So wird das Jubiläumsjahr 2018

2018 ist das Jahr der Jubiläen. Das wichtigste aus Österreich: Die Republik wird 100. In Zeiten bedrohter Demokratien ist die Erinnerung an ihre Fundamente besonders wichtig, meint die Historikerin Heidemarie Uhl.

Sie hält auch das klare geschichtspolitische Bekenntnis der neuen Bundesregierung von ÖVP und FPÖ zur österreichischen Mitverantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus für „erstaunlich“ und „erfreulich“.

science.ORF.at: Wozu gibt es überhaupt Gedenkjahre?

Heidemarie Uhl: Ihre Funktion hat sich erst 1988 – zum 50. Jahrestag des „Anschlusses“ – herauskristallisiert. Die historischen Fakten sind bereits bekannt, aber in den Jubiläumsjahren werden sie gesamtgesellschaftlich neu diskutiert. Interessant ist, wie sich der Zugang zur Vergangenheit verändert, welche Aspekte betont werden und welche nicht. Das wird auch 2018 nicht anders sein, wobei wir einiges Neues erwarten dürfen.

Portrait von Heidemarie Uhl
APA, Robert Jäger

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Zum einen wird es mit dem Haus der Geschichte einen neuen Player geben, der sich ganz zentral mit 1918 auseinandersetzt. Zum anderen ist ein neues Interesse an der demokratischen Ordnung erwacht, wie sie zwischen 1918 und 1920 erfunden wurde. Heute gefährden illiberale Demokratien in Europa wieder die Grundpfeiler der Demokratie, wenn man etwa an den Streit um die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichtshofs in Polen denkt: Das wirft auch neue Fragen für die Geschichte der Demokratieentwicklung in Österreich auf.

Worin besteht dieser neue Blick auf 1918?

Uhl: Üblicherweise wird das Jahr nicht in seinem Eigenwert gesehen, sondern gewissermaßen als Auftakt zum Untergang. Auf 1918 folgt in der Logik dieser Geschichtserzählung der Brand des Justizpalastes 1927, Diktatur und Bürgerkrieg 1933 und 1934, dann die Errichtung einer totalitären Gewaltherrschaft durch das NS-Regime 1938. Neu und interessant finde ich die Frage: Wie haben sich die Parteien 1918 ermächtigt, den Staat neu zu begründen? Niemand hat den Abgeordneten anempfohlen, sich zur Nationalversammlung zusammenzufinden.

Das war ein Akt einer parteiübergreifenden Selbstermächtigung. Auf diese Weise wurde eine neue Wahlordnung entwickelt, mit dem ersten allgemeinen und gleichen Wahlrecht für Männer und Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft. Im Reichsrat hatte es zwar ab 1907 das allgemeine Männerwahlrecht gegeben, aber in den Landtagen und Kommunen galt noch das Kurienwahlrecht. Hier haben die Parteien also ganz neue Regeln für einen Staat auf demokratischer Grundlage geschaffen, und das wird 2018 in neuer Form gewürdigt und wahrgenommen.

Welche Rolle wird dabei das Haus der Geschichte spielen?

Ö1-Sendungshinweis

Über das Thema berichten auch die Ö1-Journale, 2.1., 12:00 Uhr.

Uhl: Eine ganz zentrale. Das Haus der Geschichte wird das Jahr 1918 nicht reduzieren auf den Nukleus des Untergangs, auf die spätere Feindschaft zwischen den politischen Lagern usw., sondern als Zeitraum beschreiben, in dem die Zukunft gänzlich offen war. Es war ja ganz unklar, wie sich die Republik entwickeln wird, ob in Richtung Räterepublik mit der Oktoberrevolution 1917 als Horizont, oder nicht. Zu sehen, dass es Entscheidungen waren, die gegen andere Konzepte durchgesetzt wurden, dass auch eine ganz andere Gesellschaftsordnung möglich gewesen wäre, ist das Spannende und Neue im Blick auf 1918.

Was ist vom Gedenkjahr 1938 zu erwarten?

Uhl: Soweit sich das absehen lässt, wird das Interesse an 1938 im Vergleich zu 1918 gering sein. Das zeigt sich zum einen schon jetzt an der Buchproduktion, zum anderen an den Veranstaltungen. Um den 12. März wird es zwar einige interessante Projekte geben: das Projekt „Zeituhr 1938“ im öffentlichen Raum, eine Kooperation u.a. mit Ö1, bei der die Machtergreifung am 11./12. März in einer Art 24-Stunden-Liveticker gezeigt wird, sowie ein Kunstprojekt des Hauses der Geschichte am Heldenplatz, das auf die Hitlerrede hinweist. Diese beiden Projekte zählen aber zu den wenigen, die sich mit der Vermittlung des „Anschlusses“ beschäftigen.

Menschenmenge vor dem Parlament am 12. November 1918
ANNO - ONB
Menschenmenge vor dem Parlament am 12. November 1918

Die Erinnerungspolitik war in Österreich immer sehr großkoalitionär, auch was die Zusammensetzung von Historikern, Kuratorinnen etc. betrifft. Jetzt sind Vertreter des Dritten Lagers in der Regierung: Wie werden sie sich ins Gedenkjahr einbringen?

