„Offener Umgang ist notwendig“

Ein verwechseltes Medikament, eine falsche Diagnose, eine unzureichende Behandlung - medizinische Fehler können schreckliche Folgen haben, dennoch passieren sie regelmäßig. Expertinnen fordern mehr Offenheit und Anlaufstellen für Whistleblower.

Es gibt in Österreich keine offiziellen Zahlen, wie oft ein Patient durch einen Fehler von Pflegepersonal oder Ärzteschaft zu Schaden kommt. Analog zu internationalen Studien müssten es laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger pro Jahr 245.000 Zwischenfälle und 6.800 Todesfälle sein. Eine US-amerikanische Studie hat ergeben, dass medizinische Irrtümer in den USA die dritthäufigste Todesursache sind - nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Das Bewusstsein für Fehlermanagement in medizinischen Einrichtungen ist in den letzten Jahren gewachsen, sagt Brigitte Ettl, Direktorin des Krankhauses Hietzing und Präsidentin der „Plattform Patientensicherheit“ anlässlich einer Tagung in Wien. „Fehler passieren in einem Krankenhaussystem, man kann sie nicht vermeiden. Aber wenn sie passieren, dann ist der richtige Umgang entscheidend.“ Im Zentrum müsse die Ursache stehen, warum etwas passiert ist, und nicht die Person.

Anonyme Meldung, klare Kommunikation

Tagung:

Die Tagung „Speak up! Wenn Schweigen gefährlich ist“ der Plattform Patientensicherheit hat am 7. November 2017 in Wien stattgefunden.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen Fehler melden können, ohne sofort Sanktionen zu befürchten - die Reaktionskette in der Organisation müsse aber klar sein, so Ettl, beispielsweise das sofortige offene Gespräch mit Betroffenen und Angehörigen: „Das ist extrem wichtig, damit Angehörige und Patienten das Gefühl haben, dass nichts verschleiert wird, sondern dass offen darüber gesprochen wird.“ Im Krankenhaus Hietzing habe man damit gute Erfahrungen gemacht, so die Direktorin.

Eine Hand eines Patienten mit einer Infusion
dpa/Sven Hoppe
Anfang Oktober ist im Krankenhaus Kirchdorf in Oberösterreich ein Mann nach einer falschen Infusion gestorben - das jüngste schwerwiegende Beispiel eines medizinischen Fehlers. Die Infusionslösungen waren verwechselt worden.

Dort gebe es nicht nur eine Beschwerdestelle, sondern auch ein Team für Patientensicherheit und Qualität. Meldungen können anonym gemacht werden, „oft meldet sich aber am nächsten Tag dann die betroffene Person beim Team und sagt: ‚Ich war das.‘“ Für die Organisation wichtig sei, dass der Prozess genau analysiert wird, der zu einem Zwischenfall geführt hat, und Schlüsse daraus zu ziehen.

Wichtige „Beinahe-Fehler“

Ö1-Sendungshinweis:

Zum Thema berichtet auch „Wissen Aktuell“ am 8.11.2017 um 13.55 Uhr.

Nicht überall gibt es diese Fehlerkultur, sagt Maria Kletecka-Pulker, die die „Safety Line“ der Plattform Patientensicherheit wissenschaftlich leitet. Wird sie vom Krankenhausbetreiber angeboten, können sich Menschen an sie wenden, die entweder selbst einen Fehler gemacht haben oder Fehler beobachten: „Wir treten direkt in Kontakt mit den Betroffenen, fragen nach. Die Mitarbeiter wissen, dass sie dort all ihre Sorgen, Ängste oder Dinge, die ihnen auffallen, deponieren können, ohne dass es der Arbeitgeber erfährt und ohne dass es in einer etwaigen gerichtlichen Auseinandersetzung ans Tageslicht kommt, weil sich die Mitarbeiterinnen einer Zeugenaussage entschlagen können“.

Nicht nur Meldungen von Fehlern seien wichtig, sondern auch Hinweise auf „Beinahe-Fehler“: „Wenn ähnlich aussehende Medikamente nahe beieinander gelagert werden, ist das eine potenzielle Fehlerquelle. Es ist wichtig, darauf aufmerksam gemacht zu werden, bevor eine tatsächliche Verwechslung stattfindet.“

Nachholbedarf

Die Mitarbeiterinnen der „Safety Line“ nehmen mit dem Krankenhaus Kontakt auf und gehen dem Vorfall auf den Grund, klären etwa auch ab, ob ein Vorfall so schwerwiegend ist, dass dienstrechtliche Schritte anzudenken sind. Dass die Hotline zum Anschwärzen von Kolleginnen und Kollegen missbraucht wird, diese Befürchtung habe sich bisher nicht bestätigt, so Kletecka-Pulker: „Wir hatten noch keinen derartigen Fall.“

In Sachen Fehlerkultur in der Medizin habe Österreich aber noch Nachholbedarf, sind sich beide Expertinnen sicher - auch in Sachen Information. Sie könnte bei einer öffentlich einsehbaren, anonymisierten Statistik beginnen, wie viele und welche Fehler in österreichischen Krankenhäusern tatsächlich gemacht werden.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

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