Jagd auf die Gespenster der Vergangenheit

Steht die Welt heute vor einem Abgrund wie in den 30er Jahren, wie viele Intellektuelle befürchten? Nein, meint der Kulturhistoriker Léon Hanssen – als Hauntologe beschäftigt er sich mit den ideologischen Gespenstern der Vergangenheit.

„Hauntologie“ ist ein Begriff, den der französische Philosoph Jaques Derrida in den frühen 90er Jahren geprägt hat. „Er bezeichnete damit Phänomene der Vergangenheit, die wie Gespenster keine Ruhe gefunden haben. Sie spuken in der Welt der Lebenden herum und erschweren so ihre Zukunft“, erklärt Léon Hanssen gegenüber science.ORF.at.

Rückwärtsgewandtheit ohne Zukunft

Aufgegriffen wurde dieses Motiv in der Kulturwissenschaft. Britische Autoren wie Simon Reynolds und Mark Fisher übertrugen es auf die Popkultur. War die Popmusik bis zur Jahrtausendwende noch innovativ, so herrschte danach eine „Retromanie“ – eine Rückwärtsgewandtheit, die das Versprechen nach dem immer Neuen und immer Besseren im Pop durch Zitate aus der Vergangenheit ersetzte.

„Man sieht das auch beim Design“, sagt Hanssen. „Die neuesten Geräte sehen aus wie Leica-Kameras in den 50-er Jahren. Es ist fast idiotisch, dass eine Kultur, die sich selbst als fortschrittlich lobt, mit solchen Nachahmungen zufrieden ist.“ Die Gespenster der Vergangenheit könnten das Gefühl erzeugen, in einer „verdammten Welt ohne Zukunft“ zu leben – und von diesem Gedanken müsse man sich befreien.

Gegenwart nicht mit 1933 zu vergleichen

Dies treffe in gewisser Weise auch auf die Gegenwart der Politik zu. Hanssen teilt die pessimistische Weltsicht vieler Intellektuellenkollegen nicht. Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood etwa zog am vergangenen Wochenende bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Parallelen zu den 1930er Jahren. Wie damals gebe es heute starke totalitäre Tendenzen, meinte die Autorin des zuletzt sehr erfolgreich verfilmten Romans “The Handmaid’s Tale“ - mit dem Unterschied, dass sie diesmal in den USA zu beobachten seien. Hanssen hält das für übertrieben und rät zu mehr Gelassenheit im politischen Urteil.

Im "Handmaids Tale"-Stil verkleidete Frauen, die im Juli 2017 vor dem US-Kapitol in Washington demonstrieren
Reuters
Im „Handmaids Tale“-Stil verkleidete Frauen, die im Juli 2017 vor dem US-Kapitol in Washington demonstrieren

Veranstaltungshinweis

Am 23.10. hält Léon Hanssen einen Vortrag am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuniversität Linz: “Versuch einer Hauntologie des Schicksaljahrs 1933“. Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien. Zeit: 18.15 Uhr

Der Niederländer ist seit Anfang Oktober in Wien, um über den Maler Piet Mondrian und die Wiener klassische Moderne zu forschen. Das Finale des österreichischen Wahlkampfs hat er bereits „live“ mitverfolgt. Dass die Grünen nicht mehr im Parlament sind, findet er schade. Und: „Sebastian Kurz macht einen sehr cleveren Eindruck. Ihm ist die Parole der Erneuerung sehr wichtig, auch wenn er vage bleibt, wie die aussehen wird“, so der Kulturhistoriker. „FPÖ-Chef Strache und er sind demokratisch gesinnte Leute, jeder Vergleich mit den 1930er Jahren erscheint mir absurd.“

Zeit ist mehr als nur Dekor

Im Vergleich zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs gehe es Europa heute sehr gut, auch die Probleme des Islamismus würden übertrieben und die westliche Welt würde zu ängstlich reagieren. „Die Attentate sind zwar grausam und zu missbilligen, aber kein Anlass zur Verzweiflung“, findet Hanssen. Die 30er Jahre mit ihrem politischen Extremismus, einer hohen Arbeitslosigkeit, einem ungeheuren Antisemitismus und dem knapp zurückliegenden Ersten Weltkrieg seien mit der Gegenwart nicht zu vergleichen. Dennoch sei speziell das „Schicksalsjahr 1933“, in dem Hitler in Deutschland an die Macht kam, immer noch ein Gespenst im Sinne der Hauntologie.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 24.10., 13:55 Uhr.

Hanssen hält wenig davon, historische Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, 1933 sei aber aus einem anderen Grund interessant. „Wenn wir über die Biografien berühmter Leute reden, betrachten wir die Zeit oft als Dekor des Bildes - als Rahmen, der eigentlich nicht so wichtig ist. Aber in dem Fall sieht man, wie aktiv die Zeit an einer Biografie mitschreibt.“ Ein Beispiel dafür sei der von ihm untersuchte Piet Mondrian. Der Maler lebte 1933 in Paris, liebte die „Hauptstadt der westlichen Kultur“ und war „französischer als die Franzosen“.

Ab 1933 begann er Hitler zu fürchten, 1938 verließ Mondrian Stadt, die er nie verlassen wollte: erst nach London, dann nach New York. „Dort fing für ihn eine neue Ära an. Die Kritiker bezeichneten ihn als Kopf der neuen abstrakten Malerei. Mondrian wurde zur Erfindung Amerikas. Das wäre nie geschehen, wenn er in Paris geblieben wäre und es das Schicksalsjahr 1933 nicht gegeben hätte.“ Ein Beispiel für viele andere, die weit tragischere Schicksale erlitten haben.

“Mit Gespenstern abfinden“

Die größten Gefahren heute seien nicht Islamismus oder Antisemitismus, sondern die Sehnsucht nach dem „starken Mann“, findet Hanssen. Eine Sehnsucht, die in Russland, den USA oder der Türkei bereits befriedigt wird. In Deutschland, Frankreich, seiner Heimat Holland und nun Österreich sieht er dafür keine Anzeichen.

Die ideologischen Gespenster der Vergangenheit spuken zwar überall herum, „aber als Historiker muss ich sagen, dass es zu viele Unwägbarkeiten und Variablen gibt, um den Vergleich mit den 1930er Jahren sinnvoll zu ziehen. Die Geister spuken herum – damit muss man sich abfinden.“

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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