Paradox: LED spart doch keine Energie

LED-Lampen verbrauchen weniger Strom und sparen deshalb Geld. Das scheint Länder dazu zu verleiten, die Beleuchtung auf Straßen und in Städten auszubauen. Energiesparend ist das nicht, notwendig auch nicht, so Forscher.

Die Stadt Wien möchte bis Ende 2020 knapp ein Drittel der Straßenbeleuchtung durch LED-Lampen ersetzen. Das Licht soll dabei in der gleichen Farbe und Heiligkeit strahlen wie bisher, heißt es. Aus ökologischer wie volkswirtschaftlicher Sicht ist das sinnvoll, immerhin will man dadurch 60 Prozent des Stroms für Straßenbeleuchtungen sparen.

Grafik zur Lichtverschmutzung weltweit
Carla Schaffer / AAAS
Veränderung der weltweiten Lichtverhältnisse

Laut einer internationalen Studie im Fachjournal „Science Advances“ könnten nun aber Zweifel aufkommen, ob das in der Realität auch tatsächlich so funktioniert. „Wir haben die weltweiten Lichtemissionen mit einem Satelliten zwischen Oktober 2012 und Oktober 2016 gemessen, miteinander verglichen und dabei festgestellt, dass die Lichtemissionen in vielen Ländern angestiegen sind - global gerechnet um jährlich zwei Prozent“, sagt der Physiker und Studienautor Christopher Kyba vom deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam. Vor allem in Industrieländern zeigt sich, dass zwar auf die stromsparenden LED-Lampen umgestiegen wird, dafür aber mehr Fläche beleuchtet bzw. Lampen mit stärkerer Leuchtkraft eingesetzt werden. Forscher beschreiben diese Entwicklung als „Rebound-Effekt“.

Mailand dunkler, Italien heller

Als Beispiel nennen die Wissenschaftler Italien. Hier wurde zwar in Städten wie Mailand die Straßenbeleuchtung auf LED umgestellt, insgesamt strahlt Italien aber heller und zum Teil an Orten, wo bisher noch keine Beleuchtung installiert war.

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Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Morgenjournal am 23.11.

Debatte: Wo auf Kunstlicht verzichten?

Feststellen konnten die Forscher diese Veränderung mit einem speziellen Strahlungsmessgerät, das um die Erde kreist. Dieses Gerät erfasst nur Licht im sichtbaren und nahe dem Infraroten Bereich. Weiß- blaues LED-Licht mit einer Wellenlänge unter 500 Nanometer bleibt für den Satelliten hingegen unsichtbar.

„Man sieht etwa in Mailand, dass die Straßenbeleuchtung zum Teil auf LED umgestellt wurde, weil sie auf unseren Bildern dunkler geworden ist.“ Dass die Modehauptstadt aber noch genauso hell strahlt wie zuvor, zeigen etwa Vergleichsaufnahmen von der Raumstation ISS. „Wir sehen, dass Mailand de facto nicht dunkler ist. Wohl aber, dass sich das Licht von orange auf weiß verändert hat - also auf LED-Licht.“

Die Forscher haben erwartet, dass dadurch das gesamte Land dunkler erscheinen wird, wurden aber enttäuscht. „Die erfassten Lichtemissionen blieben über die Jahre beinahe gleich. Das heißt, es gibt neue Lichtquellen, die zuvor noch nicht vorhanden waren.“ In anderen europäischen Ländern nahm das Licht sogar zu, erklärt Kyba. In Österreich zeigen die Daten sogar ein jährliches Plus von zehn Prozent, diese Zahl sei aber vermutlich durch den stark reflektierenden Schnee im Oktober 2016 verfälscht, so Kyba. Er warnt davor, den Wert eins zu eins zu übernehmen. „Es ist wahrscheinlich, dass hier das Wetter eine größere Rolle gespielt hat, als die tatsächliche Lichtzunahme“, so Kyba. Die Umweltanwaltschaft kommt in Wien mit ihren Berechnungen von der Erde aus jedoch auf einen ähnlichen Wert.

Mehr Licht nicht notwendig

Mehr Licht sei aber in den meisten Fällen nicht notwendig, sagt der Physiker. So zeigen Studien aus den USA, dass es für das Wohl- und Sicherheitsgefühl von Vorteil ist, dass ein Parkplatz gleichmäßig, wenn auch schwächer beleuchtet ist, und nicht einzelne starke Lichtkegel aufweist, zitiert Kyba die Studie aus Tucson, Arizona. „LED bietet viele Möglichkeiten, wie man es effizienter einsetzen kann, als herkömmliche Lichtquellen. Man muss sich aber damit auskennen.“

Eine steigende Lichtverschmutzung wird von Forschern weltweit zudem als großes Problem für Mensch, Tier und Pflanzen angesehen. Nachtaktive Tiere kommen aus dem Takt bzw. werden angelockt, bei Menschen wird die Hormonausschüttung wie etwa des Schlafhormons Melatonin beeinflusst und Pflanzen entwickeln teilweise andere Wachstumsgewohnheiten, z.B. weniger Blüten. „Ich bin zuversichtlich, dass sich der Lichtkonsum in den nächsten Jahren reduzieren wird, weil es einfach angenehmer ist und die Leute sich nach mehr Dunkelheit sehnen.“

Die wachsende Beleuchtung in Europa ist aber nur ein Grund, warum die globalen Lichtemissionen der Studie zufolge jährlich um gut zwei Prozent stiegen. Zu einem großen Teil sei dies auf die wachsende Beleuchtung in Entwicklungsländern zurückzuführen. „Das war auch zu erwarten, weil hier bisher wenig Licht pro Einwohner strahlte. In anderen Gegenden, wo Krieg herrscht - wie etwa in Syrien oder Jemen haben wir hingegen gesehen, dass die Emissionen im Land drastisch weniger wurden.“

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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