„Das war kein Sozialismus“

Nach gregorianischem Kalender begann am 7. November 1917 die russische Oktoberrevolution. Was anfangs von vielen gar nicht zur Kenntnis genommen wurde, prägt das Bild von „Sozialismus“ bis heute – zu Unrecht, meint der Historiker Moishe Postone.

Denn der Sowjetkommunismus sei keine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus gewesen, wie es sich Karl Marx vorgestellt hat, sondern hat auf brachiale Weise Kapital erst begründet.

Beginn einer totalitären Gesellschaft

Ein Platzpatronenschuss des Panzerkreuzers „Aurora“ war das Signal: Am Abend des 25. Oktober – nach dem in Russland damals noch üblichen julianischen Kalender – griffen die Bolschewiken den Winterpalast in Petrograd an und setzten die aus Sozialdemokraten bestehende Übergangsregierung ab.

Die ersten Handlungen der neuen Regierung unter Lenin und Trotzki waren ein bedingungsloser Waffenstillstand im Weltkrieg, der gerade tobte, und die Enteignung der Großgrundbesitzer. Was danach kam, ist Geschichte: der Sowjetkommunismus als totalitäre Gesellschaft, die erst 70 Jahre später untergegangen ist.

Der Versuch der bolschewistischen Revolutionäre, die Geschichte zu beschleunigen, hat nicht zu einer postkapitalistischen Gesellschaft geführt, sondern erst die Bedingungen geschaffen für die Anhäufung von Kapital, meint Postone. Die darauffolgenden Gräuel hätten mit Marx, auf den sich die Protagonisten berufen, wenig zu tun, so der Historiker an der University of Chicago und einer der renommiertesten Marx-Kenner der Gegenwart.

science.ORF.at: Wie ordnen Sie die Oktoberrevolution heute historisch ein?

Porträtfoto von Moishe Postone
ORF, Lukas Wieselberg

Zur Person

Moishe Postone ist Professor für Moderne Geschichte an der University of Chicago und derzeit Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

Moishe Postone: Sie hatte eine Bedeutung, die über sich selbst hinausverwiesen hat – und war widersprüchlich. Auf der einen Seite war es die erste Revolution, die von Sozialisten angeführt wurde, mitten in der enormen Zerstörungsgewalt des Ersten Weltkriegs. Das ist einer der Gründe, warum sie große Hoffnung erzeugt hat, auch für Menschen außerhalb der späteren Sowjetunion.

Das kann man zum Teil auch in der sowjetischen Kunst der 20er Jahre sehen, die genauso avantgardistisch war wie etwa die Kunst in Deutschland zur gleichen Zeit. Auf der anderen Seite ist unklar, ob das sozialdemokratische Regime, das seit Februar 1917 an der Macht war, überlebt hätte, auch wenn es nicht durch die Bolschewiken weggeputscht worden wäre. Klar ist hingegen, dass diese Revolution - anders als die Sozialdemokratie - nicht auf eine evolutionäre Entwicklung gewartet hat. Sie war der Versuch, die Geschichte im Namen der Geschichte voranzutreiben. Heute könnte man hinzufügen, dass sich die Geschichte dafür gerächt hat.

Wie sah diese Rache aus?

Postone: Die Herrschaftsform, die die Sowjetunion entwickelt hat, war den staatlich organisierten Gesellschaften des Westens sehr ähnlich. Mit dem Unterschied, dass sie nicht Resultat einer inneren Entwicklung war, sondern einer Kommando-Ökonomie. Als die erhoffte Revolution in Deutschland nicht eingetreten ist und die Bolschewiken auf sich selbst zurückgeworfen waren, kam es zu einer staatlich verordneten „ursprünglichen Akkumulation“, wie es Marx genannt hat. Also zur Bildung von nationalem Kapital. Und das hatte überhaupt nichts mit einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus zu tun, die Marx im Sinne hatte.

Was hätte Marx zu der Oktoberrevolution gesagt?

