Diabetes: Fünf Typen statt zwei

Wenn man von Diabetes spricht, unterscheidet man üblicherweise zwei Typen: die angeborene Form, und jene, die sich z.B. durch schlechte Ernährung entwickelt. Laut einer neuen Studie aus Skandinavien könnte es aber in Wahrheit fünf Typen der Zuckerkrankheit geben.

Bei Diabetes Typ-I sowie Typ-II kann der Köper seinen Blutzuckerhaushalt nicht regulieren und die Zellen nicht mit dem notwendigen Zucker versorgen. Während es sich im Fall von Typ-I um eine Autoimmunerkrankung handelt, wird Typ-II-Diabetes oftmals mit Übergewicht in Verbindung gebracht. Diese Unterscheidung sei aber zu kurz gegriffen, wie skandinavische Forscher in einer aktuellen Studie zeigen. Ihnen zufolge lassen sich fünf verschiedene Arten von Diabetes-Erkrankungen unterscheiden.

„Betroffene individueller behandeln“

Dadurch sollen Betroffene von Beginn an gezielter und individueller behandelt werden können, als das im Moment der Fall ist, erklärt der Studienleiter Leif Groop von der Lund Universität. „Das ist letztlich der wesentliche Unterschied bei der genaueren Unterteilung. Jetzt hinken wir immer hinterher und können die Behandlung erst dann anpassen, wenn eine bestimmte Therapie oder Medikamente nicht greifen.“

Dass vor allem die große Gruppe des Typ-II-Diabetes wesentlich verschiedenartiger ist und es zu unterschiedlichen Krankheitsverläufen kommen kann, war zwar unter Diabetes-Experten bereits bekannt. Man konnte es bisher aber nicht vorab diagnostizieren. Durch die Analyse von Daten zu fast 15.000 Diabetes-Patienten im Alter zwischen 18 und 97 erkannten die Forscher nun sechs Merkmale, mit denen das künftig möglich sein soll.

Neben dem Alter und dem Body-Mass-Index spielen dabei auch die Werte der Beta-Zellfunktion sowie die Insulinempfindlichkeit eine Rolle. Dadurch kristallisierten sich neben dem klassischen Typ-I noch vier weitere Diabetes-Arten heraus.

Ähnlich wie Typ-I im Detail aber ganz anders

Darunter auch eine Gruppe von Patienten, die dem Typ-I-Diabetes ähnlich ist - also vergleichsweise jung sind, einen niedrigen BMI haben und einen niedrigen Insulinspiegel. Anders als dieser weist die Gruppe aber keine Antikörper auf, die auf eine Autoimmunerkrankung hinweisen. Auch genetisch unterscheidet sich die Gruppe deutlich von Typ-I-Patienten, so der Mediziner Groop. “Diese Patienten werden meist mit Metformin behandelt, was in diesem Fall nicht reicht. Hier bräuchte es ebenfalls eine Insulin-Therapie.“

Insulinspritze
Matthias Hiekel/dpa-Zentralbild/dpa
Laut der neuen Studie benötigen nicht nur „Typ-I“-Diabeter Insulin.

Als Folge kann der Körper den Blutzuckerspiegel nicht kontrollieren, wodurch viele an einer sogenannten Ketoazidose erkrankten. Zudem kam es in dieser Gruppe vermehrt zu diabetesbedingten Schäden an den Augen, so das Ergebnis der Studie. Eine weitere Gruppe umfasst wiederum Patienten mit einer schweren Insulin-Resistenz. Diese Form geht der Studie zufolge mit Übergewicht einher. Dabei wird zwar Insulin produziert, der Körper reagiert aber nicht mehr darauf. Diese Gruppe ist besonders gefährdet, an den Nieren zu erkranken. „In diesem Fall bräuchte es vor allem Medikamente, die die Insulinempfindlichkeit steigern“, so der Mediziner.

In Summe drei schwere, zwei milde Formen

Abgesehen davon identifizierten die Forscher noch zwei weitere, milde Diabetes-Formen, die leicht zu behandeln seien. Während die eine Gruppe mit starkem Übergewicht einhergeht, ansonsten aber einen fast normalen Stoffwechsel ermöglicht, betrifft die fünfte Gruppe vor allem ältere Menschen. Zusammen machten sie mehr als die Hälfte aller untersuchten Patienten aus. „Es scheint, als würde sich die Krankheit in diesen Fällen auch nicht sehr entwickeln. Hier wird es wahrscheinlich ausreichen, den Lebensstil anzupassen und die Zuckerkrankheit mit Metformin zu behandeln“, erklärt Groop.

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmeten sich auch das Mittagsjournal sowie die Nachrichten am 7.3.

Der Mediziner und seine Kollegen wiederholten die Studie bereits in anderen Ländern Europas mit demselben Ergebnis. Noch sind die Folgestudien nicht veröffentlicht. „Es ist aber anzunehmen, dass die Einteilung auch für Länder wie Österreich anwendbar ist“, meint der Diabetes-Forscher.

In der Praxis wird das Wissen über die fünf Untergruppen noch nicht angewendet. Derzeit arbeiten der Mediziner und seine Kollegen daran, die Parameter noch zu verfeinern und mehrere Variablen in die Analyse miteinzubeziehen. Daraus soll ein Programm entstehen, wonach die Patienten leicht den unterschiedlichen Diabetes-Gruppen zugeordnet werden können. „Wir sind gerade dabei, ein solches System zu entwickeln, das anhand einer Blutanalyse die beste Behandlung vorschlägt. Vermutlich wird es noch ein Jahr dauern, bis wir hier etwas Brauchbares haben“, erklärt Groop. Grundsätzlich wäre es zudem denkbar, dass es noch mehr Untergruppen gibt. „Es würde mich zumindest nicht überraschen, um ehrlich zu sein.“

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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