„Antisemitismus beenden ist Illusion“

Die Juden kämpfen heute an drei Fronten: gegen den alten Antisemitismus von rechts, den linken Antizionismus und den politischen Islam. Dafür brauchen sie Verbündete, sagt der Philosoph Bernard-Henri Levy - der nicht an ein Ende der Judenfeindlichkeit glaubt.

Der Franzose Levy gehört zu den schillerndsten Intellektuellen der Gegenwart. Mit seinem Markenzeichen, dem weit geöffneten weißen Hemd unter dem schwarzen Anzug, sorgt er für ein extravagantes Auftreten. Der heute 69-jährige - und viel jünger wirkende - Mitbegründer der „nouvelle philosophie“ hat sich stets für die Unterdrückten dieser Erde eingesetzt - von Sarajevo über Libyen bis aktuell für die von der Türkei angegriffenen Kurden in Syrien. Politisch angeeckt hat er dabei links wie rechts.

Sonntagabend hat Levy eine u.a. von der Universität Wien veranstaltete, internationale Konferenz gegen Antisemitismus im Wiener Rathaus eröffnet. Den aktuellen Versuch der FPÖ, sich der dunklen Seite ihrer Geschichte zu stellen, findet er gut.

science.ORF.at: Sie haben vor drei Jahren bei einer UNO-Konferenz Antisemitismus als „die Mutter allen Hasses“ bezeichnet. Wie schätzen Sie die Situation für Juden heute ein?

Porträtfoto von Bernard Henri Levy
Lukas Wieselberg, ORF

Bernard-Henri Levy vor der Konferenz in Wien

Bernard-Henri Levy: Leider nicht viel besser. Glücklicherweise stellen sich die Demokraten im Westen dieser Frage im Moment auf anständige Weise. Die republikanischen Eliten, die Staaten, die Institutionen bekämpfen ihn. Wie dieser Kampf ausgehen wird, weiß ich nicht. Die Feinde des Hasses können gewinnen oder verlieren. Die Hasser ebenso.

Die Zahl antisemitischer Fälle steigt fast überall an …

Levy: Ja, aber auch der Widerstand dagegen.

Die Konferenz in Wien heißt „An End to Antisemitism!“. Welche Maßnahmen könnte man ergreifen, um der Hoffnung dieser Konferenz näherzukommen?

Levy: Ganz ehrlich: Ich bin sehr stolz, Teil dieser Konferenz zu sein, und noch stolzer, sie zu eröffnen. Aber ich bin nicht sicher, ob man sie so hätte nennen sollen. Denn ich glaube nicht an ein Ende des Antisemitismus. Ich denke nicht einmal, dass das das Ziel sein sollte. Ziel sollte es vielmehr sein, stark gegen den Antisemitismus aufzutreten, Widerstand zu leisten und die Antidote gegen ihn zu verstärken. Ihn zu beenden ist eine Illusion, die sehr kontraproduktiv sein kann. Man wird das Böse nicht los. Man kann es eindämmen, es beschämen, aber man kann es niemals beenden. Das ist seit einer Ewigkeit ein Gesetz der Geschichte.

Was sind die besten Wege des Widerstands?

Levy: Die Zivilgesellschaft muss verstehen, dass in dieser Sache nicht nur das Wohlergehen der Juden auf dem Spiel steht, sondern auch sie selbst. Wenn man die Juden schlägt, tötet man die Humanität. Die Juden selbst müssen stark sein: Als sie schwach waren und nicht gewusst haben, wer sie selbst sind, wurden sie noch stärker verfolgt und zum Teil vernichtet. Und die Juden müssen Verbündete haben, Einsamkeit war oft ihr Schicksal, und das war eine Katastrophe.

Levy im September 2011 in Tripolis, kurz nachdem die Anhänger von Muammar al-Gaddafi die lybische Hauptstadt verloren hatten
AFP Photo / Pool / Eric Feferberg
Levy im September 2011 in Tripolis, kurz nachdem die Anhänger von Muammar al-Gaddafi die libysche Hauptstadt verloren hatten

Wer sind heute die schlimmsten Feinde der Juden? Sind es die alten antisemitischen Parteien und ihre Nachfolger von rechts, die Islamisten oder die linken Antizionisten?

Levy: Alle drei. Die altmodischen Rechtsradikalen, sofern es sie noch gibt, sind Feinde der Juden. Die Neue Linke ist sicher ein heftiger und noch dreisterer Gegner. Und der radikale Islamismus hält Juden für sein Hauptziel. Heute müssen Juden also an drei Fronten kämpfen. Die kritischste Front ist der radikale Islamismus und die Neue Linke. Denn sie verwendet Argumente, die noch nicht komplett diskreditiert sind.

Sendungshinweise

Über das Thema berichteten auch die Ö1-Journale, 19.2., 12:00 Uhr. Die Eröffnung der Antisemitismus-Konferenz im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ samt Festrede von Levy ist am 5. März, 23:15 Uhr, in ORF III zu sehen.

Die antisemitischen Argumente der Rechten, aus rassistischer und alter christlicher Tradition stammend - etwa wonach die Juden Christus umgebracht hätten - gibt es zwar noch immer. Aber es hat sich auf der Welt herumgesprochen, dass diese Argumente zum Schlimmsten führen können. Dieser Mechanismus ist weithin bekannt. Der Mechanismus hingegen, mit dem die linke Bewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“ (die u.a. zum Boykott von Waren aus Israel aufruft, Anm.) oder der Antizionismus zum Schlimmsten führen kann, ist noch nicht so gut bekannt und deshalb vermutlich gefährlicher.

