Die populärste Studie des Jahres

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse haben in diesem Jahr das größte Medienecho ausgelöst? Eine britische Datenfirma erstellte nun eine Rangliste - an der Spitze: eine Ernährungsstudie über „böse“ Kohlenhydrate.

Mit der Messung wissenschaftlicher Relevanz ist das so eine Sache. Traditionell spielen die Zitate in Fachjournalen eine wichtige Rolle - je öfter eine Studie zitiert wird, desto eher gesteht ihr die „Szientometrik“ (damit ist jene Profession gemeint, die das Publikationswesen statistisch vermisst) auch eine gewisse Wichtigkeit zu.

Ob dieses Maß mit gehobener Güte der Studien einhergeht, ist freilich umstritten. Denn Popularität und Qualität sind bekanntlich zweierlei Dinge. Auf solche Grundsatzdiskussionen lässt sich die britische Firma Altmetrik erst gar nicht ein. Sie verfährt nach dem Motto: Ein Echo ist ein Echo ist ein Echo. Qualität möge man bitte mit anderen Kriterien beurteilen.

Fett ist doch gesund

Das Team von Altmetrik hat jedenfalls kürzlich eine Rangliste der meistbeachteten Studien veröffentlicht. Als Kriterium galten Medienberichte im Web, etwa Wikipedia-Einträge, Online-Artikel sowie Posts in Facebook, Twitter, Blogs und anderem mehr. Resultat: Die größte Resonanz erzielte 2017 eine Untersuchung aus dem Medizinjournal „Lancet“. Darin ging es um die Frage, ob fettarme Ernährung gesund ist. Laut den Autoren ist das nicht der Fall, viel eher scheinen zu viel Zucker und Kohlenhydrate das Leben zu verkürzen.

Eine Frau hält ein Brot belegt mit Radieschen und Schnittlauch
APA/GEORG HOCHMUTH
Was dürfen, was sollen wir essen? Ernährung ist ein Dauerbrenner in der Berichterstattung über Wissenschaft

Mediziner der Harvard University warnten allerdings kurz darauf vor einseitigen Interpretationen: Es komme darauf an, welche Art von Kohlenhydraten man zu sich nehme. Gemüse und Obst (die vor allem aus Ballaststoffen und Kohlenhydraten bestehen) seien nach wie vor Bestandteil ausgewogener Ernährung, der „Fett ist böse“-Mythos sollte nicht durch einen neuen, nämlich den „Kohlenhydrate sind böse“-Mythos ersetzt werden.

Genau das passierte jedoch in vielen Medienberichten. So betrachtet ist die von Altmetrik vorgestellte Bilanz durchaus zweischneidig: Medien bedienen sich der Zuspitzung, im schlechten Fall gerät das Echo wohl auch zur unzulässigen Vereinfachung.

Medizinthemen dominieren

Auf Platz zwei der Altmetrik-Rangliste rangiert eine Studie über den Arbeitsstress von PhD-Studenten, auf Platz drei eine Untersuchung über Geschlechterunterschiede beim medizinischen Personal: Bessere Chancen wieder gesund zu werden hat demnach, wer sich von einer Ärztin behandeln lässt - und nicht von einem Arzt.

Auffällig: In der Rangliste dominieren medizinische Studien mit 53 von 100 Nennungen, danach folgen Biologie, Umweltwissenschaften sowie Gesellschaftsthemen. Physik und Kosmologie indes sucht hat man darin vergeblich. Ganz im Gegensatz zur diesjährigen Bilanz des Fachblatts „Science“: Deren Herausgeber wählten die Kollision zweier Neutronensterne zum wissenschaftlichen „Durchbruch des Jahres“. Die kosmische Karambolage löste gewiss ein beträchtliches Medienecho aus, vor allem sorgte sie in der Raumzeit für Turbulenzen - in Form der lang gesuchten Gravitationswellen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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