Verschollene Plakate aufgetaucht

Politische Plakate sind eine wichtige Quelle der Zeitgeschichte. In einem Archiv in Wien wurden nun Hunderte Plakate einer verloren geglaubten Sammlung wiederentdeckt. Sie zeigen vor allem Motive des frühen Nationalsozialismus in Österreich.

„Wir sind jahrzehntelang auf einem historischen Schatz gesessen und haben es nicht gewusst“, sagt Stephan Roth vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in Wien. Die rund 600 Plakate galten seit 1970 als verschollen und wurden nun im Rahmen einer Inventur im DÖW wieder aufgefunden.

Aufruf zu einer Veranstaltung am 4.10.1928 im Saal zur weißen Rose in der Ausstellungsstraße im 2. Wiener Bezirk.
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Veranstaltungsplakat vom Oktober 1928 in Wien

Sie sind Teil der „Sammlung Rhese“, die der Münchner Privatsammler Friedrich Rehse aufgebaut hat. „Sie beinhaltet Plakate aus der Frühzeit der NSDAP in Österreich, aber auch solche aus dem Ersten Weltkrieg und der gesamten Zwischenkriegszeit“, so Roth gegenüber science.ORF.at. „Die Plakate zeigen den politischen Kampf, offenbaren Ideologien und enthüllen, wie Regime mit politischen Gegnern umgehen.“

Friedrich Rehse: Fanatischer Sammler und Hitlerfreund

Friedrich Rehse war ein fanatischer Sammler und ein persönlicher Freund Hitlers. 1929 verkaufte er seine Sammlung an die NSDAP, blieb jedoch deren Archivar und sammelte weiter. 1935 erfüllte sich sein langjähriger Wunsch und er bekam sein eigenes Museum, das „F. J. M. Rehse Archiv und Museum für Zeitgeschichte München“.

Aufruf zum Kauf der NS-Zeitschrift „Volkskampf“
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Aufruf zum Kauf der NS-Zeitschrift „Volkskampf“ von 1938

In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 wuchs die Sammlung – nicht zuletzt wegen zahlreicher Enteignungen in den Besatzungsgebieten – stark an. Nachdem amerikanische Truppen 1945 München befreit hatten, wurde die Sammlung beschlagnahmt und unrechtmäßig erworbene Teile restituiert.

Teile wurden in die Library of Congress in Washington gebracht, ein Großteil der Sammlung Rehse kam in den 60er Jahren wieder zurück nach Deutschland. „Die österreichbezogenen Teile kamen nach Wien. Wohin genau, war aber unklar, und sie galten seither als verschollen“, erzählt Roth. Wie sich nun herausgestellt hat, befanden sie sich seit damals im Archiv des - zur gleichen Zeit gegründeten - Dokumentationsarchivs.

Hinrichtungsplakat des Ehepaars Dirmhirn, das wegen "Wehrkraftzersetzung" verurteilt wurde; es wurde nach ihrer Hinrichtung in der Wohngegend der Dirmhirns in Wien-Ottakring plakatiert
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Das Ehepaar Dirmhirn wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. Nach ihrer Hinrichtung wurde das Plakat in der Wohngegend der Dirmhirns in Wien-Ottakring plakatiert

Die „Sammlung Rhese“ ist laut Roth das Herzstück der Plakatsammlung des DÖW, die insgesamt rund 3.500 Exemplare umfasst. Um den Bestand zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat das Archiv soeben eine crowd-funding-Kampagne gestartet. Benötigt werden 25.000 Euro, die Aktion wird von Schülern einer Wiener HTL unterstützt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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