Pickerln und Gegen-Pickerln

Schon lange vor Hitler war Antisemitismus weit verbreitet. Eine wichtige Rolle dabei spielten Aufkleber im öffentlichen Raum. Die Ausstellung „Angezettelt“ in Wien zeigt Beispiele, die bis ins Jahr 1880 zurückgehen – aber auch historische Gegen-Pickerln.

Liebesbriefe ums Jahr 1900, auf deren Rücken Sprüche kleben wie „Die Juden sind unser Unglück“. Eine Banderole, von einem fränkischen Fleischhauer 1933 um eine Wurst gewickelt, die versichert, dass die Wurst nichts mit Juden zu tun hat. Und eine Siegelmarke von 1896, auf der weiß auf blau steht „Kauft nicht bei Juden!“.

Ausstellung

„Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“: bis 23. April im Gassenlokal-Studio Steinbrener/Dempf & Huber, Glockengasse 6/1, 1020 Wien

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 27.2., 13:55 Uhr.

Das sind nur drei Beispiele für antisemitische Propaganda, die seit dem 19. Jahrhundert millionenfach über Aufkleber verbreitet wurde. Die Kleber stammen aus der Sammlung von Wolfgang Haney. Der deutsche Sammler, selbst Sohn einer jüdischen Mutter, hatte sich erst auf Münzen spezialisiert, ehe er Anfang der 1990er Jahre auch Antisemitika zu sammeln begann. 10.000e Objekte kamen so zusammen, nicht nur Klebezettel, sondern auch tausende Spott-Postkarten, Plakate, Flugblätter und bizarre Gegenstände wie mit judenfeindlichen Aufdrucken „verzierte“ Maßkrüge, Spazierstöcke und Porzellan.

Banderole einer antisemitischen Wurst
Lukas Wieselberg, ORF
Banderole der antisemitischen Wurst

Wirkmächtigkeit brechen

Ein kleiner, aber wichtiger Teil davon – antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute – ist nun im Rahmen der Ausstellung „Angezettelt“ in Wien-Leopoldstadt zu sehen. „Die Klebezettel zeigen, wie stark Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft verankert war“, sagt die Historikerin und Ausstellungskuratorin Isabel Enzenbach vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Ein Beispiel: Alleine im Jahr 1920 wurden fast sieben Millionen judenfeindliche Briefverschlussmarken eines einzigen Herstellers abgeschickt.

Klebezettel haben laut Enzenbach den Vorteil, gut ausstellbar zu sein. Anders als etwa Plakate seien sie klein genug, dass man ihre Wirkmächtigkeit aufbrechen kann. „Man hat in einer Ausstellung immer das Problem, dass das Gezeigte anders gelesen werden kann als von den Machern beabsichtigt“, sagt die Historikerin. Das gilt speziell für Wien-Leopoldstadt, ein Bezirk mit relativ vielen jüdischen Bewohnern. Im Gegensatz zu früheren Ausstellungen hängen die antisemitischen Hetzbotschaften hier nämlich nicht in einem Museum, sondern als Wandzeitung im öffentlichen Raum.

Anti-Antisemtischer Aufkleber auf dem steht „Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummköpfe“
ORF, Lukas Wieselberg
Ein Gegen-Pickerl

Damit Slogans wie „Kauft nicht bei Juden!“ nicht falsch verstanden werden, sind sie in der Ausstellung auf Karteikarten mit Kommentaren versehen. Die Karteikarten bilden die Wandzeitung in den Schaufenstern eines Gassenlokals. Auf den Schaufenstern selbst sind im Vordergrund Gegen-Klebezettel affichiert, die die Hetzbotschaften brechen.

Sie haben historische Botschaften wie „Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummköpfe“ oder „War je irgendwo und irgendwann ein großer Geist Antisemit?“. In der Gegenwart – die Ausstellungsmacher stellen Antisemitismus und Kritik an Flüchtlingspolitik nebeneinander – verwenden die Gegen-Kleber auch viel Ironie, wie im Slogan einer deutschen Satirepartei: „Das Brot ist voll – Salamisierung des Abendbrots stoppen“.

Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Memes

Die Klebezettel spielten historisch eine ähnliche Rolle wie heute „Memes“ im Internet. Sie transportieren ihre Botschaften in die Öffentlichkeit und versuchen eine möglichst große Anzahl an Menschen zu erreichen. Die Fähigkeit ihrer Macher, schnell auf Ereignisse zu reagieren und sich auch aus dem Repertoire des politischen Gegners zu reagieren, habe es damals wie heute gegeben, sagt Enzenbach.

Veranstaltungshinweis

Am 14.3. hält Isabel Enzenbach den Vortrag: „Angezettelt. Gesammeltes Grauen. Antisemitika als Objekte von Sammelleidenschaft“. Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuni Linz, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien. Zeit: 18.15 Uhr

Ein aktuelles Beispiel: „die Anti-AKW-Sonne zu verwenden und damit gegen Flüchtlinge zu hetzen.“ Die Historikerin betont aber auch einen Unterschied zwischen analogem und digitalem Medium: „Klebezettel brauchen viele Menschen, die sie aufkleben. Ein einzelner Klebezettel würde untergehen, man braucht den Wiedererkennungseffekt. Im Internet hingegen können auch Botschaften viral werden, hinter denen keine große Bewegung steht.“

Der im Vorjahr verstorbene Sammler Wolfgang Haney hat eine riesige Sammlung hinterlassen, die nun in ein großes deutsches Museum überführt werden soll, sagt die Historikerin Isabel Enzenbach. Rund die Hälfte davon ist noch nicht erfasst, speziell Fragen der Provenienz und möglicher Rückgabe von Objekten stehen nun im Mittelpunkt der Überlegungen für die Zukunft.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: