Hinter roten Vorhängen

Die Alternativlosigkeit des Kapitalismus, ideologische Gespenster und Depression: Damit hat sich Mark Fisher beschäftigt. Vor einem Jahr hat sich der britische Kulturtheoretiker das Leben genommen. Eine Erinnerung. Oder: Warum man hinter rote Vorhänge schauen sollte.

Die Sängerin Rebekah Del Rio tritt vor den schweren, roten Samtvorhang und beginnt ein wunderschönes, trauriges Lied zu singen: die spanische Version von Roy Orbisons „Crying“. Während die beiden Zuhörerinnen im „Club Silencio“ beim Klang der berührenden Ballade selbst zu weinen beginnen, fällt Del Rio plötzlich um und liegt wie tot auf der Bühne – doch ihre Stimme singt weiter.

Gänsehautmomente gibt es viele im Film „Mulholland Drive“ (2001) von David Lynch. Doch die Stimme, die weitersingt, obwohl die Sängerin kollabiert ist, hat Mark Fisher besonders fasziniert: Für ihn ist dies eine der Schlüsselstellen des Films und ein Beispiel für das, was er in seinem Buch „Das Seltsame und Gespenstische“ untersucht hat.

YouTube-Video: Szene aus „Mulholland Drive“

Er lehnte sich dabei an Sigmund Freuds Begriff vom Unheimlichen an. Das Unheimliche, so Freud, irritiert vor allem deshalb, weil es mit dem Heimlichen, also dem von der eigenen Heimat Bekannten, so nahe verwandt ist. Eine kleine Abweichung von diesem Bekannten, Heimlichen reicht aus, um großen Schrecken zu erzeugen, um „un-heimlich“ zu werden. Spuren dieser Art hat Mark Fisher in seinem Spezialfeld, der Popkultur, viele gesucht und gefunden, in der Musik ebenso wie im Kino.

Das Seltsame, Unbehagen Verursachende an der Szene aus „Mulholland Drive“ war für Fisher die plötzliche Einsicht, dass wir uns in einer Illusion befinden. Kino an sich ist immer Illusion, in die wir uns freiwillig und mit großem Glücksversprechen begeben. Das wird in „Mulholland Drive“ sogar an anderer Stelle explizit betont, ändert aber nichts daran, dass wir bei der Einsicht in diese Wirklichkeit – beim Gewahrwerden, dass die Stimme auch weitersingen kann, wenn die Sängerin am Boden liegt – zusammenzucken.

Träume sind mehr als Schwindel

Diese Illusionen, schreibt Mark Fisher, sind aber mehr als bloßer Schwindel. Sie verweisen so wie Träume auch auf etwas Reales außerhalb (der Kinogeherin oder des Träumers). „Träume sind nicht nur Orte solipsistischer Innerlichkeit“, schreibt Mark Fisher, „sondern auch das Terrain, an dem sich die ‚roten Vorhänge‘ (Anm. so wie in Lynchs Szene) zur Außenwelt öffnen.“

Mark Fischer im Museum für zeitgenössische Kunst in Barcelona
CC BY-SA 2.0

Mark Fisher

Die Wechselwirkung von Innen und Außen, von Individuum und Gesellschaft, von kultureller Rezeption und Produktion hat Mark Fisher ein Leben lang beschäftigt. Nicht zuletzt, weil sie auch ihn selbst betraf. Seine Herkunft aus der britischen Arbeiterklasse war ebenso selbstverständlicher Bestandteil seiner theoretischen Überlegungen wie seine Depression. Das Private ist eben politisch, und auf dieser Grundlage hat er auch seine Studenten und Studentinnen am Goldsmiths College in London behandelt.

Empowerment der Studierenden

„Künstliche Hierarchien wie zwischen den ‚Professoren oben‘ und den ‚Studierenden unten‘ hat er versucht zu dekonstruieren“, erzählt Beate Absalon, Masterstudierende in Kulturwissenschaften an der Humboldt-Uni in Berlin. Absalon hat Mark Fisher als Erasmus-Austauschstudentin am Goldsmiths College im Herbst 2016 kennengelernt. „Mein erster Eindruck in der Orientierungsveranstaltung: Er war genauso nervös wie die Studierenden. Das war sehr sympathisch, er hat auch auf eine sehr menschliche Art – mit Unterstützung von Kaffee und Kuchen - versucht, dass alle ins Gespräch miteinander kommen.“

FM4-Sendungshinweis:

„Im Sumpf“ zum Tod von Mark Fisher (7.1.)

