Wasser und Wind bedrohen Kulturerbe

13.000 archäologische Fundstätten sind im Südosten der USA laut einer neuen Studie von Überschwemmung bedroht, wenn der Meeresspiegel steigt. Sie unterstreicht, wie sehr der Klimawandel das Kulturerbe der Menschheit bedroht - an Gegenmaßnahmen wird gearbeitet.

Historisch wertvolle Gebäude, Friedhöfe und Kirchen - für sie alle ist der steigende Meeresspiegel eine akute Gefahr, berichten die Forscher um den Archäologen David Anderson von der Universität Tennessee. Als Datenbasis haben sie den Digital Index of North American Archeology (DINAA) herangezogen, in dem in der Region von Virginia über North und South Carolina bis nach Louisiana knapp 130.000 Funde und Ausgrabungen verzeichnet sind. Für ihre Berechnung sind die Forscher davon ausgegangen, dass der Meeresspiegel bis zum Ende unseres Jahrhunderts um bis zu einem Meter steigen wird - unter dieser Annahme wäre im Jahr 2100 rund zehn Prozent, also 13.000 archäologisch interessante Stätten überflutet.

Menschheit siedelt gern in Küstennähe

„In der Wissenschaft rechnet man bis 2100 mit einem Anstieg zwischen 30 Zentimetern und einem Meter“, bestätigt der Klimageograf Ben Marzeion von der Universität Bremen auf Anfrage von Ö1, der dazu kürzlich im „Journal of Climate“ zwei große Studien veröffentlicht hat. Die US-amerikanische Studie überrascht ihn nicht: „Die Menschheit hat schon immer gerne in Küstennähe gesiedelt. Deshalb ist das kulturelle Erbe vom Meeresspiegelanstieg stark betroffen.“ Wenn das Wasser steigt, wirkt sich das direkt auf Extremereignisse wie Sturmfluten aus. Sie können mit dem höheren Wasserstand eine größere Wucht entwickeln. „Ein Ereignis, das man jetzt alle 500 Jahre erwartet, kann dann alle 20 bis 30 Jahre auftreten.“

Der überflutete Markusplatz bei Nacht
dpa/dpaweb/dpa/Michael Hanschke
Der überflutete Markusplatz - Venedig ist ein Beispiel einer durch Überschwemmungen bedrohten Welterbestätte.

Das Wasser sieht auch Mechtild Rössler, Direktorin des Welterbezentrums der für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständigen UNESCO, als eine Bedrohung. Aber auch den Wind dürfe man nicht ignorieren: „Schon vor Jahren war Timbuktu auf der Liste der bedrohten Welterbestätten wegen der Sandstürme.“ Durch die klimatischen Veränderungen verstärken sich diese Stürme, und das nagt an den Gebäuden, so Rössler. Sie sagt zusammenfassend: „Ich kenne eigentlich keine Welterbestätte, die vom Klimawandel überhaupt nicht betroffen sein wird. Entweder wird die Bausubstanz gefährdet oder sie werden weggewaschen.“

Bei Naturstätten könne man schon heute beobachten, dass sich die ökologischen Prozesse verändern - beispielsweise in der Cape Floral Region in Südafrika, wo die Pflanzen aufgrund der Klimaveränderungen nach Norden, also aus der geschützten Region hinaus wandern. Oder Schutzgebiete in Florida, die eines Tages unter Wasser liegen könnten. Die UNESCO arbeitet schon seit 2005 an Strategien, wie man zumindest einzelne Welterbestätten schützen kann - etwa durch Überschwemmungs- oder Windschutz.

Was können wir schützen, was nicht?

Ö1-Sendungshinweis:

Über das Thema berichtete auch das Morgenjournal am 30.11.2017.

Klimaforscher Ben Marzeion plädiert dafür, möglichst schnell klare Prioritäten festzulegen: "Wo konzentrieren wir unsere Kräfte, um archäologischen Funde oder Kulturstätten zu schützen? Welche wollen und können wir „nur" dokumentieren, welche in Sicherheit bringen? Und wo sagen wir, das können wir uns einfach nicht leisten mit den Mitteln und Kräften, die uns zur Verfügung stehen?“

Antworten auf diese Fragen gibt es nur bei Einzelbeispielen, etwa der Stadt Venedig, die kürzlich konkrete Pläne für einen Überschwemmungsschutz präsentiert hat. Demnach soll die Kanalisation rund um den Markusplatz geschlossen und der Platz mit einem hydraulischen System trockengelegt werden. Im Jänner werden die Arbeiten laut einem Bericht der italienischen Tageszeitung „La Stampa“ beginnen. Am Dammprojekt MOSE, das die Lagunenstadt vor großen Überschwemmungen bewahren soll, wird noch gebaut.

Überlegen, was man schützen bzw. retten kann und was nicht - dieser Empfehlung schließen sich auch die Autoren der aktuellen US-amerikanischen Studie an. Was das für die 13.000 vom Untergehen bedrohten Ausgrabungen im Südosten der USA heißt, lassen sie aber offen.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

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