicht laut beantworten, was er damit anfangen werde. Er werde „versuchen, es so unvernünftig wie möglich auszugeben“.

Die Theorie der mentalen Buchhaltung

In der Fachwelt erhielt die Akademie für ihre Entscheidung Zuspruch. „Richard Thalers Forschung ist hochaktuell und bietet nicht nur neue Einsichten, sondern auch praktische Lebenshilfen“, sagte der Präsident des Münchner IFO-Instituts, Clemens Fuest. „Er hat in seiner Forschung gezeigt, dass Menschen häufig nicht vollständig rational handeln, sondern eher einfachen Entscheidungsregeln folgen.“ Diese Entscheidungen, so Thalers Theorie, sind Teil der mentalen Buchhaltung - einer Art Kontoführung, die jeder Mensch im Geiste mit sich führt.

Als Beispiel nannte das Nobel-Komitee einen Taxifahrer, der es sich zur Angewohnheit gemacht hat, so lange zu fahren, bis er einen bestimmten Umsatz erreicht. An Tagen mit hoher Nachfrage hört er daher früher auf. An Tagen mit schwacher Nachfrage dagegen später. Das führt zu einer paradoxen Situation: Wenn viele Fahrgäste Taxis benötigen, sind relativ wenige Taxis unterwegs. Wenn wenige Gäste da sind, steigt hingegen das Angebot. Die nicht unvernünftig erscheinende Regel des Taxifahrers arbeitet in Summe also gegen die Abstimmung von Angebot und Nachfrage.

Cartoon: Brautpaar versucht bei Regen einen (zu teuren) Schirm zu kaufen
Johan Jarnestad/The Royal Swedish Academy of Sciences
Was ist fair? Ein Regenschirm zeigt, wie Konsumenten ticken

In Thalers Forschungen spielt auch das Konzept von Fairness eine wichtige Rolle. Auch hier präsentierte die schwedische Wissenschaftsakademie ein anschauliches Beispiel. Gemäß der Preisbestimmung durch Angebot und Nachfrage könnte ein Händler von Regenschirmen auf die Idee kommen, die Schirme bei plötzlichem Regen deutlich teurer anzubieten. Doch Konsumenten würden diesen Akt als gierig ablehnen - und der Händler würde sich damit langfristig selbst schaden. Firmen, die Fairnessnormen brechen, laufen daher Gefahr, durch Kaufboykotte bestraft zu werden. Das wiederum sorgt laut Thaler auf dem Markt für Preisstabilität.

Ben Greiner von der WU Wien führt den Einfluss Thalers neben seiner umfangreichen Forschung auch auf dessen publizistische Präsenz zurück. Thaler habe über viele Jahre die “Anomalies”-Rubrik im „Journal of Economic Perspectives“ herausgegeben und die meisten Artikel auch selbst verfasst. „Dort hat er Abweichungen menschlichen Verhaltens vom ökonomischen Standard-Verhaltensmodell beschrieben und mögliche Erklärungen und Konsequenzen für ökonomische Theorie diskutiert“, so Greiner.

Thaler sei auch ein Vorreiter und lautstarker Förderer des sogenannten Nudge-Ansatzes gewesen. Das heißt: Gesetze, Regeln, Formulare so zu designen, dass es den Nutzern leichter fällt, optimale Entscheidungen zu treffen. Greiner: „Man ‚stupst‘ Leute also sanft zu den richtigen Entscheidungen, gibt ihnen jedoch immer noch die Möglichkeit, etwas anderes zu wählen.“

Hollywood-Auftritt: Forscher spielt sich selbst

Mit seiner Arbeit hat es Thaler bis nach Hollywood geschafft. In dem Film „The Big Short“ - in dem es um das Entstehen der Finanzkrise 2007/08 geht - spielte der Forscher in einem Kurzauftritt sich selbst. In der Szene (siehe Video) erklärt er gemeinsam mit Selena Gomez in einem Spielcasino, wie das Geschäft mit synthetischen Collateralized Debt Obligations jene Krise befeuerte, die die Weltwirtschaft in ihre schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs stürzte.

Seit der ersten Verleihung 1969 wurden vor allem Ökonomen aus den USA ausgezeichnet - ein Trend, der sich auch in diesem Jahr fortsetzte. Im vergangenen Jahr hatte die Akademie den US-Amerikaner Oliver Hart und den Finnen Bengt Holmström für Forschungen zu Vertragskonstruktionen etwa von Topmanagern geehrt. Die mit neun Millionen schwedischen Kronen dotierte Auszeichnung wird gemeinsam mit den traditionellen Nobelpreisen am 10. Dezember - dem Todestag Nobels - in Stockholm verliehen.

Die naturwissenschaftlichen Nobelpreise

Den Chemienobelpreis ging letzte Woche an den Schweizer Jacques Dubochet, den in Deutschland geborenen Amerikaner Joachim Frank und den Briten Richard Henderson. Die drei Forscher wurden für die Entwicklung der Kryoelektronenmikroskopie ausgezeichnet, die hochauflösende Bilder von Biomolekülen ermöglicht.

Im Fach Physik gab es einen Favoritensieg. Hier wurden drei US-Forscher ausgezeichnet, die bedeutende Vorarbeiten zur Entdeckung der Gravitationswellen geleistet hatten: der in Deutschland geborene und vor den Nazis geflohene Forscher Rainer (Rai) Weiss sowie Kip Thorne und Barry Barish.

Die Auszeichnung im Fach Medizin ging in diesem Jahr an die US-Forscher Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young. Sie wurden für Arbeiten zur Funktion und Kontrolle der inneren Uhr geehrt.

science.ORF.at/APA/Reuters/dpa

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