Familiengedächtnis in Südtirol

Kriegserinnerungen an die nächste Generation weiterzugeben, ist immer kompliziert. Besonders gilt das für Südtiroler, die für das faschistische Italien in Afrika kämpften. Welche Strategien es bis heute gibt, beschreibt der Historiker Markus Wurzer in einem Gastbeitrag.

Als Alfred Peintner nach dem Tod seines Vaters dessen Nachlass sortierte, fand er in einem Schrank im elterlichen Bauernhof in Bressanone/Brixen (Alto Adige/Südtirol) neun lose Fotografien. Die Bilder waren auf ihren Rückseiten nicht beschriftet. Die Vorderseiten zeigten dagegen unbekannte Menschen, üppige Landschaften, exotische Tiere und Pflanzen. Dazu Gruppen von Männern in Uniform mit Tropenhelmen, gut gelaunt neben erlegten Tieren und schließlich Szenen des Grauens: getötete, gefolterte, hingerichtete Menschen.

Porträtfoto des Historikers Markus Wurzer
Alexander Mattersberger

Über den Autor:

Markus Wurzer ist Doktorand am Institut für Geschichte in Graz, er dissertiert über Kolonialkriege in visuellen Alltagskulturen und Familiengedächtnissen. Derzeit ist er IFK_Junior Fellow.

Für Peintner riefen die aufgefundenen Fotografien lange Zeit vergessene Erzählungen seiner Kindheit in Erinnerung, die ihm sein Vater von seinem „Abenteuer“ in Afrika geschildert hatte: Von gefährlichen Hyänen, die sich zu nah an die Zelte trauten, der unerträglichen Hitze, dem Wassermangel, den „primitiv bewaffneten“ Afrikanern und ihren schrecklich hohen Verlusten. Und vom Geld, das er dort verdient hatte und durch das er bei seiner Rückkehr vom „Ende der Welt“ den Bauernhof hatte kaufen könnten.

Fotografische Spuren

Gottfried Peintner, der Vater (geb. 1911), hatte als Soldat den Eroberungskrieg des faschistischen Italiens gegen das Kaiserreich Abessinien (1935–1941) erlebt. Und während dieser im kollektiven Gedächtnis Italiens (und Europas) weitestgehend vergessen ist, so zeigt sich, dass er in den Familien kolonialer AkteurInnen nachwirkt. Dort sind es vor allem Fotografien, die, überliefert in losen Konvoluten oder in aufwändig gestalteten Fotoalben, bis heute – als vermeintlich authentische Zeugnisse – Vorstellungen über koloniale Räume und die von ihnen hervorgebrachten Ordnungen vermitteln.

Ein ‚exotisches’ Abenteuer: eine Kamelkolonne zieht durch Ostafrika begleitet von einem Askari (Soldat aus Eritrea im Dienste der italienischen Kolonialmacht)
Sammlung Peintner, Bressanone/Brixen
Ein ‚exotisches’ Abenteuer: eine Kamelkolonne zieht durch Ostafrika begleitet von einem Askari (Soldat aus Eritrea im Dienste der italienischen Kolonialmacht)

Ging der historische Kontext der Fotografien mit dem Tod der „Erlebnisgeneration“ erst einmal verloren, stellten die Bilder von kolonialen Gewaltexzessen und exotisch anmutenden Lebenswelten, die sich in Dachböden und Schränken fanden, für die Kindergeneration mitunter unheimliche Spuren zu fremd anmutenden Räumen und vergangenen Zeiten dar. Denn längst nicht in allen Familien stellten Erzählungen über den Krieg in Afrika einen so selbstverständlichen Teil des Alltags dar. In vielen anderen Fällen tabuisierten und verschwiegen Väter ihre Erfahrungen gegenüber ihren Angehörigen.

Durch die Tradierung, die Aneignung oder Ablehnung der Fotografien positionieren sich Kinder zur Familiengeschichte, wobei sie sich im Spannungsverhältnis zwischen Familienloyalität einerseits und historischem Wissen über die Brutalität der italienischen Kolonialherrschaft andererseits bewegen.

Vergegenwärtigung kolonialer Vergangenheit

Die Familie blieb über Jahrzehnte der einzige „Erinnerungsort“, an dem Vorstellungen über die kolonialen Unternehmungen des italienischen Faschismus – bewusst oder unbewusst – weitergegeben wurden. Während dies in den Schulen nämlich bis heute nicht Teil des Lehrplans ist, beschäftigen sich auch HistorikerInnen erst seit gut zwei Jahrzehnten eingehender damit.

