Ältestes Tsunami-Opfer starb vor 6.000 Jahren

Forscher haben in Papua-Neuguinea Knochen eines Menschen untersucht, der das älteste Opfer eines Tsunamis sein könnte. Die Fundstätte weist auf eine Riesenwelle hin, die vor 6.000 Jahren über die Insel geschwappt ist.

Die Teile eines Schädels hat der australische Geologe Paul Hossfeld bereits 1929 in einem Mangrovenwald nahe der Küstenstadt Aitape gefunden. In der Gegend hat ein Tsunami 1998 über 2.000 Menschenleben gefordert.

Kein homo erectus

Lange Zeit ging man davon aus, dass die Überbleibsel von einem homo erectus – einer ausgestorbenen Art der Gattung homo – stammen. Radiokarbonmessungen zeigten später, dass der Schädel doch „nur“ 5.000 bis 6.000 Jahre alt ist.

Studie

"Reassessing the environmental context of the Aitape Skull - the oldest tsunami victim in the world”, PLOS ONE, 25.10.2017

„Hossfeld hat damals keine Bodenproben gesammelt“, sagt Mark Golitko, Studienautor und Anthropologe an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. „Er hat nur eine Feldbeschreibung gemacht, den Schädel entnommen – und das war’s!“

Der 6.000 Jahre Schädel
Arthur Durband
Der 6.000 Jahre Schädel

Vor drei Jahren haben Golitko und Kollegen aus der Region deshalb die Arbeit ihres Vorgängers fortgesetzt. Sie fuhren an die Stelle der beschriebenen Mangroven, die vor 6.000 Jahren noch näher an der Küste lagen, entnahmen dem Boden Sedimentproben und untersuchten diese im Labor. Zudem analysierten sie den Schädelknochen noch einmal genau und veröffentlichten die Ergebnisse nun in einer Studie.

Tödliche Flutwelle

Die Bodenproben von Aitape wiesen starke Ähnlichkeiten mit den Sedimenten auf, die nach dem Tsunami 1998 übrigblieben. Ihre chemische Zusammensetzung deutet laut den Forschern darauf hin, dass der Schädel plötzlich einer großen Menge an frischem Meerwasser ausgesetzt war, als er verschüttet wurde. Es könnte zwar sein, dass der Knochen erst vergraben und kurz danach durch eine Riesenwelle ausgeschwemmt worden ist. Wahrscheinlicher ist es aber laut Golitko, dass die Ursache für den Tod und die Verschüttung die gleiche war.

Für die Tsunami-These sprechen auch weitere Parallelen zu 1998. Die Flutwelle drang damals fünf Kilometer landeinwärts; die Sammlung von Opfern wurde nach einer Woche eingestellt, da Krokodile begonnen hatten sie aufzufressen. Eine Zerstückelung, die auch erklären könnte, warum vom Atapui-Mann nur der Schädel gefunden wurde und keine weiteren Überbleibsel.

Tsunamis dürften in der Geschichte und Vorgeschichte von Küstenbewohnern also immer schon eine wichtige Rolle gespielt haben, mutmaßen die Forscher. Die Opferzahlen der kürzlich zurückliegenden sind horrend: Über 230.000 Menschen kamen 2004 nach dem Sumatra-Beben ums Leben, rund 16.000 Menschen 2011 in Japan.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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