Der Zufall prägt die Sprache

Vor 600 Jahren haben Engländer „Say they?“ gesagt, heute sagen sie „Do they say?“. Woher kommen Veränderungen wie diese? Forscher haben dazu nun englische Texte aus 900 Jahren verglichen und kommen zu dem Schluss: Vieles ist Zufall.

Wie sich das Hilfszeitverb „do“ entwickelt hat, untersuchte ein Team um Joshua Plotkin von der University of Pennsylvania anhand von 1.220 historischen britischen Texten. Das „do“ tauchte in Fragen um das Jahr 1500 auf und erst zweihundert Jahre später war es auch in Aussagesätzen gebräuchlich.

Plotkin dazu: „Dass sich das ‚do‘ in Fragesätzen durchsetzte, geschah zufällig. Aber als es in Fragen immer dominanter wurde, wurde es auch in anderen Sätzen verwendet, wahrscheinlich um grammatikalische Übereinstimmung herzustellen. In dieser zweiten Phase ist Selektion nachweisbar.“

Nicht alles ist natürliche Selektion

Die Selektion, die Plotkin anspricht, ist ein Begriff aus der Evolutionstheorie. Die Linguistik sei stark von den Theorien Darwins geprägt, die ausschließlich von natürlicher Selektion ausgehen, so der Biologe gegenüber science.ORF.at. Die meisten Sprachwissenschaftler würden denken, dass sprachlicher Wandel einen bestimmten Grund hat, beispielsweise eine gesellschaftliche Veränderung.

„Dadurch wird der Faktor Zufall vernachlässigt“, sagt Plotkin. In der Biologie weiß man aber, dass Veränderungen nicht nur durch natürliche Selektion, sondern auch durch zufällige Genabweichungen passieren. Dieses Zufallselement sei auch in der Entwicklung von Sprachen anzutreffen und werde in der modernen Linguistik unterschätzt, meint Plotkin.

Schriftzeichen der englischen Sprache
Mitchell Newberry 2017

Drei Generationen englischer Texte: altes Englisch (oben, Beowulf), Mittelenglisch (Chaucer) und frühes Neuenglisch (unten, Shakespeare)

Zufall schwankt

Um den Zufall nachzuweisen, hat sein Forscherteam mehrere digitalisierte englische Textkorpora vom 12. bis ins 21. Jahrhundert analysiert. Mithilfe von mathematischen Modellen aus der Populationsgenetik könne man messen, wie häufig Schwankungen normal auftreten: „Wenn eine Abweichung signifikant größer ist, dann gehen wir von einem Grund für diese Veränderung aus, also von Selektion. Etwa, wenn die Veränderung sehr schnell geht und immer nur in dieselbe Richtung. Wenn aber Veränderungen durch leichte Auf- und Abschwankungen entstehen, dann sind sie reiner Zufall“, so Plotkin.

Die Wissenschaftler nahmen grammatikalische Veränderungen im Englischen unter die Lupe. Unter anderem untersuchten sie den Gebrauch von Verben mit zwei Varianten in der Vergangenheit (past tense) und konnten feststellen, dass es bei einem Großteil der Verben zufällig war, welche Variante sich durchsetzte.

Ein Textkorpus mit mehr als 100.000 amerikanischen Texten aus den Jahren 1810 bis 2009 diente als Forschungsgrundlage. Bei sechs der 36 untersuchten Verben mit zwei Vergangenheitsvarianten konnten die Forscher eine Selektion ausmachen. Beim Großteil ist die Veränderung statistisch gesehen zufällig, wie beispielsweise beim Übergang vom früheren „builded“ („baute“) zur heute gebräuchlichen unregelmäßigen Form „built“.

Kein Zufall: Reime bevorzugt

In der Sprachwissenschaft geht man grundsätzlich davon aus, dass sich durch Selektion regelmäßige Verbformen durchsetzen. Wer einen Wandteppich gewebt hat, kann beispielsweise sagen „I weaved a tapestry“ oder „I wove a tapestry“. Früher waren beide Formen gebräuchlich, heute gebe es einen klaren Trend zu „weaved“.

Die regelmäßige Form werde das unregelmäßige „wove“ in Zukunft wahrscheinlich gänzlich ersetzen. Dass sich durch Selektion immer die regelmäßige Form durchsetzt, konnten die Wissenschaftler aber nicht bestätigen: Nur bei zwei der sechs Verben, bei denen Selektion nachgewiesen werden konnte, ist die regelmäßige Form dominierend.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 2.11., 13:55 Uhr.

Plotkin und seine Kollegen konnten mit der Datenanalyse zeigen, dass Selektion auch die unregelmäßige Form bevorzugen kann. Auf Englisch kann man zwischen “I dived into the swimming pool“ und “I dove into the swimming pool“ wählen, wenn man sagen will, dass man in ein Schwimmbecken eingetaucht ist.

Im amerikanischen Englisch setzte sich aber die unregelmäßige Form „dove“ durch. Der Grund für diese Selektion ist ein Reimmuster. Zu der Zeit, als Autos erfunden wurden, wurde das Wort „drive“ merklich häufiger verwendet – und damit auch seine einzige Vergangenheitsform „drove“. „Dive, dove“ reimt sich auf „drive, drove“, das plötzlich in aller Munde war. Diese phonologische Ähnlichkeit führte zum Siegeszug der Form „dove“.

Kann nicht alles erklären

Der Biologe Plotkin stellt klar, dass er den Zufall nur als einen weiteren Faktor ins Spiel bringen wolle und man nicht alles damit erklären könne: „Gerade wenn wir eine grammatikalische Veränderung in mehreren Sprachen beobachten können, ist das immer ein Zeichen für einen äußeren Einfluss, der zu Selektion führt.“

Dennoch: „Wenn man zufällig in der Kindheit eine Form öfter hört als die andere, dann nimmt man diese an. Solche Zufälle können dazu führen, dass das Wort öfter gebraucht wird im Laufe der Zeit.“ Diese Zufälligkeit genüge, um so manche Veränderung zu erklären.

Katharina Gruber, Ö1-Wissenschaft

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