„Vorurteilsfalle“ prägt Schachspiel

Frauen denken anders als Männer und spielen daher schlechter Schach: Dieses Vorurteil kann dazu führen, dass sie wirklich schlechter spielen. Eine riesige Studie zeigt nun, dass das nicht stimmt - die „Vorurteilsfalle“ schnappt ganz anders zu als gedacht.

Das Thema „Männer und Frauen im Schach“ ist ein Dauerbrenner. In fast regelmäßigen Abständen befeuern es männliche Großmeister, die die Überlegenheit ihres Geschlechts biologisch erklären. Vor zwei Jahren etwa war der britische Großmeister Nigel Short an der Reihe. Short machte unterschiedliche Gehirnverdrahtungen für die Unterschiede verantwortlich, obwohl er selbst gegen die Ungarin Sofia Polgar eine negative Spielbilanz aufweist.

Dass Großmeister gegen Frauen nicht unbedingt gerne verlieren, zeigte etwa Viktor Kortschnoi, der in einem solchen Falle eher unwirsch reagierte, wie ein YouTube-Video zeigt.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Anekdoten wie diese können die grundlegenden Fragen freilich nicht beantworten: Warum sind die allermeisten Schachspieler männlich, und warum spielen die Topmänner tatsächlich besser? Eine Erklärung jenseits der Biologie heißt „stereotype threat“ und wurde vor über 20 Jahren vom US-Sozialpsychologen Claude Steel erstmals formuliert.

Gemeint ist damit der Umstand, dass Vorurteile bei den Betroffenen die Angst auslösen können, diese Vorurteile zu bestätigen – wodurch das Verhalten negativ beeinflusst wird. Studien haben eine Reihe dieser selbsterfüllenden Prophezeiungen untersucht: Mathematiktests von Mädchen, denen zuvor erklärt wurde, dass Mädchen schlechter rechnen können, fielen tatsächlich schlechter aus. Angehörige von Minderheiten schnitten bei solchen Tests unter ähnlichen Bedingungen ebenfalls schlechter ab.

Die Chinesin Hou Yifan, die aktuell beste Schachspielerin der Welt, bei einem Duell mit dem indischen Großmeister Parimarjan Negi
Tim Vizer/AP Images for Ascension
Die Chinesin Hou Yifan, die aktuell beste Schachspielerin der Welt, bei einem Duell mit dem indischen Großmeister Parimarjan Negi

Der „stereotype threat“ ist also kein Hirngespinst der Sozialpsychologie, wie weit er aber tatsächlich reicht, ist umstritten. Ein im Vorjahr erschienener Übersichtsartikel sprach von einem „kleineren bis mittleren Effekt“. Eine andere Studie konstatierte hingegen einen Publikationsbias: Positive Ergebnisse, die die Stereotypengefahr bestätigen, würden eher veröffentlicht als negative – und die Wirkung somit übertrieben. Ein weiteres Manko: Viele der Studien wurden mit Freiwilligen im Labor gemacht, die „echte Welt“ sieht aber oft anders aus.

Schachspiel als Beispiel für das „echte Leben“

Genau aus diesem Grund hat der Psychologe Tom Stafford von der Universität Sheffield nun einen anderen Weg gewählt, das Phänomen zu untersuchen. Er hat 5,5 Millionen Duelle von Schachspielern analysiert, die einander bei Wettkämpfen des Internationalen Schachverbands (FIDE) zwischen 2008 und 2015 gegenüberstanden. 151.000 von ihnen waren Männer, 16.000 Frauen. Das individuelle Leistungsniveau kann man im Schach mit Hilfe der ELO-Zahl gut überprüfen und vergleichen, eine riesige Anzahl von Daten also aus dem „echten Leben“, in dem Vorurteile eine wichtige Rolle spielen.

Die Grundannahme von Stafford: Sollte der „stereotype threat“ tatsächlich bestehen, müssten die Leistungen der Frauen bei Spielen gegen gleich starke Männer schlechter sein – denn dann spielen sie nicht nur gegen den Mann, sondern auch gegen sein Vorurteil. Die Auswertung der Daten zeigte aber das Gegenteil: Schachspielerinnen gewannen gegen gleich starke Männer öfter als gegen gleich starke Frauen, und zwar in allen Altersklassen.

Auch war die Wahrscheinlichkeit, dass spielschwächere Frauen einen Außenseitersieg gegen einen Mann mit deutlich mehr ELO-Punkten landen können, höher als der umgekehrte Fall. „Schachspielerinnen sind weit davon entfernt, unter einem ‚stereotype threat‘ zu leiden“, fasst es Stafford in seiner Studie zusammen. „Ihre Leistung wird deutlich angekurbelt, wenn sie gegen Männer spielen.“

Die 14-jährige Jana Schneider ist 2017 deutsche Schachmeisterin der Frauen geworden
Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Die 14-jährige Jana Schneider wurde im April 2017 deutsche Schachmeisterin der Frauen

Männer unterschätzen Frauen

Stafford will mit seiner Studie weder sagen, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen einzig biologisch zu erklären sind, noch dass der Vorurteilseffekt nicht existiert. Er fügt deshalb hinzu, dass das Phänomen bisher vor allem beim Erlernen neuer Aufgaben bemerkt und untersucht wurde: Dabei entsteht die Angst, Vorurteile zu bestätigen, die dann die eigene Leistung verschlechtert.

Spielerinnen mit ELO-Zahlen sind hingegen seit vielen Jahren an Schach gewöhnt, was für sie offenbar sogar ein psychologischer Vorteil sein kann. „Der große Druck internationaler Wettbewerbe könnte zu einer Professionalisierung führen, der die Spielerinnen vor der Vorurteilsfalle schützt“, schreibt Stafford. Dass dies offenbar ein Prozess ist, durch den „frau durch muss“, zeigte eine Studie aus dem Jahr 2014: Fünf bis 15 Jahre alte Mädchen konnten damals im Duell mit gleichaltrigen Buben ihre Spielstärke nicht so gut abrufen wie ihre Kontrahenten.

Wer es bis in die Ligen der Erwachsenen schafft, dürfte dort aber einen psychologischen Vorteil haben – bzw. Männer einen Nachteil. Stafford hält einen Mechanismus für möglich, dass Männer Frauen am Schachbrett tendenziell unterschätzen und deshalb eher Fehler machen als unter Geschlechtsgenossen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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