Wenn Frauen zu den Waffen greifen

Das moderne Militär gilt als Institution, die „Männer macht“. Dennoch gibt es auch viele Frauen in staatliche Armeen und Widerstandsbewegungen. Ein Garant für eine veränderte Rolle in der zivilen Gesellschaft ist das nicht, sagen Forscherinnen.

Ob im westafrikanischen Königreich Dahomey, in der Französischen Revolution oder in lateinamerikanischen Guerillabewegungen, Frauen haben oft zu den Waffen gegriffen. Allerdings werden sie in der Geschichtsschreibung meist unterrepräsentiert. „Es gibt eine Tendenz, Frauen aus der Geschichte der Kriegsführung herauszuschreiben“, sagt Saskia Stachowisch, Politologin an der Universität Wien.

Denn ab dem 18. Jahrhundert entstand das moderne Militär als „männermachende Institution“, so Stachowitsch gegenüber science.ORF.at: „In dieser Zeit haben sich Nationalstaatsideen herausgebildet und die Wehrpflicht wurde eine Bürgerpflicht, die auch die politischen Partizipationsrechte des männlichen Staatsbürgers bedingt hat.“

Skythen greifen Perser an (Film-Still)
ORF/© Urban Canyons/Jeff Smart
Ausschnitt aus der TV-Doku „Amazonen - Die wehrhaften Frauen“

Grad der Gleichstellung

Warum Frauen aber dennoch in moderne nationalstaatliche Armeen integriert werden, hängt von vielen Faktoren ab, erklärt die Wissenschafterin. Unter anderem sei es eine Personalfrage: „Ob ich genug Rekruten und Rekrutinnen habe, beeinflusst nicht nur, wie viele Frauen in einem Militär dienen können, sondern auch in welchen Positionen.“

ORF-Sendungshinweise

Kämpfenden Frauen widmen sich auch Universum History mit der Dokumentation „Amazonen - Die wehrhaften Frauen“, 15.12., 22:23 Uhr auf ORF2 sowie Wissen aktuell: 15.12., 13:55 Uhr auf Ö1.

Darüber hinaus seien es gesellschaftliche Voraussetzungen: „In Gesellschaften, in denen mehr Gleichstellung zwischen Frauen und Männern erreicht ist, gibt es tendenziell auch eine größere Beteiligung von Frauen im Heer. In Norwegen, wo man in dieser Hinsicht schon sehr weit ist, gibt es eine Wehrpflicht für Frauen und eine große Zustimmung der Frauen zu ihrer eigenen Verpflichtung.“

Es wäre aber vereinfacht zu sagen, dass es eine reine Gleichstellungsfrage sei. Auch die außenpolitische Situation eines Landes und die Frage, wie wichtig das Militär für ein Land ist, seien relevant. In Israel beispielsweise, wo der Militärapparat eine zentrale Rolle spielt, besteht auch für Frauen eine Wehrpflicht.

Auch eine Frage des Arbeitsmarkts

„Der militärische Arbeitsmarkt hängt auch immer vom zivilen ab. In den USA lag die Integration der Frauen ins Heer ab den 1970er Jahren daran, dass Frauen immer qualifizierter für militärische Aufgaben wurden.“ Das habe zwei Gründe gehabt: Einerseits waren mehr Frauen berufstätig als früher und durch ihre zivile Berufserfahrung besser geeignet und zum anderen wurden zivile Tätigkeiten für das Militär wichtiger.“

In hoch technologisierten Militärapparaten seien das vor allem technologische Aufgaben, etwa die Wartung von technologischer Infrastruktur und Waffensystemen, aber auch Aufgaben in der Logistik und in der Kommunikation.

Beispiel der Kurdinnen

Bewaffnete Kämpfe werden aber nicht nur von Staaten ausgetragen. Stachowitsch dazu: „Bei privaten Sicherheits- und Militärdiensten beobachte ich eine stärkere Vermännlichung des Berufsstandes, da spielen Frauen fast gar keine Rolle. In Bewegungen dagegen, wo für eine gemeinsame Sache, eine utopische Zukunft gekämpft wird, sind Frauen in den Kampf eingebunden.“

Aktuell kann man das bei der YPJ, den kurdischen Fraueneinheiten, sehen, die in Syrien gegen den selbsternannten Islamischen Staat kämpfen. Hier liegen die Gründe in politischen Überzeugungen, erklärt die Sozialanthropologin Nerina Weiss vom norwegischen Forschungsinstitut Fafo: „Die YPJ ist stark von der prokurdischen Bewegung in der Türkei beeinflusst, und in der haben Frauen eine sehr vorrangige Stellung. Frauen sind sehr aktiv, sowohl politisch als auch im bewaffneten Kampf.“

Kurdische Kämpferin mit Gewehr sitzt am Boden
DELIL SOULEIMAN / AFP
Kurdische Kämpferin der YPJ

Die Gründe dafür liegen in einem links-revolutionären Denken, in dem Geschlechtergleichheit eine große Rolle spielt, so Weiss gegenüber science.ORF.at: „Die YPJ ist eine Schwesternorganisation der kurdischen PKK in der Türkei und daher inspiriert vom Denken Abdullah Öcalans, dem Gründer der PKK.“ Das Ablegen traditioneller Geschlechterrollen sei hier sehr wichtig. Bemerkenswert sei, sagt Weiss, dass Frauen nicht nur mitkämpfen, sondern auch in führenden Positionen sind.

