Wie Schneehasen dem Schneemangel entkommen

Tieren, die wie Schneehasen im Winter weiß werden, nützt die Tarnung nichts, wenn kein Schnee liegt. Manche Fellwechsler bleiben durchgehend braun - laut Forschern eine Überlebensstrategie in Zeiten der Klimaerwärmung.

Immer weniger Schnee, kürzere Winter und milde Temperaturen - auch auf der Nordhalbkugel sind die Folgen des Klimawandels mittlerweile nicht mehr zu übersehen. Ganze Lebensräume verändern sich, zu spüren bekommen das auch die tierischen Bewohner, z.B. solche, deren Fell oder Federkleid im Winter weiß wird, um sich vor Räubern zu schützen. Wenn kein Schnee mehr liegt, sind sie weithin sichtbar und leichte Beute.

Schon heute kann man beobachten, wie manche Fellwechsler an Raum verlieren, erklärt Klaus Hackländer von der Universität für Bodenkultur gegenüber science.ORF.at, z.B. die Schneehasen in Skandinavien, die immer weiter in den Norden gedrängt werden. „Aber auch bei uns - in den Alpen - gibt es schon ähnliche Effekte, der Alpenschneehase wird in tieferen Lagen immer seltener“, erklärt der Wildtierbiologe.

Doppelt gefährdet

Der Klimawandel bzw. Schneemangel setzt den winterweißen Hasen doppelt zu, sie sind für Beutegreifer leichter zu sehen und sie bekommen Konkurrenz von ihrem Verwandten, dem Feldhasen. Der dringt in immer höhere Gebiete vor, macht dem Schneehasen die Nahrung streitig und paart sich mit ihm. Durch die Vermischung könnte er langfristig ganz verschwinden.

Weißer und brauner Schneehase
L.S. Mills research photos by Jaco and Lindsey Barnard
Brauner und weißer Hase im Schnee

Laut Hackländer ist der Klimawandel einfach zu schnell, die Tiere können sich nicht schnell genug an die veränderten Umweltbedingungen anpassen - wie sie das könnten, wenn sie genug Zeit hätten. So haben etwa Schneehasen in den Zentralalpen heute deutlich längere Weißphasen als ihre Artgenossen in den südlichen Alpen - für diese Anpassung hatten sie aber Tausende Jahre Zeit.

Bessere Überlebenschancen

21 Arten, die ihre Fell- oder Federfarbe der Jahreszeit anpassen, standen im Mittelpunkt der Studie, die Hackländer und ein internationales Team nun in „Science“ veröffentlicht haben. Vier Arten davon gibt es auch in Österreich: den bereits erwähnten Schneehasen, das Schneehuhn sowie zwei Marderartige, das Hermelin und das Mauswiesel. Bei einigen Arten wechseln in manchen Regionen nicht alle Individuen im Winter die Farbe, manche werden weiß, andere bleiben braun - man nennt das „polymorph“.

Bei den weltweit untersuchten Arten betrifft dies vier Schneehasen, drei Schneewiesel und Polarfüchse. In Österreich findet man zweifärbige Winterpopulationen nur beim Mauswiesel, z.B. in den Kärntner Nockbergen. Diese Arten leben meist in Gegenden, wo man den Verlauf des Winters schwer vorhersehen kann. „In einem harten Winter mit viel Schnee überleben mehr weiße Tiere, im milden Winter die braunen“, so Hackländer.

Langfristig profitiere die ganze Art davon. „Diese Populationen haben größere Chancen den Klimawandel zu überleben und nicht auszusterben.“ Regionen, in denen polymorphe Populationen leben, bezeichnen die Autoren in der Studie daher als „Hotspots der evolutionären Rettung“.

Schlüsselrolle im Ökosystem

Das Wissen um den Polymorphismus sei zwar keine Allheilmittel im Artenschutz, aber man sollte mehr Augenmerk darauf richten, wünscht sich Hackländer, etwa wenn es um Schutzzonen oder um Jagdverbote geht. Heute liege die ganze Aufmerksamkeit auf Gebieten mit hoher Biodiversität und vielen bedrohten Arten.

Brauner und weißer Schneeschuhase auf brauner Erde
L.S. Mills research photo, taken by Jaco and Lindsey Barnard
Brauner und weißer Schneeschuhase auf brauner Erde

Die nun untersuchten Tiere leben allesamt in eher artenarmen Gegenden. Heute sind sie noch nicht wirklich bedroht, aber sie werden durch die Klimaerwärmung sehr rasch weniger und teilweise nehmen sie ökologische Schlüsselrollen ein.

D.h., wenn sie verschwinden, können ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Das gilt z.B. für den Schneeschuhhasen in den Rocky Mountains, der auch das Überleben des Luchs ermöglicht, oder für die Lemminge in Grönland, erklärt Hackländer: „Wenn die wegfallen, gibt es dort auch keine Schneeeulen mehr, keinen Hermelin, keinen Polarfuchs.“ Man sollte beim Artenschutz nicht nur an die charismatischen Arten denken, sondern auch an so unscheinbare wie das Mauswiesel.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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