Uhl: Die Politiker und Politikerinnen der FPÖ werden in ihren Funktionen als Vizekanzler und Minister natürlich zentral an den Gedenkveranstaltungen teilnehmen. Ich finde es wichtig, dass sie die Gelegenheit haben, gewissermaßen ein Bekenntnis zur Demokratie, zu den staatlichen Grundregeln, wie sie 1918 entwickelt wurden, und zu Europa abzugeben. Solche Gedenkfeiern sind auch ein window of opportunity. Sie sind nicht nur Worthülsen und leere Phrasen, sondern wichtige Gelegenheiten, um Grundsätzliches zu sagen.

Das Gedenkjahr nimmt im Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ relativ großen Raum ein …

Uhl: Ja, das ist schon erstaunlich. Einleitend findet sich darin das geschichtspolitische Statement der neuen Regierung: Österreich bekennt sich „zu seiner Mitschuld und Verantwortung“ für eine „der größten Tragödien in der Weltgeschichte“. Auch wenn Begriffe wie „Holocaust“, „Shoah“ oder „Verbrechen des Nationalsozialismus“ darin nicht explizit vorkommen: Das ist ein erfreulich eindeutiges Bekenntnis zur historischen Mitverantwortung Österreichs, das seit der Waldheimdebatte 1986 gegen den Mythos von Österreich als „erstem Opfer“ durchgesetzt wurde.

Das erklärte Ziel des Regierungsprogramms, „das Gedenkjahr 2018 als gemeinsames Projekt für das ganze Land etablieren“, rennt aber offene Türen ein. In allen Bundesländern sind Projekte und Veranstaltungen geplant, vieles kann aufgrund der geringen Fördermittel nicht realisiert werden. Der logische Schritt zu einer Stärkung der Gedenkjahr 2018-Aktivitäten im ganzen Land müsste eine entsprechende finanzielle Förderung sein.

Noch etwas fällt in Sachen Erinnerung im Regierungsprogramm auf: die Nennung der „Doppelstaatsbürgerschaft für Nachkommen der Opfer des Holocaust aus Österreich“.

Uhl: Das erweckt den irreführenden Eindruck, das sei etwas ganz Neues. Diese Form der Doppelstaatsbürgerschaft ist aber bereits jetzt unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich ermöglicht. Eine Doppelstaatsbürgerschafts-Regelung würde aber die seit Jahren von der Israelitische Kultusgemeinde vergeblich geforderten Erleichterungen beim oft aufwändigen, langwierigen und mühsamen Erwerb für im Ausland lebende Nachkommen und die Beseitigung der zusätzlichen Erschwernisse für Kinder und Enkel in mütterlicher Linie bedeuten.

Man könnte in dieser Forderung aber auch den Versuch eines symbolischen Gegengewichts zum höchst kontroversiellen Vorhaben der Schaffung einer Doppelstaatsbürgerschaft für deutschsprachige Südtiroler sehen. Dem in der Begründung dafür angeführten „Geist der europäischen Integration“ hat die neue Regierung damit aber keinen guten Dienst erwiesen. Die negativen Reaktionen in Italien und auf europäischer Ebene waren klar zu erwarten. Offenkundig war dieser Akt der Symbolpolitik für rechtsnationale Kreise so wichtig, dass Europa- und außenpolitische Verstimmungen in Kauf genommen wurden - trotz der Bekenntnisse zum europäischen Friedens- und Einigungsprojekt im Regierungsprogramm.

Und eigentlich ist es nicht verständlich, dass in Südtirol lebende Menschen durch die Doppelstaatsbürgerschaft nun das Wahlrecht für Nationalratswahlen erhalten, während oft seit Jahrzehnten in Österreich lebende EU-Bürger – die hier ja auch Steuern zahlen – kein Wahlrecht auf nationaler Ebene haben.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Veranstaltungen zum Gedenkjahr

Gedenktag 11. /12. März 2018: 11.3. Matinee im Burgtheater, 11 Uhr, ab 18 Uhr Beginn „Zeituhr 1938“ Projektion im öffentlichen Raum im Umfeld Ballhausplatz; Kooperation von Ö1, Haus der Geschichte Österreich, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, ÖAW-IKT; 12. 3: Gedenkakt des offiziellen Österreich, Zeit und Ort noch nicht festgelegt; Haus der Geschichte Österreich: Eröffnung einer künstlerischen Installation mit Bezug auf die Hitler-Rede am 15. März 1938 am Altan der Neuen Hofburg („Hitler-Balkon“)

Gedenktag 12. November 2018: Staatsakt zum Jubiläum 100 Jahre Ausrufung der Republik, Staatsoper; Eröffnung des Hauses der Geschichte Österreich mit der Ausstellung zum Republikjubiläum (um den 12. November, genauer Zeitpunkt wird noch fixiert); internationale Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle. Die Bedeutung des Jahres 1918 in europäischer und globaler Perspektive“ 3. bis 6. November 2018 im Festsaal der ÖAW:

Weiters wird heuer auch der Märzrevolution 1848 gedacht, der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte 1948 und des Einmarsches Warschauer-Pakt Truppen in die CSSR 1968.