Auch Glockenbecher aus dem Osten

Vor rund 4.500 Jahren war in großen Teilen Europas die Glockenbecherkultur verbreitet – benannt nach typischen, glockenförmigen Töpfen. Die bisher größte Studie zu der Kultur zeigt nun: Sie hat ihren Ursprung im Osten Europas – so wie andere Kulturen auch.

Ihre genaue Herkunft ist umstritten. „Sie könnte aber im Karpatenbecken im heutigen Ungarn liegen“, sagt der Archäologe und Anthropologe Ron Pinhasi von der Universität Wien gegenüber science.ORF.at. Pinhasi ist einer von über 140 Forschern und Forscherinnen aus Europa und den USA, die an der aktuellen Studie mitgearbeitet haben.

Das Forscherkollektiv hat dafür das Erbgut von 400 urgeschichtlichen Skeletten aus Fundstätten in ganz Europa analysiert – von Portugal im Westen über Großbritannien im Norden und Sizilien im Süden bis Polen und Ungarn im Osten.

Charakteristische Tongefäße

Die Glockenbecherkultur ist vor rund 4.600 Jahren, am Ende der Jungsteinzeit in Europa aufgekommen. Ihren Namen hat sie von charakteristisch geformten Tongefäßen, bekannt ist sie aber auch für spezielle Kupferdolche, Pfeilspitzen, V-förmig durchbohrte Knöpfe sowie bestimmte Bestattungsriten.

4.500 Jahre alter Topf der Glockenbecherkultur aus Newmill/Schottland
Alison Sheridan
4.500 Jahre alter Topf der Glockenbecherkultur aus Newmill/Schottland

Archäologen haben bisher angenommen, dass sich die Kultur von der iberischen Halbinsel aus ostwärts nach Mitteleuropa ausgebreitet hat. Das wäre die einzige große Kulturbewegung von West nach Ost: Denn auf die erstbesiedelnden Jäger und Sammler folgten später hinzugekommene Bauernvölker aus dem Nahen Osten und Steppenbewohner aus dem Osten. Die neue Studie legt nun nahe, dass das auch auf die Glockenbecherkultur zutrifft.

Ganz sicher ist das aber nicht, das müssten weitere, noch umfangreichere Genanalysen zeigen, betont der Anthropologe Kurt W. Alt von der Danube Private University in Krems gegenüber science.ORF.at. Relativ klar sei mit der neuen Studie hingegen die Frage, wie sich die Kultur in Europa ausgedehnt, sobald sie einmal aufgetreten ist.

Menschen und Gefäße wandern nicht immer gemeinsam

Zwischen Mitteleuropa und Spanien/Portugal hat es demnach kaum Migrationsbewegungen gegeben: D.h. die Glockenbechertöpfe sind hier nicht mit Menschen mitgewandert, sondern die Kulturtechnik hat sich fortgepflanzt – als Idee zwischen Bevölkerungen.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 22.2., 13:55 Uhr.

„Die Glockenbecher-Population auf der iberischen Halbinsel unterscheidet sich genetisch stark von jener in Mitteleuropa“, sagt der Genetiker und Studien-Mitautor David Reich von der Harvard Medical School in Boston (USA). Die Studie sei „das erste gute Beispiel, das zeigt, dass Gefäße nicht immer mit Menschen mitwandern“ – im Gegensatz etwa zu noch älteren Kulturen wie die Linearbandkeramik.

Grabstätte der Glockenbecherkultur
Elenski/Leshtakov
Grabstätte der Glockenbecherkultur

Doch auch bei der Glockenbecherkultur gibt es laut Forschern eine Ausnahme: Großbritannien. Im Gegensatz zu Mitteleuropa ist sie dorthin – ausgehend von den Niederlanden – durch Migration gekommen. Die Genvergleiche zeigen, dass „bis zu 90 Prozent der ursprünglich ansässigen britischen Bevölkerung durch Glockenbecherkultur-Migranten ersetzt worden sind“, so Kurt W. Alt. Anzeichen gewaltvoller Verdrängung gebe es nicht, möglicherweise ist der Prozess über die Jahrhunderte friedlich abgelaufen.

Politische Schlussbemerkung

Dass Vorstellungen von „Umvolkung“ oder Begriffe wie „Bevölkerungsaustausch“ von Nazis und ihren Nachfolgern verwendet wurden und werden, hält der Genetiker David Reich für bedenkenswert. „Die Annahmen großer Migrationsbewegungen in der Urgeschichte sind üblicherweise falsch, die meisten Veränderungen haben sich graduell ergeben.“

Im aktuellen Fall von Großbritannien seien die genetischen Daten aber eindeutig. Mit den immer besser und kostengünstiger werdenden Methoden der Populationsgenetik lässt sich die Urgeschichte immer genauer beschreiben – und damit auch Stereotype hinterfragen, egal aus welcher Richtung.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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