Handke im Spazierschritt lesen

Peter Handke ist in seinem Leben viel gewandert. Auch viele seiner Figuren bewegen sich eher gemächlich durch die Geschichten. Man sollte Handke deshalb auch wie ein Fußgänger lesen - und nicht wie ein Schnellzug.

Das empfiehlt der Germanist Alexander Honold zum 75. Geburtstag von Peter Handke am 6. Dezember. Honold hat vor Kurzem ein Buch über den Kärntner Autor geschrieben, in dem er ihn als „Erd-Erzähler“ charakterisiert.

science.ORF.at: Peter Handke hat fast hundert Bücher veröffentlicht, unzählige Einzeltexte, Übersetzungen, Drehbücher, Hörspiele etc.: Hand aufs Herz, haben Sie das alles gelesen?

Alexander Honold: Nein, ich weiß welche Tiefen und Untiefen sein Werk hat, zum Teil aus mehrfacher Lektüre, weil sich manches erst durch Wiederholung erschließt. Aber Handke ist seit mehr als 50 Jahren im Geschäft und hat fast jedes Jahr zwei umfangreiche Bücher veröffentlicht. Ich habe das nicht alles gelesen.

Porträtfoto von Alexander Honold
IFK

Alexander Honold ist Ordinarius für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel und zur Zeit IFK_Senior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuni Linz

Glauben Sie, dass es jemanden gibt, der das von sich behaupten kann?

Honold: Es gibt Lektoren, die ihn lange begleitet haben, aber da hat es auch Wachablösen gegeben. Ich kenne sonst niemanden, der sagen kann, ich habe alle Zeilen gelesen, außer der Autor selbst. Handke hat behauptet, dass er einige seiner Bücher immer wieder lesen würde. Erstaunlicherweise auch seinen Debütroman „Die Hornissen“, der weithin immer noch als unlesbar gilt. Das war in der Pubertät auch meine erste Handke-Erfahrung.

Was war das Schwierige an den „Hornissen“?

Honold: Dass man lange und vielleicht bis zum Schluss nicht weiß, worum die Geschichte eigentlich geht. Sie erzählt von einer Familienkonstellation, von dem, was Handke in seiner Kindheit in Griffen erlebt hat. Seine erinnernde Phantasie ist stark von räumlichen Eindrücken geprägt. Aber wie sich die Handlung zusammensetzt, bleibt unklar. Als Leser erwartet man so etwas wie eine Geschichte: Wer erzählt sie, wo fängt sie an, wo hört sie auf? Das wird nicht eingelöst. Die Geschichte kreist stattdessen beständig um Bausteine, die wie ein Mobile ineinander verhakt sind und immer wieder eine neue Gestalt ergeben.

Sollte man von Handke vielleicht besser keine „Handlung“ erwarten?

Honold: Ja, diesen Fehler habe ich zu Beginn gemacht. Und man sollte Handke auch nicht zu schnell lesen. Wenn man sich auf ein langsameres Tempo einlässt, ein pedestrisches Lesen, wie ein Fußgänger und nicht wie ein Schnellzug, dann gewinnt man diesen Büchern etwas anderes ab: die Erfahrung, dass sie nicht nur Zeit kosten, sondern auch Zeit schenken.

Viele Menschen finden Handke – ähnlich wie Stifter – langweilig, weil er sehr langsame, subjektive Eindrücke schildert. Ich vermute, Sie nicht, warum?

Honold: Handke lesen tut einfach gut! Es ist eine Erfahrung, die einen erzieherischen Charakter hat und einem hilft, auch jenseits von Effizienz und Funktionalität die Vielfalt des Lebens wieder zu entdecken. Für diese Erfahrungen braucht es allerdings eine Bereitschaft. Wenn man es eilig hat und den Text fragt, worauf er hinaus will, dann kann ich etwa Klaus Nüchtern verstehen, der in seiner Rezension der „Obstdiebin“ geschrieben hat, dass er nach 200 Seiten aufgegeben hat (Anm. der Roman hat 559 Seiten). Aber dann ist man eigentlich schon Teil dieses Spiels, das Handke mit uns spielt.

