Wie Heimat „gemacht“ wird

Was ist „Volk“ und was ist „Heimat“? Zwei Fragen, die in Zeiten wie diesen immer wichtiger werden. Antworten liefert das Volkskundemuseum in der Wiener Josefstadt seit 100 Jahren – und zwar äußerst „situationselastisch“.

Zum Jubiläum hinterfragt sich das Museum in der Ausstellung „heimat:machen“ ab Dienstagabend selbst. „Wir nehmen seine Geschichte unter die Lupe und schauen genau hin, wie der Umgang mit Objekten im Spiegel der politischen Systeme stattgefunden hat“, sagt Birgit Johler, eine der beiden Ausstellungskuratorinnen.

Vom Untergang der Monarchie über die Erste Republik, Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Zweite Republik war dieser Spiegel sehr vielfältig. Was „Heimat“ ist und wie sie sich in den Ausstellungen ausdrückt, war je nach politischem System sehr verschieden.

Identitätswerkstatt des Österreichischen

Rückblende: Gegründet wurde das Volkskundemuseum bereits 1895. In den ersten Jahren residierte es in Räumlichkeiten der Börse am Ring. Doch die Räume wurden schnell zu eng, und so übersiedelte man 1917 in ein Palais in die Laudongasse, im achten Wiener Gemeindebezirk, wo sich das Museum heute noch befindet.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal: 17.10., 12:00 Uhr.

„Im vorletzten Kriegsjahr herrschte in Wien große Not“, erzählt Johler. Das Geld wurde aber in die Hand genommen, um ein „vaterländisches Projekt zu finanzieren, das in seinen Sammlungen noch den Gedanken des Vielvölkerstaats verkörperte“.

Als dieser Gedanke mit der Monarchie untergegangen war, brauchte das übriggebliebene Land eine neue Identität - und mit ihm das Museum: „Es hat sich schnell arrangiert und ist zu einer Identitätswerkstatt des Österreichischen geworden“, sagt Magdalena Puchberger, Kulturwissenschafterin und ebenfalls Kuratorin der Ausstellung.

Volkstanzfest, Perchtoldsdorf, 1934
Österreichische Nationalbibliothek, Volksliedwerk
Volkstanzfest, Perchtoldsdorf, 1934

Schönperchten als Kronzeugen der Heimat

In den nächsten rund 25 Jahren zeigte sich, wie situationselastisch diese Identitätswerkstatt war: Während nämlich die Objekte der Dauerstellung zwischen 1920 und 1938 großteils unverändert blieben, änderte sich ihre Interpretation im Wechsel der politischen Systeme. Ein gutes Beispiel ist die im Salzburger Pinzgau verbreiteten Tresterer: Dabei handelt es sich um Schönperchten, die bei Umzügen von Haus zu Haus gehen und Tänze aufführen.

„Die Volkskundler verwendeten in verschiedenen Auflagen wissenschaftlicher Publikationen oft die gleichen Worte, um das Brauchtum zu beschreiben“, sagt Magdalena Puchberger. „Ihre Deutungen waren aber sehr unterschiedlich. In den 20er Jahren wurden die Tresterer zum typischen Beispiel einer städtischen Unterhaltungskultur erklärt, schon in den 1930er-Jahren wurden sie germanisch-nordisch gedeutet und ab 1945 als typisch österreichisch.“

Drei junge Tresterer beim Gautrachtenfest in Zell am See, 1937
Volkskundemuseum Wien
Drei junge Tresterer beim Gautrachtenfest in Zell am See, 1937

Verösterreicherung von Krippen

Zu einem „Kronzeugen der Heimat“ sind auch Weihnachtskrippen geworden. Vor der Jahrhundertwende bis in die 1920er Jahre dominierten in Österreich „orientalische Krippentypen“, wie Birgit Johler erzählt. „Sie stammten oft von Südtiroler Schnitzern, die nach Bethlehem pilgerten und sich bei ihren Krippen an der dortigen Landschaft und Architektur orientierten. Ab den 30er Jahren wurde die Weihnachtskrippe verösterreichert.“

Eine wichtige Rolle dabei spielte die Österreichische Heimatgesellschaft, die „Erlebnisagentur“ des Volkskundemuseums, wie sie die beiden Kuratorinnen bezeichnen. Die Gesellschaft veranstaltete in der Vorweihnachtszeit Krippenausstellungen und forcierte dabei die „Heimatkrippe“, die das Motiv aus dem Orient in die Tiroler Bergwelt transferierte und zu einem Leitobjekt der österreichischen Kultur stilisierte. Nach dem Motto: „Da fühlen wir uns daheim, so können wir Weihnachten am besten nachvollziehen“, so Johler.

Weihnachtskrippe, die in den 30er- Jahren in den Besitz des Museums kam
Volkskundemuseum Wien
Weihnachtskrippe, die in den 30er-Jahren in den Besitz des Museums kam

Volkskultur normieren und standardisieren

Dass dieser Transfer nicht in Tirol stattgefunden hat, sondern in Wien, ist kein Zufall. Zum einen weil das Volkskundemuseum nicht nur die bäuerliche und „völkische“ Kultur der Bundesländer gesammelt hat, sondern auch die proletarische Kultur des Roten Wien etwa in Form von Arbeiter-Trachtlern.

„Zum anderen weil hier das institutionelle Zentrum Österreichs war, um Bestandteile der Volkskultur zu normieren, zu standardisieren und dann wieder in den Bundesländern zu verbreiten“, so Magdalena Puchberger. Wie der richtige Tanz oder die richtige Tracht auszusehen hatte – das wurde oft in Wien entschieden. „1935 etwa wurde am Volkskundemuseum die Trachtenberatungsstelle gegründet, eine Zertifizierungsstelle für die echte Tracht“, sagt Birgit Johler.

Zertifizierungsmarken der Trachtenberatungsstelle im Volkskundemuseum
Christa Knott - Volkskundemuseum Wien
Zertifizierungsmarken der Trachtenberatungsstelle im Volkskundemuseum

Blütezeit im Nationalsozialismus

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich das Museum und die Volkskunde nach einigen Krisenjahren in einem Höhenflug. Als wissenschaftliche Disziplin war sie nie wichtiger als im Austrofaschismus, der „das Österreichische“ als Kontrast zu den Nationalsozialisten brauchte, und im Nationalsozialismus selbst, der die Volkskunde zur Leitwissenschaft machte.

Ausstellung

“heimat : machen“ - das Volkskundemuesum in Wien zwischen Alltag und Politik“: Volkskundemuesum, Laudongasse 15-19, 1080 Wien, 18.10.2017 – 11.3.2018

Unter den Nazis floss das Geld wie nie: Forscher des Museums suchten etwa im Waldviertel, dem „Ahnengau des Führers“, nach germanischen Ursprüngen und ihren Überbleibseln. Nach der Aussiedlung der Bewohner der Gemeinde Döllersheim sammelten Volkskundler gemeinsam mit dem Bund Deutscher Mädel Alltagsobjekte und und brachten sie nach Wien ins Museum. Stoffdruck-Modeln, die typisch sind für die Waldviertler Textilproduktion, sind Teil der aktuellen Ausstellung – ebenso die Kostüme der Tresterer und eine Weihnachtskrippe.

Für sie alle gilt laut Birgit Johler: „Museen müssen sich dauernd legitimieren, in dem was sie tun. Sie brauchen finanzielle Ressourcen, und das bedingt eine Beziehung mit der Politik. Das wird an jedem Objekt, das wir ausstellen, sichtbar.“

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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