Sie haben oft gesagt, dass die gefährlichste ideologische Auseinandersetzung der Gegenwart innerhalb des Islams geführt wird: zwischen den einen, die nach Aufklärung und Demokratie streben, und den anderen, die das bekämpfen. Gibt es aktuell Fortschritte in Richtung einer offenen Gesellschaft in den islamischen Ländern?

Levy: Vermutlich nicht. Aus zwei Gründen. Erstens weil der antidemokratische Trend auf der ganzen Welt lauter ist. Extremisten verschaffen sich überall mehr Gehör als die Moderaten. Zweitens gibt es eine große Menge an Unentschlossenen in der islamischen Welt, die sich fragen: Sollen wir uns etwa an den Kurden ein Beispiel nehmen und prowestlich sein? Und wie wird der Westen am Ende des Tages reagieren? Wird er uns zurückweisen und akzeptieren, dass wir getötet werden, so wie die Kurden derzeit durch die Türken in Afrin? Warum also sollten wir das tun? Sie irren sich, natürlich sollten sie die demokratischen Werte des Westens annehmen, so wie das die Kurden machen. Oder wie die Bosniaken in Sarajevo vor 20 Jahren, die ihren Kampf für die westlichen Werte weitergeführt haben, obwohl sie vom Westen verlassen wurden.

Levy besuchte 2002 als Spezialgesandter der französischen Regierung in Afghanistan das Grab von Ahmad Schah Massoud, dem Anführer des afghanischen Widerstands gegen die Taliban
AFP / Jewel Samad
Levy besuchte 2002 als Spezialgesandter der französischen Regierung in Afghanistan das Grab von Ahmad Schah Massoud, dem Anführer des afghanischen Widerstands gegen die Taliban

Welche Rolle spielen bei der „Lautstärke der Extremisten“ das Internet und die Sozialen Netzwerke?

Levy: Eine ganz zentrale. In der alten Welt vor 20 Jahren galten bestimmte Meinungen als Verbrechen, die von Zeitungen und TV-Sendern nicht veröffentlicht worden sind. Im Internet von heute, dieser großen lauten Wüste voll Lärm, finden diese Meinungen ein riesiges Feld an Ausdrucksmöglichkeit. Das ist ein gewaltiger Rückschritt. Früher gab es eine Kultur der Selbstbeschränkung des Schlimmsten. Es gab einen Sinn für das, was man verhindern muss, damit Gesellschaften nicht kaputtgehen, entstanden durch Jahrzehnte und Jahrhunderte von dunklen Experimenten. Das ist alles komplett durch die Sozialen Medien explodiert.

Sollte man das durch Gesetze regulieren?

Levy: Ja, denn das ist ein Notfall. Wir müssen „Fake News“ und den Aufruf zu Verbrechen bekämpfen. Und wenn die IT-Unternehmen - die meisten von ihnen sind amerikanische, die sich vom ersten Zusatzartikel der US-Verfassung zur Redefreiheit leiten lassen - das nicht tun, muss Europa eigene Schritte unternehmen.

In Österreich versucht die FPÖ gerade, mit Hilfe einer Historikerkommission antisemitische Teile ihrer Geschichte aufzuarbeiten. Was halten Sie generell von diesem Versuch rechter Parteien, plötzlich „Freunde der Juden“ zu werden?

Levy: Sich mit der eigenen Erinnerung zu beschäftigen, mit den Verbrechen, die durch die eigene ideologische Tradition entstanden sind, ist immer gut. Der Mangel an Erinnerung ist eine Schule des Schlimmsten. Wenn es also ein ehrlicher Versuch ist, sich diesem dunklen Teil der Erinnerung zu stellen, dann ist das gut. Denn Erinnerungsarbeit ist schwierig. Sie bedeutet nicht, zu sagen: Dieses und jenes ist geschehen. Sondern das Geschehene in Verbindung zu bringen mit dem, was noch immer in unserem Denken und Reden lebendig ist. Jede Partei, die sich dieser Aufgabe stellt, tut recht, das zu tun. Und wir müssen darüber glücklich sein, dass sie das tut. Aber ob sie das auch wirklich ganz zu Ende bringt, muss man abwarten.

Ist das ein glaubwürdiger Versuch oder eher ein strategischer, um neue Verbündete zu gewinnen in der Auseinandersetzung mit dem politischen Islam?

Levy: Das Thema ist zu ernst, als dass ich voreingenommen antworten möchte. Ich habe meine Zweifel und Erwartungen, aber möchte jetzt nur sagen: Warten wir ab.

Levy 1980 neben dem Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali bei einer Pressekonferenz
AFP
Levy 1980 neben dem Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali bei einer Pressekonferenz

Der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki hat am Wochenende in einem Atemzug von jüdischen, polnischen und deutschen Tätern des Holocaust gesprochen. Es gibt eine Kluft der Erinnerung in Europa zwischen West und Ost. Glauben Sie, dass diese Kluft weiter anwächst oder durch die EU geschlossen werden kann - wenn man etwa an den Antisemitismus in Polen oder Ungarn denkt?

Levy: Es gibt heute sogenannte Kriege der Erinnerung, die Kriege des Vergessens sind. In Polen heute ist es eindeutig, dass die angebliche Erinnerungsarbeit die Erinnerung immer konfuser macht, Opfer und Täter vermischt, die Verantwortungen auflöst und den Pfad für künftige Verbrechen ebnet. Das geschieht jetzt in Polen, und ich hoffe, dass das nicht auch in Österreich geschieht. Sich an die Geschichte zu erinnern, um sie auf den Kopf zu stellen, zu lügen, die Toten zu belästigen und jene zu schwächen, die um diese Toten trauern, das ist schmutzige Erinnerungsarbeit.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at, gemeinsam mit Georg Leyrer, Kurier

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