Im Kampf gegen Halbwissen

Rein medizinisch ist die HIV-Infektion heute eine chronische Erkrankung. Der Fortschritt auf der sozialen Ebene sei aber nicht in gleichem Maß erfolgt, bilanzierte Wolfgang Wilhelm anlässlich des Jubiläums des Aids-Hilfe-Hauses in Wien. Noch gebe es Vorurteile und Halbwissen.

„Prävention im Jahr 1997 war eine gedruckte Broschüre, die man in Lokalen aufgelegt hat. Das war ein Workshop, wo man zum Beispiel bei einer Jugendgruppe in einem Jugendzentrum einmal eingeladen war.“ So beschrieb der Obmann der Aids Hilfe Wien, Wolfgang Wilhelm, die analogen Anfänge der Sozial- und Präventionsarbeit im Aids-Hilfe-Haus in Wien, das am 1. Dezember 1997 - am Welt-Aids-Tag - seine Pforten öffnete.

Aids-Hilfe-Haus Tageszentrum in Wien (Eingang)
APA/GEORG HOCHMUTH

Heute gibt es eine kostenlose Handy-App, die etwa Stellen anzeigt, bei denen man sich kostenlos testen lassen kann, und es werden gezielt Workshops für Arbeitgeber, Schulklassen, Pflegepersonal und Migranten angeboten. „Dabei schauen wir heute ganz gezielt, welche Zielgruppe braucht welche Informationen und wie können wir die in Workshops, in Seminaren, in Kurzvorträgen vermitteln und gut an den Mann, an die Frau, an den Jugendlichen bringen.“

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 29.11.

Nicht alle Irrtümer ausgeräumt

Der eine oder andere Irrtum konnte mit solchen Maßnahmen in den letzten Jahren erfolgreich ausgeräumt werden. Es ist nun den meisten bekannt, dass der Virus nicht über eine Gelse übertragen werden kann, küssen ungefährlich ist und dass die Pille nicht vor dem Virus schützt. Dennoch halten sich manche Falschinformationen hartnäckig. So würden manche Ärzte und Arbeitskollegen fälschlicherweise besonders Abstand nehmen, wenn jemand HIV-positiv ist. „Wir wissen, es ist keinerlei Sonderbehandlung im Alltag, im medizinischen Kontext, beim Zahnarzt notwendig. Und dieses Wissen ist leider noch nicht bei allen Menschen angekommen.“

Rund 40 Meldungen von Diskriminierung erreichen jährlich das Aids-Hilfe-Haus aus ganz Österreich. „Dadurch, dass HIV sichtbarer wird und sich HIV-positive Menschen nicht mehr zurückziehen, sondern auch ihren Bekannten und Kollegen davon erzählen, entstehen auch vermehrt Diskriminierungssituationen.“

Veranstaltungshinweis

Am Donnerstag, 30.11. findet ab 13 Uhr die Fachtagung „Wiener Aids Tag“ in der Hauptbücherei am Gürtel statt. Am Freitag, 1.12. lädt das Aids-Hilfe-Haus ab 14 Uhr zum „Tag der offenen Tür“. Weitere Veranstaltungen finden Sie hier.

Dennoch betonte Wilhelm, dass sich die Gesellschaft gewandelt habe und das Aids-Hilfe-Haus nicht nur von Betroffenen aufgesucht wird. „Früher war es eine Überwindung, herzukommen, da das Haus ja sehr prominent am Mariahilfer Gürtel steht und für alle gut sichtbar ist.“ Heute trifft man sich im Tageszentrum, wo täglich eine warme, gesunde Mahlzeit zubereitet wird und Spiele gespielt werden, ergänzt Wilhelm.

Auch stieg mit dem Fallen der Hemmschwelle die Anzahl der HIV-Tests seit der Jahrtausendwende deutlich - heute lassen sich rund 7.000 Menschen jährlich testen, 2000 waren es noch knapp 5.000. „HIV ist einfach eine Lebensrealität im Jahr 2017, wo es für viele Menschen ganz selbstverständlich dazugehört, einen HIV-Test zu machen.“

Mehr Neuinfektionen bei Heterosexuellen

Dennoch zeigen die Zahlen, dass sich jedes Jahr mehr als 400 Personen neu infizieren. „Hier stagnieren die Zahlen auf zu hohem Niveau“, meinte Wilhelm. Wie das deutsche Robert Koch Institut soeben berechnete, steigt vor allem die Zahl der HIV-positiven heterosexuellen Menschen, wohingegen die Zahl bei Homosexuellen tendenziell zurückgeht. Die Berechnungen aus Deutschland seien laut Wilhelm auf Österreich übertragbar. „Leider Gottes ist es manchmal so, dass es im heterosexuellen Bereich ein bisschen abgetan wird, sich manche in falscher Sicherheit wiegen und glauben, es betreffe nur Homosexuelle. Damit gehen sie selber ein Risiko ein.“

Bis zu 12.000 Menschen sind in Österreich aktuell von HIV betroffen, die Dunkelziffer sei aber groß, denn die meisten lassen sich erst zwei Jahre nach der Infektion testen, erklärte Wilhelm. In dieser Phase sei man besonders ansteckend, und das Virus könne ohne Behandlung dem Immunsystem erheblich schaden. Wilhelm plädierte deshalb dafür, sich nach einem Risikokontakt früh testen zu lassen.

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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