Die Stimmung und Atmosphäre am College, einem Hotspot postmoderner, queerer und anderer linker Theorien, sei sehr gut gewesen, erzählt Absalon. Nicht zuletzt weil Fisher versuchte, seine Studierenden zu fördern und nicht das Gefühl zu verstärken, angesichts der hochgeistigen Vorbilder „zu blöd zu sein“. Dazu gehörte auch seine Bereitschaft, noch die kleinsten Emails zu beantworten – alles andere als eine Selbstverständlichkeit in der Professorenschaft.

Verantwortung der Hochschulen

Umso größer war der Schock, als sich Mark Fisher am 13. Jänner 2017 das Leben nahm. Aus Ratlosigkeit und Verwirrung wurde nur langsam traurige Gewissheit, erzählt Absalon, und dann Trauerarbeit. „Die Stimmung an der Uni hat sich danach stark verändert. Viele wurden plötzlich ganz weich, haben sich gegenseitig eingeladen. Es wurde in den Kursen und privat viel diskutiert, um Worte gerungen, gelacht und geweint.“

Fisher-Memorial

Beate Absalon hat gemeinsam mit Thomas Macho am 11. Jänner 2017 ein Mark-Fisher-Memorial organisiert: am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuniversität Linz in Wien.

Und irgendwann wurde auch die Methode von Fisher – Alltagsphänomene auf ihren strukturellen Hintergrund abzuklopfen – auf sein Ableben selbst angewandt und die Frage gestellt: Welche Verantwortung trägt das Goldsmiths College bzw. das System britischer Hochschulen an sich für seine Tat? Warum lebte jemand wie er, einer der wichtigsten Kulturtheoretiker der Gegenwart, in relativ prekären Verhältnissen? Sein Mitstreiter, der Theoretiker und Schriftsteller Kodwo Eshun nannte das „eine Form von institutionellem Sadismus“, erinnert sich Absalon.

Auch der seltsame Widerspruch einer Uni, die auf der einen Seite Menschen wie Fisher erlaubte, den Neoliberalismus zu geißeln, und auf der anderen Seite rasend hohe Studiengebühren verlangt, die nur die Alternativen „bis über beide Ohren verschulden“ oder „Kind reicher Eltern sein“ zulassen, wurde thematisiert. Und so hat Fisher, so traurig das ist, auch nach seinem Tod noch die Diskussion mitgeprägt über den „Kapitalistischen Realismus“ (so einer seiner Buchtitel), der alles durchdringt und noch in den intimsten Momenten – wie etwa in psychischen Krankheiten – enthalten ist.

Text von Mark Fisher an Hausmauer
Natasha Eves

Politische Utopien

Depression und ihre gängige Behandlung mit Psychopharmaka hat er verstanden als verinnerlichten Ausdruck von gesellschaftlichen Problemen wie Leistungsdruck und Profitwahn. Müsste man den „Kapitalismus abschaffen“, um weitere Erkrankungen zu verhindern? Das wäre wohl eine etwas langfristige Strategie, und widerspricht auch dem ernüchternden, Fredric Jameson und Slavoj Žižek zugeschriebenen Befund, wonach man sich eher das Ende der Welt vorstellen könne als das Ende des Kapitalismus.

An dessen Alternativlosigkeit hat Fisher gerüttelt, wenn er etwa meinte: „Emanzipatorische Politik muss zeigen, dass das, was als notwendig und unvermeidlich gilt, reiner Zufall ist. Genauso muss sie das, was zuvor als unmöglich erachtet wurde, als erreichbar erscheinen lassen.“ Die politischen Utopien – für Mark Fisher waren das linke und nicht die rechten, die gerade wieder aus ihren Gräbern steigen – seien gespenster- und schemenhaft in der Popkultur enthalten. Man müsse nur genau hinschauen und etwa hinter die roten Vorhänge blicken, vor denen Rebekah Del Rio singt – auf die Gefahr hin, dass sich auch dort nur eine weitere Illusion verbirgt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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