Leben mit einer Lungenkrankheit

Bis zu 20 Prozent der über 40-Jährigen in Österreich leiden an der Lungenkrankheit COPD, sagt die Österreichische Gesellschaft für Pulmologie. Atemnot und Husten machen selbst alltägliche Tätigkeiten zur Herausforderung, wie ein Betroffener erzählt.

Wenn Eberhard Jordan einen Spaziergang durch den Wiener Prater macht, ist das ein kleiner Triumph. Vor drei Jahren noch war das undenkbar: wegen akuter Atemnot kam er damals auf die Intensivstation, die Diagnose: COPD im vierten Stadium, sozusagen das Ende der Fahnenstange mit nur noch einem Viertel des normalen Lungenvolumens.

Doch seither hat sich viel verändert, der Wiener Künstler fährt regelmäßig dutzende Kilometer mit dem Fahrrad, ist heute auf 37 Prozent Lungenvolumen, mit dem selbsterklärten Ziel 40 Prozent zu erreichen. Denn anders als viele glauben, könne man eben selbst noch viel tun

Luft ohne Atem

COPD steht im englischen für „chronisch obstruktive Lungenkrankheit“. Weil die Atemwege verengt sind, können Betroffene vor allem schlecht ausatmen, die Lunge wird nicht gut geleert und weniger Frischluft aufgenommen. Ausgelöst wird die Krankheit hauptsächlich, wenn man oft schädlicher Luft ausgesetzt ist – größter Risikofaktor ist allen voran das Rauchen – aktiv wie passiv - aber auch Feinstaub und Abgase können die entzündlichen Prozesse in Gang setzen, die schließlich chronisch werden, und auch das Lungengewebe zerstören. Genauso bergen aber auch häufige Atemwegserkrankungen ein Risiko.

Fahrrad an der Donau
Eberhard Jordan
Unterwegs mit dem Fahrrad an der Donau

Bei Eberhard Jordan waren es Rauchen und Feinstaub zusammen, dem der Bildhauer und Künstler auch in seiner Arbeit vermehrt ausgesetzt war. Als er zehn Jahre vor dem Zusammenbruch mit Aufenthalt auf der Intensivstation die Diagnose COPD bekommt, bedeutet ihm das nicht viel „Der Arzt hat gesagt, naja aufhören zum Rauchen, und mehr Bewegung“ – ernstgenommen hat Jordan COPD als fortschreitende Erkrankung damals nicht besonders, und von ärztlicher Seite habe es geklungen, als ob man auch nicht besonders viel tun könnte.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 15.11. um 12:00

„Dabei ist sogar mein Vater an COPD gestorben, das war mir trotzdem irgendwie egal“ - man spüre es einfach nicht gleich als Krankheit - es sei ja noch alles da, sagt der Künstler: die Hände, der Körper, alles scheint unversehrt, aber man wird müder, träger, kurzatmiger. „Man glaubt halt zuerst, man wird älter, und dass das eben vom Rauchen kommt“, erklärt sich Jordan heute die damalige Gleichgültigkeit.

Früherkennung wichtig

Viele Leute, die an Frühstadien der COPD erkranken, schieben die vorerst leichte Kurzatmigkeit aufs Rauchen ab oder einfach aufs Älterwerden, erklärt auch der Lungenfacharzt Bernd Lamprecht von der Universitätsklinik in Linz. Gerade wohl, wenn sie nicht Raucher sind:„ Es betrifft aber nicht nur Raucher, auch wenn das natürlich ein häufiger Risikofaktor ist – aber in manchen Entwicklungsländern beispielsweise sind viele Frauen betroffen, die am offenen Feuer kochen“. Dass in Österreich die Zahlen vergleichsweise hoch scheinen habe aber „natürlich damit zu tun, dass Österreich ein Raucherland ist“, sagt Lamprecht.

