Jüdische Emigranten für alle hörbar

Rund 45.000 Juden sind während und nach dem Nationalsozialismus nach New York oder Israel geflohen. Österreichische Zivildiener haben sie dort in den letzten 30 Jahre aufgesucht und interviewt. Die Geschichten sind ab sofort in einem Onlinearchiv zugänglich.

„Wir hatten nicht erwartet, dort lange zu bleiben. Wir erwarteten, dass der Krieg bald wieder zu Ende gehen würde, und wir gehen alle wieder nach Hause“, sagt Frederick Terna. Am 3. Oktober 1941 wurde der damals in Prag lebende Siebzehnjährige von der Gestapo verhaftet und in das Lager in Linden bei Deutsch Brod gebracht; es folgten Internierungen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Kaufering.

Dass er an den Erfahrungen jahrelanger Gefangenschaft und Zwangsarbeit nicht zerbrach, schreibt Terna unter anderem dem Umstand zu, dass sich die jungen Männer im Lager gegenseitig unterrichteten - mit Faust, Theaterstücken und anderen hineingeschmuggelten Büchern, die seitenweise unter den Häftlingen aufgeteilt wurden.

Fred Terna 2016 in New York
Daniel Terna
Fred Terna 2016 in New York

„Ich habe viel gelernt in dem Lager - Mathematik, Geschichte, französische Dichtung. Es war etwas absurd, in einem Konzentrationslager unter verhungerten Häftlingen sozusagen ein Seminar abzuhalten. Aber es war unglaublich wichtig, denn es hielt unsere seelischen Kräfte zusammen“, berichtet Frederick Terna, der nach dem Krieg über Frankreich und Kanada schließlich in die USA nach New York flüchtete.

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch das Mittagsjournal am 23.10., 12:00.

Vorerst zwölf Lebensgeschichten online

Seine Geschichte ist eine von insgesamt 600, die junge Freiwillige aus Österreich seit 1996 in New York und Israel aufgezeichnet haben. Zwölf davon wurden nun mit großem Aufwand und Liebe zum Detail auf der Homepage „Austrian Heritage Archive“ online gestellt; in den nächsten drei Monaten sollen acht weitere Profile folgen.

Neben biografischem Material, ehemaligen Schul- und Wohnorten, Landkarten sowie Fotos findet man die Interviews zudem nach Themenbereichen unterteilt, erklärt einer der Mitinitiatoren Philipp Rohrbach vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Ziel ist es, „Leute ihre Lebensgeschichten erzählen zu lassen, aber dabei natürlich auf die Zeit vor 1938 zu sprechen zu kommen, auf die religiösen und politischen Traditionen in den Familien. Dann die Zeit der Verfolgung selbst, wie haben sie´s raus geschafft und wer hat ihnen dabei geholfen, die Papiere zu kriegen. Und dann natürlich das Ankommen im neuen Heimatland - also, was waren die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren?“

Info

Die originalen Aufzeichnungen und Sammlungen verschiedener Gegenstände sind am Leo Baeck Insitut in New York sowie in Jerusalem archiviert. Das Institut wurde von deutschsprachigen Emigranten und Emigrantinnen gegründet und zählt heute zu den weltweit führenden Forschungsinstitutionen zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums.

Viele der Interviewten leben heute nicht mehr. Dem Problem des Vergessens wollen die Macher des Onlinearchivs bewusst gegensteuern, wie die Mitinitiatorin und Historikerin Adina Seeger vom Verein Gedenkdienst erklärt - jene Organisation, die die Zivildienstleistenden seit den 90er Jahren koordiniert. „Über die Möglichkeiten des Digitalen bleiben diese Geschichten in Erinnerung und sind für Schulklassen und für Bildungsprogramme in Österreich sowie überall auf der Welt abrufbar.“ Demnach werden auf der Homepage auch Lehrmaterialien über den Zweiten Weltkrieg mit persönlichen Geschichten verknüpft.

Wie etwa mit jener von Felicia Breitner. Bevor sie als Teenager im Jahr 1939 nach England floh, lebte sie im 16. Wiener Gemeindebezirk. Im Interview erzählt sie unter anderem, wie sich der Antisemitismus bereits in den Jahren davor in ihrer Schule bemerkbar machte. „Zudem geht es bei ihr auch um Identität, da sich ihre Lebensgeschichte irgendwo zwischen Ottakring, England und schließlich Israel abspielt, wo sie heute lebt.“

Abschiedsfeier für Breitner in Istrael 1957
Leo Baeck Institut Jerusalem
Abschiedsfeier für Breitner (2.v.l.) vor ihrer Emigration nach Israel 1957 in England

Lücken im Archiv

Eine Generation fehlt in dem Archiv aber und das sind die Eltern. Denn die meisten Interviewten waren zur Zeit des Nationalsozialismus Kinder, Teenager und junge Erwachsene. „Das reißt natürlich ein großes Loch in die Gesamtdokumentation, was aber natürlich stark damit zusammenhängt, wie die Republik ihre Verantwortung in den Jahrzehnten nach dem Weltkrieg wahrgenommen hat“, sagt der Historiker Philipp Rohrbach, der selbst im Jahr 2007 Gedenkdiener in New York war.

Erst im Jahr 1991 - und damit 46 Jahre nach Kriegsende - gestand mit dem damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky erstmals ein österreichischer Regierungschef die Mitschuld Österreichs am Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus öffentlich ein. „Erst dann konnten solche Projekte wie Gedenkdienst überhaupt erst gestartet werden“, so Rohrbach.

Außer als Archiv für private Interessierte und Schuleinrichtungen versteht sich das Austrian Heritage Archive auch als Datenbank für mögliche Forschungsprojekte. Hierfür bietet die Webseite ein umfangreiches Recherchetool.

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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