Wenn der Pfeil nicht aus der Hand will

Ein Dartspieler, dem es minutenlang nicht gelingt, seine Pfeile loszulassen, sieht vielleicht lustig aus, ist es aber nicht. Hinter „Dartitis“ steckt eine neurologische Krankheit, die weit verbreitet ist – speziell unter Berufsmusikern.

Musikern wie Dartspielern gemein ist eine hochspezialisierte und tausendfach geübte Bewegung, die im Ernstfall nicht mehr funktionieren will: Die einen schaffen es nicht mehr, die Tasten eines Klaviers zu drücken, die anderen versagen dabei, Pfeile zu werfen.

Krampf, keine Entzündung

Ein medizinischer Fachbegriff ist „Dartitis“ nicht, sagt Thomas Sycha, stellvertretender Leiter der Universitätsklinik für Neurologie am AKH-Wien. „Die Endung ‚artitis‘ würde auf eine Entzündung hinweisen. Dabei geht es bei dem Phänomen darum, hochspezifische Bewegungen nicht mehr flüssig ausführen zu können.“ Er bevorzugt deshalb die Bezeichnung „Dartspielerkrampf“ – eine Erkrankung, die zur Kategorie der Bewegungsstörungen oder Dystonien gehört.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Morgenjournal am 17.11. um 7:00

In den Medien wird sie dennoch „Dartitis“ genannt, auch im Oxford Dictionary firmiert sie unter dem Namen. Erstmals aufgetreten ist das Phänomen in den 1970er Jahren. Jüngstes Beispiel ist Berry van Peer. Am Mittwochabend verlor der 21-jährige Niederländer im Achtelfinale des Grand Slam of Darts im britischen Wolverhampton gegen den Wiener Weltklassespieler Mensur Suljovic. Beim gleichen Turnier stand van Peer zuvor in einem denkwürdigen Duell, bei dem er minutenlang sowohl mit seiner „Dartitis“ als auch mit seinen Tränen zu kämpfen hatte.

Suljovic demonstriert seine Dart-Technik
ORF.at/Dominique Hammer
Suljovic demonstriert seine Darttechnik

Von Billardspielern bis Pianisten

„Aus dem Dartspiel war mir das noch nicht bekannt“, sagt der Neurologe Thomas Sycha. „Es gibt aber eine Reihe anderer Beispiele aus dem Sport. Etwa Billardspieler, bei denen sich das Handgelenk beim Stoßen des Queues gegen die Kugel unwillkürlich beugt. Oder Pistolenschützen, bei denen sich der Zeigefinger am Abzug nicht mehr kontrolliert bewegen lässt.“ Unter Golfspielern ist das Phänomen als “Yips“ bekannt.

Die im Alltag am meisten verbreiteten Bewegungsstörungen dieses Typs sind der Schreibkrampf und der Pianistenkrampf. „Robert Schumann etwa hat darunter gelitten. Auch viele Blasmusiker sind betroffen. Letztlich geht es immer um hochspezifische Übungen, die sehr häufig geübt und zum Teil überübt werden. Sie können in eine dystonische Bewegungsstörung umgebaut werden.“

Die Ursache dafür liege im Gehirn. Die Störung sei mit Gehirnscans nicht nachweisbar, sagt der Neurologe, sie liege im Bereich der „Software“. „Der Dartspieler etwa kann alle alltäglichen Bewegungen mit der Hand machen. Aber die überübten Bewegungen werden durch elektrophysiologische Prozesse, eine Störung im normalen motorischen Programm, für diese spezifische Bewegung umgebaut.“

Die Sportgeräte von Mensur Suljovic
ORF.at/Dominique Hammer
Die Sportgeräte von Mensur Suljovic

Weniger üben, umlernen, Botox

Menschen, die unter derartigen Dystonien leiden, hätten mehrere Therapiemöglichkeiten. Erstens: weniger üben – was oft nicht funktioniert. „Auch Umlernen geht. Patienten mit Schreibkrampf versuchen etwa mit einem anderen, dickeren Stift zu schreiben. Das kann Symptome verbessern, führt aber meistens nicht zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands.“

Auch Medikamente wirken, viele davon sind im Leistungssport aber keine Therapieform, da sie auf der Dopingliste stehen. Nicht verboten ist Botulinumtoxin, das üblicherweise unter dem Handelsnamen „Botox“ bei Schönheitsoperationen gegen Falten im Gesicht verwendet wird. Spritzt man das Nervengift in den fehlgeleiteten Muskel der Bewegungsstörung, wirkt das laut Sycha sehr gut – aber auch nicht bei allen Patienten.

Für Mensur Suljovic ist das kein Thema mehr: Der Österreicher litt selbst einige Jahre unter „Dartitis“. Das ist lange her, und heute zählt er zu den weltbesten Dartspielern. Unter Beweis stellen kann er das wieder am Freitagabend – im Viertelfinale des Grand Slam of Darts.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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