Veranstaltungshinweis

Am 11.12. hält Markus Wurzer einen Vortrag am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuniversität Linz: “Haunting Ghosts. Übersetzung kolonialer Erinnerung in visuellen Familiengedächtnissen“. Ort: IFK, Reichsratsstraße 17/DG, 1010 Wien. Zeit: 18.15 Uhr

Der Umgang der Kindergeneration mit kolonialer Vergangenheit als Teil ihrer Familiengeschichte kann mannigfaltige Gestalten annehmen: Während sich manche aktiv mit materiellen Überbleibseln und Erinnerungen auseinandersetzen und mehr Wissen in Erfahrung bringen wollen, verstehen sich andere auf deren bloße Konservierung. Andere wiederum – und das ist wohl auch die Mehrzahl – ignorieren Familienlegenden und Fotografien, die auf diese weisen. Trotzdem lassen sich einige allgemeine Tendenzen ausmachen, wie in Südtiroler Familien koloniale Vergangenheit vergegenwärtigt wird.

Heiterer Soldatenalltag: Markart (li.) und ein Kamerad beim Essen zwischen Kakteen
Sammlung Peintner, Bressanone/Brixen
Sammlung Peintner, Bressanone/Brixen

Distanzierung – Viktimisierung – Heroisierung

Erstens werden die Väter in den Erzählungen der Kindergeneration demonstrativ vom Staat und der Armee Italiens distanziert sowie der Kolonialkrieg und darin begangene Verbrechen explizit als „italienisch“ markiert. Der Kriegseinsatz wird dagegen eher als eine abenteuerliche Safari imaginiert, geprägt von Erfahrungen extremer Hitze und Exotik.

Zweitens werden die kolonialen Erinnerungen mit der kollektiven Erfahrung faschistischer Herrschaft in Südtirol in Verbindung gebracht. Die Väter werden also durch Erzählungen kollektiver Marginalisierung und Entmächtigung sowie des Zwangs, Kriegsdienst leisten zu müssen, in den größeren Viktimisierungsdiskurs der regionalen Gesellschaft, nämlich der SüdtirolerInnen als Opfer der repressiven Denationalisierungs- und Italianisierungspolitik, eingeschrieben.

Drittens werden die Väter in den familiären Erzählungen häufig heroisiert: Episoden, wonach diese faschistischen oder militärischen Autoritäten erfolgreich trotzten, diese überlisteten oder sich ihren italienischen Kameraden gegenüber als moralisch überlegen zeigten, kehren häufig wieder.

Die Wirklichkeit des Krieges: in einem Gefecht gefallene italienische Soldaten
Sammlung Peintner, Bressanone/Brixen
Die Wirklichkeit des Krieges: in einem Gefecht gefallene italienische Soldaten

Familienloyalität versus historisches Wissen

Die Kindergeneration adaptiert die Erzählstrategien der „Erlebnisgeneration“, die sich – Ende der 1930er Jahre aus Afrika zurückgekehrt – mit der Notwendigkeit konfrontiert gesehen hatte, ihren Kriegsdienst gegenüber einer zunehmend mit dem nationalsozialistischen Deutschland sympathisierenden Gesellschaft zu rechtfertigen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Erzählungen der Kinder mit jenen der Väter ident sind. Sie modifizieren diese vor ihrem eigenen Erfahrungshorizont, vergessen Unpassendes und füllen Leerstellen mit stereotypen Annahmen (wie Italiener seien „feige“ und „faul“, Abessinier dagegen „wild“ und „primitiv“). Auf diese Weise gelingt es, die Loyalität gegenüber der Familie mit dem historischen Wissen um die Brutalität des Kolonialkriegs in Einklang zu bringen: Ein Opfer des Faschismus könne eben nicht gleichzeitig Täter für das Regime sein.

So wird gänzlich übersehen, dass die Väter in Afrika als Kolonisatoren agierten und wenn auch nicht in physische Verbrechen, so doch an der Etablierung einer „rassisch“ motivierten Kolonialherrschaft partizipierten. Die in Italien populäre Vorstellung, dass das koloniale Projekt im Vergleich zu anderen Staaten humaner gewesen sei, erscheint so in den Gedächtnissen Südtiroler Familien modifiziert: In den Erzählungen stehen „die“ passiven Südtiroler „den“ gewalttätigen Italienern gegenüber.

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