Mehr Auswanderer als Einwanderer

In Österreich gibt es etwa 3.000 Pflanzenarten. Rund 400 von ihnen sind eingewandert und haben sich dauerhaft niedergelassen. Umgekehrt sind aus Österreich weit mehr „Migranten“ in andere Länder gekommen. Bei Tieren dürfte das ähnlich sein.

„Zwischen 600 und 700 Pflanzenarten sind aus Österreich und umliegenden Ländern in andere Gebiete verschleppt worden“, schätzt der Biologe Franz Essl von der Universität Wien.

Das entspreche dem gesamteuropäischen Trend: Von den rund 12.000 Pflanzenarten in Europa sind etwa 2.500 – also ebenfalls ein Fünftel – in neue Gebiete ausgewandert. Weltweit leben mittlerweile über 13.000 Arten nicht mehr nur in ihrer ursprünglichen Heimat, heißt es in einer Studie, die Essl mit Kollegen soeben veröffentlicht hat.

Kolonialismus als Trennlinie

Mit „ursprüngliche Heimat“ ist die Welt vor dem Kolonialismus gemeint, wie sie vor rund 500 Jahren ausgesehen hat. „Europa ist nur ein kleiner Kontinent. Aber mit der Eroberung ferner Länder durch europäische Staaten sind viele neue Arten von hier in andere Kontinente eingeschleppt worden“, sagt Essl. Europa war lange ein Exporteur von Arten, mit der Globalisierung seit einigen Jahrzehnten – und dem Reiz exotischer Zierpflanzen oder Reptilien – ist das Verhältnis von Import und Export aber ziemlich ausgeglichen.

„Der historische Exportüberschuss besteht dennoch“, sagt Essl. Den rund 2.500 Pflanzen-Bioinvasoren aus Europa stehen rund 2.000 dauerhaft nach Europa eingewanderte Arten gegenüber. Für Tiere gibt es keine entsprechenden Gesamtzahlen, so Essl. Von Amphibien und Reptilien sei aber bekannt, dass das historische Verhältnis – Europa hat mehr Auswanderer als Einwanderer – ähnlich ist.

Der Wegerichblättrige Natternkopf ist in Südeuropa heimisch. In Südafrika - wie hier im Bild - wurde er eingeschleppt und kommt hier heute in großen Beständen vor.
Ladislav Mucina
Der Wegerichblättrige Natternkopf ist in Südeuropa heimisch und bestens an vom Menschen geschaffene Lebensräume angepasst. In Südafrika - wie hier im Bild - wurde er eingeschleppt und kommt hier heute in großen Beständen vor.

Entscheidend: Von Menschen geschaffene Lebensräume

In der aktuellen Studie haben Essl und seine Kollegen untersucht, welche Bedingungen für europäische Pflanzen-Auswanderer besonders günstig gewesen sind. Entscheidender Faktor dabei waren von Menschen geschaffene Lebensräume wie Städte und ihre Umgebung, Räume entlang von Verkehrslinien sowie Ackerflächen. Pflanzen, die sich in solchen Lebensräumen wohl fühlen, haben und hatten beste Chancen, auch anderswo gut zu gedeihen.

Diese Pflanzen haben zwei Vorteile, sagt Essl. „Erstens haben sie bewiesen, dass sie mit den neuen ökologischen Bedingungen gut zurechtkommen – was bei vielen Arten nicht der Fall ist. Zweitens haben sie ideale Voraussetzungen, in andere Länder exportiert zu werden: weil sie in einer Umgebung wachsen, wo man leicht mittransportiert wird – etwa als blinder Passagier von Saatgut – und weil sie am neuen Ort ähnliche Bedingungen vorfinden wie in der ursprünglichen Heimat.“

Bioinvasoren an und für sich sind weder schlecht noch gut. Bei vielen Arten gibt es überhaupt keine Auswirkungen auf Ökologie oder Mensch. „Aber es gibt auch Arten, die sehr rasch sehr häufig werden und für Menschen unmittelbar relevante Folgen haben.“ Ein bekanntes Beispiel dafür ist das aus Nordamerika eingewanderte Ragweed, auf das viele Menschen allergisch reagieren.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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