Eisbären werden immer hungriger

Eisbären verbrauchen mehr Energie als bisher angenommen. Ursache dafür ist laut neuer Studie die Klimaerwärmung, die ihre Jagd immer anstrengender macht. Viele Bären schaffen es so nicht mehr, sich die notwendigen Fettreserven für den Winter anzufressen.

Schätzungen zufolge gibt es derzeit noch etwa 25.000 Eisbären weltweit. Doch die Prognosen sehen nicht gut aus: Forscher erwarten, dass die Populationen in den nächsten 40 Jahren um zwei Drittel zurückgehen werden, was den Eisbären einen Dauerplatz auf der Roten Liste der international bedrohten Tierarten einbringt.

Vor allem der Klimawandel setzt den Tieren zu. Laut einer aktuellen Studie bringt er eine Art Teufelsspirale in Gang, die Eisbären immer hungriger macht, die Nahrungsbeschaffung aber nicht leichter.

Eisbär liegt am Eis
Anthony Pagano, USGS

Eigentlich müssen Eisbären im Frühling und Frühsommer ordentlich Fett zulegen. Zu dieser Jahreszeit sind vor allem junge Ringelrobben, die auf dem geschlossenen Eis heranwachsen, noch leichte Beute. Später im Sommer, wenn das Eis aufbricht, ist die Chance auf Robbenfleisch gering.

Wie US-Forscher aber nun am Beispiel der Beaufortsee im Norden Alaskas zeigen, schaffen es viele Eisbären nicht, sich im Frühling die notwendige Fettschicht für die Fastenzeit anzufressen. Im Gegenteil verlieren die Tiere sogar auch im Frühling an Masse.

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Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag im „Morgenjournal“ am 2.2. um 8 Uhr.

Neun Weibchen mit Kameras und GPS

Für die Studie wurden neun Eisbärenweibchen mit Sensoren, Kameras und GPS-Geräten ausgestattet und drei Jahre lang jeweils zehn Tage beobachtet. Dabei zeigte sich: Nach den zehn Tagen hatten die Tiere etwa achtzehn bis zwanzig Kilogramm verloren, erklärt der Studienleiter Anthony Pagano von der Universität Kalifornien in Santa Cruz. „Das entsprach rund zehn Prozent ihres Körpergewichts, was innerhalb der kurzen Zeit enorm viel ist.“

Video aus der Sicht einer Eisbärin

Der Grund dafür ist der steigende Energiebedarf. Den Blut- und Urinproben zufolge benötigen Eisbären etwa eineinhalb Mal so viel Energie, wie bisher gedacht. Die Ursache ist laut der im Fachjournal „Science“ veröffentlichten Studie die Klimaerwärmung. Denn durch das früher und stärker schmelzende Eis müssen die Bären weiter wandern und schwimmen, bis sie feste Eisschollen erreichen, auf denen sie die Robben jagen können. Das regt den Stoffwechsel an, so Studienleiter Pagano.

Faule Jäger

Bisher gingen Forscher in ihren Berechnungen davon aus, dass Eisbären vor allem dank ihrer „faulen“ Jagdmethode weniger Energie verbrauchen als andere fleischfressenden Säugetiere an Land. Immerhin warten die Bären in 90 Prozent der Fälle einfach bei einem Luftloch, bis eine Robbe aus dem Eis auftaucht. Generell nimmt Ruhen und Lauern zwei Drittel des Tages ein.

„Es hat sich aber gezeigt, dass Eisbären trotz ihrer effizienten Jagdtaktik im Vergleich nicht weniger Energie verbrauchen. Ein zweiter Irrtum war, dass die Tiere ihren Energiebedarf während des Fastens stark herunterfahren können, auch das scheint nicht der Fall zu sein“, erklärt der Biologe von der Universität Kalifornien in Santa Cruz.

Den Forschern zufolge könnte der steigende Kalorienumsatz ein Grund dafür sein, weshalb in manchen Teilen der Polarwelt die Eisbärenpopulation zurückgeht. In der Beaufortsee waren es laut der United States Geological Survey sogar 40 Prozent weniger Bären als vor zehn Jahren.

Eisbär auf Eisscholle und Meer
Brian Battaile, USGS

Zweite Studie zeigt erhöhten Energiebedarf

Dass der Energieverbrauch von Eisbären weiterhin steigen könnte, zeigen Forscher der Brigham Young Universität beinahe zeitgleich im Fachjournal „Polar Biology“.

Sie gehen davon aus, dass Eisbären aufgrund der Klimaerwärmung in Zukunft mehr schwimmen müssen, um ihre Jagdgebiete zu erreichen. Laut ihren Berechnungen würde das bedeuten, dass die Tiere noch mehr Energie verbrauchen. Denn Schwimmen ist für Eisbären fünfmal so anstrengend wie Gehen, erklärt der Biologe Blaine Griffen.

Auch er verweist in seiner Studie auf die bedrohten Populationen in der Beaufortsee sowie in der Hudson Bay. Hier beobachten Forscher, dass die Tiere nicht mehr entsprechend wachsen und die Anzahl der Jungen sinkt.

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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