Porträtfoto von Peter Handke
APA - Barbara Gindl
Handke 2012 in Salzburg

Manche Kritiker stoßen sich auch an der Weltabgewandtheit von Handke …

Honold: Er ist keineswegs ein zurückgezogener Waldschrat, sondern gibt uns immer wieder Einblicke in das, was gerade passiert. Im Spanienroman „Der Bildverlust“ von 2002 ist etwa von Flüchtlingen und Notunterkünften die Rede, ganz Südeuropa ist da im Ausnahmezustand wegen Migration und Kriegen. Da ist Handke der öffentlichen Debatte um 15 Jahre voraus. Auch seinen „Don Juan“ lässt er in der spanischen Enklave in Marokko ankommen, die jetzt immer wieder von afrikanischen Migranten bestürmt wird. Auch da legt er schon früh die Finger auf eine neuralgische Stelle der „Festung Europa“.

Das gilt auch für seine Auseinandersetzung mit dem zerfallenden Jugoslawien: Man kann sagen, das ist gegen den Zeitgeist, sein fast verzweifeltes Beharrungsvermögen, mit dem er an dem Projekt Jugoslawien festhält. Aber da geht es um die Fragen: Was sind die Tendenzen, die Gemeinschaften sprengen und auflösen, und wo könnte es noch eine Tischgemeinschaft der Begegnung geben? Bei Handke sind das Grundspannungen: Daheimsein und Vagabundentum, diese Formen der Ökomene, von Gemeinschaft der Verschiedenen und von Diaspora, das Versprengt-Sein aufgrund zerfallender Kulturprojekte.

Ist Handke in diesem Sinne politischer als sein subjektivistisches Schreiben auf den ersten Blick - oder auch nach ein paar hundert Seiten - scheint?

Honold: Ja, das würde ich unterstreichen. Er hat sich immer gegen engagierte Literatur verwehrt, gegen das Bekenntnishafte, das man Ende der 60er Jahre als Mainstream identifizieren konnte. Man kann ihn eigentlich einen politischen Schriftsteller wider Willen nennen, weil er schon in seiner Kindheit diese Grenzlinien, das Aufeinanderprallen von Kulturen auch mit gewaltsamen Folgen kennengelernt hat. Er wurde in Zerfallsprozesse involviert, die in seinem Erzählen langsam und zögernd wieder zusammengeführt werden. Immer wieder gibt es ein Hinausgehen in die Welt, die Zersprengtheit von Figuren, die dann aber wieder verbunden wird. Man trifft sich am Ende des Buches, am Ende des Jahres oder Tages an einer gemeinsamen Tafel in einem Wirtshaus. Das sind die Restbestände auch von politischer Utopie: der Reisebus, der Busbahnhof, die kleine Raststätte oder das Wirtshaus, in dem die, die schon länger da sind, und die, die plötzlich und unerwartet hineinschneien, so etwas wie eine Erzählgemeinschaft bilden.

Sie haben von einem pedestrischen Lesen gesprochen, das sich bei Handke empfiehlt. Dem steht ein pedestrisches Schreiben gegenüber: Welche Funktion haben Gehen und Wandern bei Handke?

Honold: Es zieht sich durch sein Werk und gewinnt schreibästhetisch eine neue Qualität, als Handke nicht mehr mit der Schreibmaschine arbeitet, sondern zur Handschrift zurückkehrt – also zu seinen ersten Schreibszenen überhaupt, in den 50er Jahren, als er als Schüler in einem Priesterseminar in Tanzenberg deutsche Aufsätze geschrieben hat. Wenn man nach biografischen Kontinuitäten sucht, sieht man, dass alle Bücher immer von der Frage handeln, was Schreiben heißt. Das Schreiben und das Gehen bekommen in dem Moment, wo er wieder zur Handschrift zurückkehrt, eine besonders enge Beziehung. Wie sich von Hand die Linien Zeile für Zeile übers Papier schieben, so bewegt sich auch eine wandernde, gehende Figur durch die Landschaft fort. D.h. dass beim Gehen, das, was beim Schreiben die papierene Unterlage ist, eine große Rolle spielt: die Bodenhaftung, die Bodenfühligkeit, Betrachtungen zum Relief einer Landschaft, zu ihrer Entstehung, ihrem Wasserlauf. In der Salzburger Zeit der 80er Jahre etwa hat Handke Moorflächen beschrieben, den Mönchsberg und andere Berge, die sich schroff davon abheben, und wo man auch an den Schraffuren, Felsbrüchen und Kanten erkennen kann, wie die Geschichte dieser Landschaft verlaufen ist.

Filmszene aus "Peter Handke - Zurück an den Anfang" (2017)
ORF/zero one film
Filmszene aus „Peter Handke - Zurück an den Anfang“ (2017)

Wie wirkt sich das Wandern auf die konkrete Schreibpraxis aus?

