„Fake News“ reisen schneller

Falschnachrichten verbreiten sich schneller und weiter als die Wahrheit: Das zeigt eine Analyse von 4,5 Millionen Twitter-Botschaften. Beschleunigt werden die „Fake News“ vor allem durch Menschen - Bots spielen eine überraschend geringe Rolle.

15. April 2013, 14.50 Uhr, Boston, Massachusetts: Kurz hintereinander explodieren beim Marathon zwei in Rucksäcken versteckte Sprengkörper. Die Ereignisse, bei denen drei Menschen sterben und 264 verletzt werden, lösen Betroffenheit, Zorn und Trauer aus. Auch auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter gehen die Wogen hoch. Millionen Tweets werden an diesem und den folgenden Tagen abgesetzt, manche zigtausendfach geteilt. Aber: Knapp ein Drittel davon war frei erfunden.

Die Studie:

„The spread of true and false news online“, Science (8.3.2018).

Es war unter anderem diese massive Verbreitung von Falschinformation, die die in Boston lebenden Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zur näheren Beschäftigung mit falschen Nachrichten motiviert haben. Das Media Lab des MIT kooperiert mit Twitter, weshalb Soroush Vosoughi, Deb Roy und Sinan Aral Zugang zu allen Tweets hatten, die seit 2006 gepostet worden sind.

126.000 Themen - von den Anschlägen in Boston und Paris über Präsidentschaftswahlen bis hin zur Entdeckung des Higgs Teilchens - haben sie analysiert, zu denen rund drei Millionen Nutzer mehr als 4,5 Millionen mal getwittert haben. Ob Nachrichten wahr oder falsch waren, stellten die Forscher durch einen Abgleich mit sechs verschiedenen Fact-Checking-Websites fest: snopes.com, politifact.com, factcheck.org, truthorfiction.com, hoax-slayer.com und urbanlegends.about.com.

„Schneller, tiefer, weiter“

Aus diesem enormen Datensatz ließen sich eindeutige Muster ablesen: Falsche Nachrichten erreichen deutlich mehr Menschen als die Wahrheit.

Während sachlich richtige Tweets eher selten mehr als 1.000 Menschen erreichen, hat ein Prozent der falschen Nachrichten routinemäßig bis zu 100.000 Empfänger. Falschmeldungen dringen tiefer in die Twitter-Welt ein, sie werden mit einer um 70 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit weitergeschickt („retweeted“). Insgesamt brauchen wahre Tweets sechsmal so lang wie falsche Nachrichten, um 1.500 Menschen zu erreichen. Besonders ausgeprägt sind diese Effekte für falsche politische Tweets. Facebook haben die MIT-Forscher nicht analysiert, ähnliche Mechanismen seien aber „wahrscheinlich“.

Twitter-App auf dem Bildschirm eines Smartphones
DAMIEN MEYER / AFP
Die MIT-Forscher suchten nach Mustern im Twitter-Archiv - und wurden fündig

„Falschmeldungen verbreiten sich weiter, schneller, tiefer und breiter als wahre Nachrichten“, fassen die MIT-Forscher ihre Studie zusammen - aber warum eigentlich? Social Bots, also kleine Programme, die Nachrichten automatisiert retweeten oder eigene Tweets absetzen, sind dafür nicht verantwortlich, auch das zeigt die MIT-Studie.

Ö1 Sendungshinweis:

Über dieses Thema berichtet auch „Matrix“ am 9.3.2018 um 19.05 Uhr.

„Wir haben Bots identifiziert und ihre Wirkung herausgerechnet. Unser Ergebnis: Bots beschleunigen die Verbreitung von falschen Meldungen, aber in einem vergleichbaren Ausmaß auch die Verbreitung von wahren Nachrichten“, sagt Studienautor Sinan Aral im Interview mit Ö1. Seine Schlussfolgerung: „Es sind Menschen, die für die besondere Dynamik von Falschmeldungen verantwortlich sind.“ Wobei es sich dabei nicht um „Super-User“ mit besonders vielen Followern handelt, sondern um eher unterdurchschnittliche Twitter-Benutzer. Die Masse sorgt für den Effekt.

Newswert bei Falschmeldungen höher

Der Grund für die besondere Attraktivität von Falschmeldungen scheint vielmehr darin zu liegen, dass ihnen ein besonders hoher Newswert („novelty“) zugeschrieben wird, so Sinan Aral. „Menschen gewinnen an sozialem Status, wenn sie neue Informationen weitergeben. Sie werden als Insider angesehen.“

Durch eine Analyse der Kommentare unter Falschmeldungen haben die Forscher festgestellt, dass ihnen mehr Newswert zugeschrieben wird, sie als überraschender wahrgenommen werden als die Wahrheit - und das trägt zu ihrer Verbreitung bei.

Aral und seine Kollegen sehen die Studie als Anstoß, über Maßnahmen gegen die Falschmeldungen beschleunigende Funktion von Social Media zu diskutieren. Zwei konkrete Vorschläge macht er im Gespräch mit Ö1: erstens eine Kennzeichnung für Nachrichten analog zu Labels auf Lebensmitteln - woher kommen sie? Wer hat sie gecheckt? Und zweitens Algorithmen, die Falschmeldungen nicht in alle Timelines spülen und damit auch den Anreiz reduzieren, die große Aufmerksamkeit über Werbung zu Geld zu machen.

Sophie Lecheler, Expertin für politische Kommunikation an der Universität, rät im Interview mit science.ORF.at dazu, die menschliche Verantwortung anzuerkennen und weniger über Meinungsroboter, sondern Maßnahmen in Bildung, Medien und Politik zu diskutieren.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

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