Viele Leute gehen also deswegen nicht gleich zum Arzt und bekommen die Diagnose erst später. Doch selbst bevor die ersten Symptome wirklich auffällig werden, könnte oft ein Lungenfunktionstest die Krankheit früh erkennen. Doch der wird nicht bei allen Gesundenuntersuchungen gemacht, bedauert Lamprecht – unterschiedlich sei das je nach Bundesland und Krankenkasse.

Betroffenen entgeht damit die Chance, der Erkrankung früh entgegenzuwirken – denn heilbar ist sie nicht, aber man kann das Fortschreiten und die Symptome eindämmen. Und damit auch den Einsatz von Medikamenten oder operativen Eingriffen verzögern oder verhindern.

Sport trotz Atemproblemen

Bei Eberhard Jordan natürlich kam all das zum Einsatz – der bildende Künstler hat heute auch Ventile in den Lungen, die geschädigte Teile der Lunge entlüften sollen, damit mehr Luft in die funktionierenden Teile gelangen kann.

Der Energiestoß nach diesem Eingriff hat Jordan unter anderem dazu motiviert, gezielt Sport zu treiben, um die Atemkraft zu verbessern. Aber auch die Geschichte des australischen Triathleten und Ironman Russel Winwood – der auch mit COPD noch sportliche Erfolge erzielt und diese auf seinem Blog teilt – hat ihn angespornt. Es habe ihm gezeigt was möglich ist. Und es gibt noch weitere Beispiele, sagt Jordan, Menschen mit Lungenkrankheiten, die den Kilimandscharo bestiegen haben, bei Ruderweltmeisterschaften mit der Spitze mithalten oder Langwanderwege gehen.

Also hat er mit Training begonnen: aus zunächst 100 Metern gehen sind fünf oder zehn Kilometer geworden, Radfahren und Kieser-Training kommen dazu. Heute geht es dem 55-Jährigen deutlich besser. „Der Sport hilft auf der einen Seite mit der Atemmuskulatur, aber es gibt einem auch Reserven“ - die Lungenkrankheit zehrt auch aus, das anstrengende Atmen verlangt mehr Energie, erklärt Jordan. Er müsste wenigstens ein Drittel mehr essen als andere, um seinen Energiebedarf zu decken – und da helfe der Sport einerseits um Appetit aufzubauen, andererseits sei eben die aufgebaute Muskelmasse noch eine Art Reserve für die zehrende Lungenkrankheit. „Deswegen sieht man auch immer eher dünne Figuren mit Sauerstoffflaschen herumlaufen“, lacht Jordan.

Bewusstsein fehlt

Oder man sieht sie nicht, was auf ein anderes Problem hinweist. Jordan, der heute auch ein Blog zu COPD betreibt, vermisst die gesellschaftliche Wahrnehmung für die Krankheit und mehr Gemeinschaft für COPD-Kranke. Das sei in Ländern im angloamerikanischen Raum anders, aber auch in Deutschland, wo es zum Beispiel Lungensportgruppen gebe, die vom Fachverband mitorganisiert werden. Dort treffe dann der oder die Frischdiagnostizierte auf „den, mit dem Sauerstoffflascherl“, und sieht wie weit es gehen kann, und was dann alles zur Herausforderung wird. Und nimmt vielleicht die Krankheit ernst und ist damit nicht allein. Denn viele mit COPD ziehen sich mit abnehmender Leistungsfähigkeit auch immer mehr aus dem sozialen Leben zurück..

Dass Jordan sich von seinem Tiefstand so weit zurückhangeln konnte, dass er wieder am Leben teilhaben kann, kann anderen Mut machen, hofft er. Mit seinem Blog notiert er jeden neuen Erfolg, ob Fahrradausflug oder neue Gartengestaltung. Aber die Momente, wo er wirklich spürt, dass sich etwas getan hat, die ihn gücklich machen? „Wenn ich merke, dass ich vergessen habe, dass ich gerade gehe“.

Isabella Ferenci, Ö1-Wissenschaft

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