Nach dem Kampf zurück an den Herd?

Ob die geforderte Geschlechtergleichheit auch nach dem Krieg umgesetzt wird, könne sie für die kurdischen Gebiete in Syrien noch nicht abschätzen, meint Weiss: „Solche großen gesellschaftlichen Veränderungen brauchen Generationen. Es werden viele Frauen davon einen Nutzen ziehen. Dass Gleichberechtigung überhaupt ein Thema ist und vorgelebt wird, ist ein riesiger Schritt. Aber es fehlt ein kritischer Blick danach, wie viele Frauen das wirklich sind. Man sieht immer die Bilder der schönen, glücklichen Kämpferinnen, aber ein Krieg sieht anders aus. Und die Frage ist auch: Werden die Ideen wirklich umgesetzt?“

In der Türkei könne man die Umsetzung jedenfalls teilweise beobachten, meint Weiss: „Was die Kurden geschafft haben in der Türkei, ist, dass sie parallel zum bewaffneten Kampf innerhalb des türkischen politischen Systems eine prokurdische Bewegung aufgebaut und so eine bessere Position der Frau verankert haben. Egal wie der Kurdenkonflikt in der Türkei ausgehen wird, die Stellung der kurdischen Frau ist eine total andere als vor zwanzig Jahren.“

Dies sei aber eine Besonderheit der kurdischen Bewegung in der Türkei, so die Anthropologin: „Das, was die Kurden in der Türkei geschafft haben, ist sehr vielen anderen revolutionären Bewegungen nicht gelungen. Auch in Algerien waren Frauen an vorderster Front dabei im Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich, aber sobald sich Frankreich zurückgezogen hat, sind Frauen aus dem öffentlichen Bild verschwunden. Normalerweise ist es so, dass Frauen kämpfen und dann zurück an den Herd kommen.“

Rolle im Kampf oft unterbewertet

Auch in lateinamerikanischen Ländern habe man beobachten können, so die Politologin Stachowitsch, dass „Frauen zwar in den Rebellengruppen gekämpft haben, in Abrüstungs- und Friedensverhandlungen danach aber nicht in die Demobilisierungsprogramme miteinbezogen wurden. Es gab das Bild, dass Frauen sowieso nicht richtig gekämpft hätten, und deshalb sah man auch keinen Bedarf dafür, sie wieder ins zivile Leben zu integrieren.“

In Kolumbien etwa mussten nach dem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt die ehemaligen Kämpferinnen mit Unterstützung von Frauenorganisationen auf ihre Rolle im Kampf aufmerksam machen, um in die Friedensverhandlungen miteinbezogen zu werden.

Eine demobilisierte FARC-Kämpferin in Kolumbien
Caroline Haidacher / ORF
Eine demobilisierte Kämpferin in Kolumbien

Das Zurückdrängen der Frauen nach dem Krieg kann man auch in staatlichen Militärapparaten beobachten. „Früher war das klassische Muster, dass Frauen in Kriegszeiten verstärkt rekrutiert wurden, besonders in die zivilen Bereiche, um die Männer für das Kampfgeschehen frei zu machen“, sagt Stachowitsch. „Im Zweiten Weltkrieg waren circa 250.000 Frauen in der US-Armee tätig, unter anderem als Pilotinnen. Als nach dem Krieg großflächig abgerüstet wurde, entließ man die Frauen wieder aus dem Militär.“

Das habe sich in den USA mittlerweile geändert und Frauen seien ins Militär integriert: Zum einen liege das daran, dass „moderne Heere auch in Friedenszeiten eine gewisse Institutionalisierung aufrechtherhalten“, es also ein stehendes Heer gibt, in dem es nicht zu massenhaften Entlassungen kommt. Und zum anderen war „in den USA die Frauenrechtsbewegung der 1970er Jahre wichtig, um verkrusteten Geschlechterrollen zu überwinden und auch die Möglichkeit anzudenken, dass Frauen auch im Militär eine tragende Rolle spielen können“, so Stachowitsch.

Katharina Gruber, Ö1-Wissenschaft

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