Kriminell durch Hirnverletzung?

US-Wissenschaftler haben Hinweise gefunden, dass kriminelles Verhalten durch Hirnverletzungen ausgelöst werden könnte. Die Entdeckung betrifft wohl auch die Rechtsprechung - welche Konsequenzen sie haben könnte, ist völlig unklar.

„Wir haben eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe wir die psychiatrischen Symptome von Hirnverletzungen besser verstehen können“, sagt Michael Fox, Neurologe von der Harvard Medical School. „Wir haben die Technik schon auf Halluzinationen, Wahnvorstellungen, unbewusste Bewegungen und Koma angewandt - die interessanteste Anwendung ist vielleicht die Kriminalität.“

Im Fachblatt „PNAS“ berichten Fox und sein Team nun von ersten Resultaten auf diesem Forschungsgebiet: Die Forscher untersuchten 17 Straftäter mit Läsionen im Gehirn und stellten fest, dass diese Schäden allesamt im gleichen neuronalen Netzwerk auftraten - jenem Netzwerk, das moralische Entscheidungen steuert.

Hirnbilder: Verletzungen im neuronalen Netzwerk
PNAS
Die Gehirne der untersuchten Straftäter; rot: geschädigte Hirnregionen

Dem Zusammenhang auf die Spur gekommen war Co-Autor Richard Darby von der Vanderbilt University. Er hatte beobachtet, dass einige seiner Demenzpatienten - zuvor völlig unauffällig - mit Fortschreiten der Krankheit plötzlich kleinere Straftaten begingen. Die vermutete Ursache: demenzbedingte Schäden im Gehirn.

Der Fall Charles Whitman

Die Wissenschaftler erwähnen in ihrer Studie auch eine schauerliche Episode aus der Geschichte der Hirnforschung, den Fall Charles Whitman: Der Amerikaner ermordete im Juli 1966 seine Mutter sowie seine Ehefrau, fuhr danach zum Campus der Texas University und eröffnete dort das Feuer mit einem Scharfschützengewehr - 17 weitere Menschen starben, bevor Whitman selbst von der Polizei erschossen wurde.

Wie sich später herausstellte, hatte Whitman vor seinem Amoklauf über starke Kopfschmerzen geklagt und seinem Arzt von aufkeimenden Hass- und Gewaltfantasien berichtet. Eine Autopsie ergab: Whitman hatte einen Tumor im rechten Schläfenlappen.

Im Schläfenlappen liegen das Hör- und eines der beiden Sprachzentren sowie wichtige Strukturen des Gedächtnisses - kann ein Schaden in diesem Bereich zu „erworbener Soziopathie“ führen? Im Prinzip ja, schreiben Fox und seine Mitarbeiter. Und zwar dann, wenn die betroffenen Neuronen zum Netzwerk für moralische Entscheidungen gehören. Es komme nicht notwendigerweise auf die Lage der geschädigten Hirnbereiche an, sondern auf ihre großräumige Verletzung.

„Können Schuldfrage nicht beantworten“

Die Methode, mit der man diese Vernetzungen sichtbar machen kann, heißt „Lesion Network Mapping“. Aus den Befunden folge allerdings nicht, dass eine Verletzung im Netzwerk der Moral automatisch kriminell mache, betont Fox. Genetik, Umwelt und nicht zuletzt soziale Einflüsse seien ebenso wichtig.

Wann und warum ein Mensch zum Straftäter wird, ist nach wie vor unklar - die Ursachen sind verflochten, daran ändert allem Anschein nach auch die quantifizierende Neurobiologie nichts. „Wir wissen noch nicht, welche Vorhersagen mit unserer Methode möglich sind“, sagt Fox. „Nehmen wir an, ein Patient hat außerhalb dieses Netzwerks eine Hirnverletzung - folgt daraus, dass sie gar nichts mit kriminellem Verhalten zu tun hat? Umgekehrt wissen wir auch nicht, wieviel Prozent tatsächlich kriminell werden könnten, wenn die Verletzung innerhalb des Netzwerks liegt.“

Die Entdeckung der amerikanischen Hirnforscher wirft auch einige juristische Fragen auf. Hirnverletzungen zu diagnostizieren ist eine Sache - doch beeinflusst dieser Umstand die Verantwortung des Täters, sofern er denn zum Täter wird? Und falls ja, wie?

Themen wie Schuld und Verantwortung seien nicht Sache der Neurobiologie, sagt Fox - und spielt den Ball an die Gerichte und die Gesellschaft weiter. Diese sollten sich der Sache nun annehmen. „Unsere Erkenntnisse können diese Fragen nicht beantworten. Sie zeigen nur, dass es sich um wichtige Fragen handelt.“

Robert Czepel, science.ORF.at

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