Honold: Handke hat die 80er Jahre in Salzburg verbracht, ein für seine Verhältnisse beachtlich langes stationäres Dasein – auch wegen der Schulzeit seiner Tochter. Und als das vorbei war, kam wieder das Vagabundentum. Es gibt bei Handke immer die zwei Pole: Verortung, Heimat, Zuhause auf der einen, Vagabundentum auf der anderen Seite. Beide sind Unmöglichkeiten, die sich wechselseitig anspornen und in Schach halten. Als Handke Ende der 80er Jahre zu seiner Weltreise aufbricht, verändert sich auch seine Schreibpraxis: Er verwendet immer die kleinen Hefte, in denen er täglich mit Bleistift oder Kugelschreiber Aufzeichnungen macht. Diese Büchlein kann man ins Kaffeehaus oder in die freie Natur mitnehmen, der Ort des Schreibens geht weg vom Schreibtisch, hinaus in die Landschaft, an den Busbahnhof, die typischen Umschlagspunkte von Nähe und Ferne, die man in seinem Werk immer wieder findet. 1989/90 ist aber auch die Zeit, wo man beginnt, mit Computern zu arbeiten statt mit Schreibmaschinen. Handke geht da einen Medienschritt zurück, wieder zur Handschrift.

Er beobachtet nicht, sagt Handke, sondern er schaut. Was begegnet ihm da beim Gehen und Wandern?

Honold: Beobachten gehört bei Handke auch dazu, aber sein Sehsinn ist nicht so dominant, er wird ergänzt durch das, was der Körper sonst noch so meldet: die Unebenheiten des Bodens; die Frage, was im Körper geschieht, wenn man einen Berg ansteigt; die Kräfte, die durch die Muskeln aufgenommen werden; die Geräusche, die Stimmen der Tiere und des Windes im Wald. Viele Sinne spielen eine Rolle, und die werden vermittelt über die Erfahrung des Vorankommens, dass man merkt, wie sich der Horizont allmählich verändert beim Gehen. Das ist quasi Landschaftserleben, und hat nicht nur klassische Vorbilder wie Goethe und Stifter, sondern ist auch sehr aktuell.

In der Bewegung des Nature Writing wird versucht, Landschaft wieder mit unverstelltem Blick wahrzunehmen – also nicht durch die Raster der Hochmoderne und des Digitalzeitalters. Man geht zu Fuß los, etwa von einem Flughafen, oder über eine Autobahn, durch Schneisen von Bahngleisen – an Punkten, an denen Fußgänger nicht vorgesehen sind. Dieser Konflikt mit der Infrastruktur nimmt bei Handke Mitte der 80er Jahre zu, er entdeckt die innerstädtischen Brachgebiete und erkundet sie zu Fuß, um einen Begriff von Welt zu restituieren, in dem die Verwertungslogik nicht alles diktiert, sondern auch das zur Sprache kommt, was dazwischen liegt. Handke redet oft von der Zwischenwelt und Zwickelwelt, die eingeklemmt ist zwischen größeren Straßenzügen. Er sagt: Genau an diesen Stellen trifft die Verwertungslogik mit dem Eigensinn von Landschaft zusammen.

Wobei Handke sich der modernen Welt und ihrer Verwertungslogik ja nicht verschließt, wenn er etwa zum Flughafen geht, aber dennoch fliegt …

Honold: Genau, er predigt nicht das Einsiedlertum oder die Askese, was man ihm oft vorgeworfen hat. Er hat das zwar selber forciert, etwa mit dem Begriff des Elfenbeinturm-Bewohners selber gespielt, aber war immer in Sichtkontakt mit den Erscheinungen von Modernität. Schon ganz früh hat er Essays geschrieben über Vorstädte, die Tristesse von großen Siedlungsbauten im Umfeld von Berlin oder Paris. Er hat das aufgenommen ohne den herablassenden Blick des Elitären, sondern gesagt: Das sind Lebenswelten, die mich interessieren und die ich ernst nehme, und das zieht sich hin bis zu seinem letzten Roman, der „Obstdiebin“, der auch Retortenstädte beschreibt.

Man hat da einen Kontrast, den man häufig bei Handke sieht: ein Nachgehen entlang der Flussläufe und Gebirgszüge, wo man quasi Natur als Relief im Text atmet, und gleichzeitig diese hochmodernen Signale von Retortensiedlungen, von Städten ohne Kern und ohne organisches Wachstum. Diesen Kontrast lässt er einen schmerzhaft empfinden.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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