Ein Schwertwal lernt „sprechen“

Nicht nur Papageien, auch Orcas können Hallo sagen. Den Beweis lieferte nun erstmals ein internationales Forscherteam. Die Wissenschaftler zeigten: Die Tiere sind den Menschen beim „Sprachelernen“ weit ähnlicher als gedacht.

Wikie heißt das 14 Jahre alte Orcaweibchen im französischen Marineland-Aquarium. Wenn ihr ein Trainer ein Wort vorspricht, kann sie es nachmachen. Das Wort Hallo war sogar schon beim ersten Versuch verständlich.

Audiobeispiel „Hello“

Auch „eins, zwei, drei“ funktionierte schon beim ersten Mal, wenngleich nicht ganz so perfekt.

Audiobeispiel „one, two, three“

„Andere Phrasen und Wörter fielen dem Schwertwal wiederum nicht so leicht“, erklärte der Tierforscher und einer der Studienautoren, Josep Call vom Max-Planck-Institut in Leipzig. Für ein halbwegs verständliches „Bye-bye“ brauchte Wikie zwölf Anläufe. Ein vogelähnliches Zwitschern konnte der Orca erst nach 34 Versuchen vom Tonband nachmachen. „Wir wissen nicht, warum ihr ein Laut leichter fiel als ein anderer. Das ,Birdy‘- Geräusch ist sogar unter Orcas nicht untypisch. Anders als ,Hello‘.“

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmete sich am 31.1. das Ö1-„Morgenjournal“ - Audio dazu in oe1.ORF.at.

Die Studie

„Imitation of novel conspecific and human speech sounds in the killer whale“, Royal Society B, 31.1.2018

Wenn Orcas Menschen nachahmen

Auch wenn noch nicht alle Geräusche, Wörter und Phrasen perfekt sitzen, so zeigt die Studie erstmals, dass Schwertwale sogar menschliche Sprache nachahmen können. Demnach können die Tiere selbst völlig fremde Laute lernen, wie die Forscher zum Teil überrascht feststellten. „Wir haben Wikie mit einem Zeichen mitgeteilt, dass sie tun soll, was wir tun. Es ist wirklich beeindruckend, wie sie die teilweise komplett ungewöhnlichen Laute so deutlich nachmachen konnte“, so Call.

Orca im offenen Meer bei Sonnenuntergang
AP Photo/Susie Hall
Orca im offenen Meer

Dass das Lautrepertoire der Schwertwale umfangreich ist, war bereits bekannt. Immerhin pflege kein anderes Meeressäugetier so viele unterschiedliche Dialekte, heißt es in der Studie. Orcas kombinieren dabei in ihren Herden herkömmliche Orcalaute mit völlig neuen und grenzen sich so voneinander ab.

Sie können sich aber auch einen anderen Dialekt aneignen, wie das Beispiel einer isländischen Schwertwalkuh zeigt. Sie wurde einige Jahre mit einem Orcaweibchen aus den Gebieten um Kanada und Alaska gehalten und eignete sich manche ihrer Laute an. Andere Forscher beobachteten wiederum, wie zwei junge Schwertwale neue Laute von einem zwar nicht verwandten, allerdings sozial nahestehenden Männchen lernten und andere Orcas wiederum Pfiffe von Delfinen nachmachten.

Beweis für soziales Lernen

Die Annahme, dass sich Schwertwale die spezifischen Laute über soziales Lernen aneignen - also durch Imitieren -, liegt angesichts dieser und vieler anderer Beispiele nah. Nun scheint den Forschern mit der aktuellen Studie auch der Beweis dafür gelungen zu sein. „Bisher hatte noch niemand demonstriert, dass Orcas ‚Stimmen‘ nachahmen und dadurch Neues lernen können“, so der Kognitionsforscher.

Orca-Weibchen im Sprung
AP Photo/Elaine Thompson
Orcaweibchen im Sprung

Wirklich Englisch sprechen oder verstehen können die Meeressäuger natürlich nicht. Was jedoch das soziale Lernen von Sprache betrifft, sind die Tiere den Menschen damit weit ähnlicher als gedacht. Dabei sind Orcas aber nicht die einzigen Wale, die Sprache nachahmen können. Auch beim Langnasendelfin und beim Belugawal konnte man dieses Verhalten schon feststellen. Abgesehen davon konnte man dieses Verhalten bis jetzt nur bei Vögeln wie beispielsweise Papageien beobachten.

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

Mehr zu diesem Thema: