Seltsame Schädelschrumpfung

Um die kalte Jahreszeit zu überstehen, haben Spitzmäuse eine außergewöhnliche Strategie entwickelt: Sie schrumpfen vor dem Winter um ein Fünftel - selbst Gehirn und Schädelknochen machen die Schrumpfung mit.

„Spitzmäuse“, sagt der deutsche Biologe Moritz Hertel, „leben auf der Überholspur“. Gemeint ist ihr Stoffwechsel. Der ist nämlich so schnell, dass die Spitzmäuse ununterbrochen fressen müssen, um nicht zu verhungern. Schon zwei Stunden ohne Nahrung sind für sie tödlich. Ihre saisonale Schrumpfung ist offenbar eine Anpassung an das dem Stoffwechsel eingeprägte Hochtempo.

Der „Dehnel-Effekt“

Das Phänomen als solches ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Dem polnischen Zoologen August Dehnel fiel bereits vor 70 Jahren auf, dass Winter-Spitzmäuse deutlich kleiner waren als jene, die ihm während des Sommers mit seine Fallen gegangen waren. Dieser „Dehnel-Effekt“ wurde in der Fachgemeinde lange mit Skepsis aufgenommen. Dehnel, so das Argument, könnte einen Scheineffekt beobachtet haben, der dadurch zu erklären sei, dass große Tiere im Winter schlicht häufig sterben.

Röntgenaufnahme einer Spitzmaus
Javier Lázaro
Röntgenbilder zeigen: Der Schädel der Spitzmaus schrumpft an den Knochennähten

Dass das nicht so ist, hat nun Hertel mit seinem Team in Versuchen in Labor und Freiland nachgewiesen. Die Forscher legten Spitzmäuse im Verlauf einer Saison mehrfach in das Röntgengerät und wiesen nach, dass die Tiere tatsächlich vor dem Winter rund ein Fünftel schrumpfen. Betroffen ist der ganze Körper inklusive der inneren Organe, selbst Rückgrat, Hirn und Schädelknochen schrumpfen mit. Im Frühjahr kehrt sich der Trend um, da legen die Insektenfresser wieder um 15 Prozent an Größe zu und bleiben damit unter dem Niveau vom Vorjahr.

Überleben im Energiesparmodus

Werden die Spitzmäuse also von Saison zu Saison immer kleiner? „Nein“, sagt Hertel. „Die Tiere werden maximal 13 Monate alt. Sie durchlaufen diesen Zyklus nur einmal.“ Normalerweise haben große Tiere bei Kälte einen Überlebensvorteil (in der Zoologie als Bergmann-Regel bekannt), die Spitzmäuse indes setzen auf eine andere, kurzfristige Strategie - die da lautet: Den Verbrauch drosslen, wo es geht, im Energiesparmodus kommt man in kargen Zeiten besser über die Runden.

Die Schrumpfung ist, wie Hertel betont, übrigens kein Hungerprozess, „sondern ein genetisches Programm, das schon im August unter idealen Futterbedingungen startet. Ende Februar, Anfang März beginnen sie wieder zu wachsen.“ Der Sinn der Sache: In der folgenden Saison steht die Fortpflanzung an. Da gilt es, zumindest nach Spitzmausmaßstäben, wieder bei Kräften zu sein.

Robert Czepel, science.ORF.at

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