Spechte erleiden doch Hirnschäden

Rein äußerlich scheint Spechten ihr heftiges Klopfen nichts anzuhaben. Daraus schloss man bisher, dass das Gehirn der Tiere keinen Schaden daran nimmt. Eine neue Studie widerspricht: Es finden sich doch Spuren der Erschütterung.

Die Ausdauer und Kraft von Spechten ist beeindruckend: Im Staccato klopfen sie mit ihren spitzen Schnäbel auf Baumstämme, um Insekten oder Larven aus der Rinde zu picken, mehr als 10.000 Mal pro Tag, mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 25 Kilometer pro Stunde. Jeder Klopfer dauert nur 50 Millisekunden. Der Kopf wird dabei mit dem 1.200-fachen der Erdbeschleunigung abgebremst. Menschen erleiden schon bei einem Bruchteil davon Hirnerschütterungen.

Die Studie

„Tau accumulations in the brains of woodpeckers“, PLOS ONE, 2.2.2018

Spechte hingegen scheinen von der Wucht völlig unbeeindruckt und weder Verletzungen noch Erschütterungen davonzutragen. Die Robustheit der kleinen Schädel fasziniert Forscher und Sicherheitsexperten schon lang. Der spezielle Aufbau der Vogelköpfe diente daher bereits als Vorbild für Sturzhelme. Zudem haben Spechte sehr wenig Gehirnflüssigkeit, weshalb das Gehirn nicht so viel herumgeschleudert wird. Und der Schädel ist mit starken Muskeln gepolstert. „Aber erstaunlicherweise hat noch niemand in das Innere des Gehirns geschaut“, sagt Peter Cummings von der Boston University School of Medicine in einer Aussendung.

Spuren von Verletzungen

Genau das haben er und sein Team jetzt nachgeholt, an Vogelhirnen aus der Sammlung des Chicagoer Field Museums. Die Forscher haben das Hirngewebe von toten Dunenspechte in dünne Scheiben geschnitten und nach Anhäufungen eines bestimmten Proteins gesucht, des Tau-Proteins.

Konservierte Vogelkörper im Field Museum
The Field Museum
Konservierte Vogelkörper im Field Museum

Es kommt auch im gesunden Gehirn vor, aber zu viel sollte es nicht sein, denn in diesem Fall kann es die Kommunikation zwischen den Nervenzellen behindern. Beim Menschen ist das Zuviel ein Zeichen für neurodegenerative Erkrankungen, wie z.B. Alzheimer. Nach Verletzungen kommt es ebenfalls zu lokalen Anhäufungen des Proteins, wie Untersuchungen von Fußball- und Rugby-Spielern zeigen. Es könnte also auch in den Vogelhirnen ein Hinweis für mögliche Verletzungen sein, so die Annahme der Forscher.

Mögliche Schutzfunktion?

Zum Vergleich haben sie außerdem Gehirne von Rotschulterstärlingen - ebenfalls aus dem Museum - untersucht. Tatsächlich fanden sich in den Spechtgehirnen viel mehr und größere Anhäufungen des Proteins als bei den anderen Vögeln.

„Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass die Tiere tatsächlich Hirnverletzungen erlitten haben, aber in den Gehirnen finden sich große Mengen an zusätzlichem Tau-Protein - was oft ein Hinweis auf Schäden ist“, erklärt Hauptautor George Farah von der Boston University School of Medicine. Allerdings wäre es eigenartig, dass Spechte immer noch auf dieselbe Weise klopfen, wenn dies zu ernsthaften Schäden führt. Möglicherweise, so Farah, sind die Anhäufungen des Proteins - anders als im Menschenhirn - gar nicht pathologisch, sondern ein Schutz.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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