Postone: Ich denke, er wäre sehr gespalten gewesen. Bei ihm gab es eine starke Spannung zwischen dem Revolutionär Marx und dem Analytiker Marx. Der Revolutionär wäre vielleicht begeistert gewesen. Aber der Analytiker hätte wohl erkannt, dass das, was in der Sowjetunion geschaffen wurde, Kapital war. Dafür spricht auch, dass die Unterschiede zwischen Sozialismus und Kapitalismus nicht mehr zeitlich verstanden wurden – als Entwicklungsphasen der Geschichte –, sondern räumlich. Es gab plötzlich das sozialistische Lager und das imperialistische Lager. Auf einer Weltkarte konnte man nachschauen, welche Teile rot sind und welche weiß oder blau oder anders gefärbt. Der Begriff der Lager hat dazu beigetragen, die Idee des Sozialismus zu zerstören: als eine Gesellschaft jenseits des Kapitals.

Marx hat erwartet, dass die Revolution in wirtschaftlich entwickelten Ländern stattfindet und nicht in einem von Landwirtschaft geprägten Land wie Russland – hätte das dem „Revolutionär“ überhaupt gefallen können?

Postone: Wahrscheinlich nicht. Aber der späte Marx war in der Frage, ob das bäuerlich geprägte Russland die kapitalistische Entwicklung umgehen kann, ambivalent. Er wollte nicht nur als Geschichtsdeterminist erscheinen, für den es nur die eine „logische“ Entwicklung gibt. Nichtsdestotrotz zeigt die Geschichte der Sowjetunion, dass Marx‘ Vision einer Gesellschaft jenseits der Arbeit des Proletariats unmöglich war, weil sie dieses erst begründen musste. Viele haben das vergessen, aber Marx war bei der Frage, was historisch möglich ist und was nicht, ganz eindeutig. Die meisten Menschen des 19. Jahrhunderts waren Bauern und sie haben stark gelitten. Dieses Leid war aber kein Argument im Denken von Marx‘. Es stellte die Frage, wie die Bedürfnisse der Bauern mit den historischen Erfordernissen des Kapitals zusammenspielen.

Bewaffnete Rotgardisten vor dem Smolny-Institut in Petrograd, das als Hauptquartier für Lenin während der Oktoberrevolution diente
AP
Bewaffnete Rotgardisten vor dem Smolny-Institut in Petrograd, das als Hauptquartier für Lenin während der Oktoberrevolution diente

Die Ironie liegt darin, dass die Mehrheit der drei großen Revolutionen der Moderne – die französische, die russische und die chinesische – Bauern waren. Die einzige Revolution, die aus Sicht der Bauernschaft erfolgreich verlief, war die französische. Nur in Frankreich gab es nach der Revolution unabhängige, kleine Landwirte – ironischerweise war das ein Grund dafür, dass Frankreich später länger für die Industrialisierung gebraucht hat als etwa Deutschland. Nach der russischen und chinesischen Revolution wurde den Bauern der Wunsch nach eigenem Land nur kurz genehmigt – danach kamen sie in den Kolchosen selbst unter die Räder der Geschichte, im Interesse des Kapitals. Denn die einzige Möglichkeit für die Industrialisierung bestand darin, kleine unabhängige Landeigentümer zu verbieten.

Spricht das betrübliche Ergebnis der Oktoberrevolution nun für Marx oder gegen ihn?

Postone: Ich würde sagen für den Analytiker Marx – wobei das Ergebnis nicht so betrüblich hätte sein müssen, wie es war. Selbst wenn Trotzki und nicht Stalin der Nachfolger von Lenin geworden wäre, hätte sich eine Art von autoritärem Staatskapitalismus entwickelt. Trotzki war vielleicht weniger mörderisch und weniger pervers als Stalin, kultivierter und intellektueller. Aber er wäre auch sehr autoritär gewesen.

Inwiefern ist Marx für die totalitäre Entwicklung des Sowjetkommunismus verantwortlich?

Postone: Ich glaube, dass man da keine direkte Linie ziehen kann. Marx hat den Kapitalismus analysiert. Es gibt das berühmte Bonmot, dass er sich selbst nicht als Marxisten bezeichnet hat – im Gegensatz zu vielen anderen, die den Marxismus sehr unterschiedlich interpretiert haben. Leute wie Karl Popper, die flammende Radikale in ihrer Jugend waren und dann konservativ wurden, glauben, dass Geschichte durch eine Ideengeschichte erklärt werden kann – anstatt historische Analysen zu machen. So eine Ideengeschichte ist natürlich viel einfacher. Sie schauen sich Hegel an, finden den Begriff „Totalität“, schauen sich Marx an, und leiten von dort den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts ab. Bei allem Respekt: Das halte ich für ziemlich denkfaul.

Marx‘ Geschichtsphilosophie ist aber hegelianisch geprägt: Sie kennt also nur ein Ziel, und das kann man schon als totalitär bezeichnen.

Postone: Nein. Weil ich diese sehr gängige Formulierung von Geschichtsphilosophie bestreite. Ich glaube stattdessen, dass für den späten Marx die Idee, wonach Geschichte eine Logik hat, nur noch für den Kapitalismus stimmt – ganz anders als noch beim jungen Marx. Bei ihm klingt es noch so, als ob Geschichte selbst die fortschrittliche Kraft sei. Als er aber „Das Kapital“ schreibt, ist die Logik der Geschichte die Logik des Kapitals: eine Herrschaftsform. Sozialismus bedeutet in dem Sinn, eher die Logik der Geschichte zu überwinden als eine Logik zu verwirklichen, die bleibt. Wenn Geschichte eine Logik hat – was im Kapitalismus laut Marx der Fall ist -, dann ist das ein Hinweis darauf, dass Menschen nicht bewusst Geschichte machen. Denn wenn sie das täten, hätte es keine Logik. Erst mit dem Ende des Kapitalismus würden sie bewusst Geschichte machen, aber das wäre auch das Ende der Logik der Geschichte.

Bewaffnete Soldaten in Moskau im Oktober 1917
AP
Bewaffnete Soldaten in Moskau im Oktober 1917

Von Marx-Kompagnon Friedrich Engels stammt der Spruch „Sozialismus oder Barbarei“: Der Sowjetkommunismus hat auf schaurige Weise gezeigt, dass das kein Widerspruch ist ...

Postone: Aber nur, wenn man das als Sozialismus bezeichnet, was ich nicht mache. Und zwar nicht weil das schlimme Menschen waren, die für ihn verantwortlich waren, sondern weil Sozialismus etwas anderes ist als die staatlich verordnete Akkumulation von Kapital. Mit dem Spruch „Sozialismus oder Barbarei“ war der Postkapitalismus gemeint – eine Phase, in der wir uns genau jetzt befinden: Wir sind heute mit einer neuen Art von Barbarei konfrontiert. Es gibt keine Antworten mehr, die alten Formen des Sozialismus greifen nicht mehr, und die Menschen sind viel anfälliger geworden für rechte Rebellen und Demagogen, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, über ihr Leben bestimmen zu können und deshalb Sündenbocke brauchen: Immigranten, Frauen oder – wie in Ungarn – Juden.

Das liegt aber doch auch daran, dass das große Experiment, das vor 100 Jahren begonnen hat und nach Eigendefinition sozialistisch war, grandios gescheitert ist?

Postone: Jein. Was wirklich gescheitert ist, und das haben viele noch nicht gemerkt, ist der Kapitalismus. In den USA ist der Lebensstandard der Arbeiterklasse seit 40 Jahren gesunken, das sind eineinhalb Generationen. Keine der politischen Parteien hat darüber gesprochen – außer Trump, natürlich als rechter Demagoge. Die großen Jahre des Kapitalismus zwischen 1945 und 1973 sind vorbei, aber die Menschen scheinen das nicht als strukturelle Krise zu verstehen. In unseren Gesellschaften werden immer mehr Menschen überflüssig. Viele merken nicht nur, dass ihr Lebensstandard gesunken ist, man braucht nur an die Opioid-Krise in den USA denken, von der in erster Linie Arbeiter betroffen sind – sondern sie haben sich auch unsichtbar gefühlt. Das hat eine große Menge an Wut erzeugt, und weil es keine vernünftigen politischen und wirtschaftlichen Erklärungen dafür gibt von der politischen Klasse, ist das natürlich ein fruchtbarer Boden für Demagogen wie Trump – das hat nichts mit dem Scheitern der Sowjetunion zu tun.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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