Wenn Algorithmen Kriegsverbrechen aufspüren

Der Syrienkrieg wird online übertragen: in den Timelines, dem Nachrichtenstrom sozialer Netzwerke. Menschenrechtler wollen das zur Aufklärung von Kriegsverbrechen nutzen.

Einen Moment lang taucht der Feuerball die Landschaft in grelles Licht. Schemen von Gebäuden werden sichtbar. Dann legt sich die Nacht wieder wie ein Schleier über das Geschehen. Was sich im Inneren des Krankenhauses in Idlib im Nordwesten Syriens abspielt, gegen das sich der Luftschlag richtet, lässt das Amateurvideo nur erahnen.

Es ist die vierte Attacke gegen ein Krankenhaus in der Stadt innerhalb eines Monats. Nachgewiesen haben dies Menschenrechtler der Gruppe Syrian Archive. Im Berliner Büro der Gruppe, die Menschenrechtsverstöße mit Hilfe von Internetvideos aufspürt, ist der Krieg in Syrien stets präsent.

Aufklärung mit Künstlicher Intelligenz

Sollte die Staatengemeinschaft Kriegsverbrechen im seit 2011 andauernden Konflikt eines Tages aufklären wollen, könnte Künstliche Intelligenz (KI) dabei eine Schlüsselrolle spielen. Die App „VFrame“, die die Gruppe zusammen mit Wissenschaftern entwickelt hat, könnte es möglich machen.

Explosion erhellt den Nachthimmel
REUTERS/Omar Sanadiki
Damaskus im Mai 2018

Hadi Khatib spricht bedächtig, als er Anfang Mai auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin präsentiert, was die Arbeit seiner Mitarbeiter in Berlin und ihrer Unterstützer in Syrien bereits revolutioniert hat. Er ist Gründer des Syrian Archive.

Die 2014 in Berlin gegründete Gruppe sammelt, verifiziert und analysiert Videos und Bilder aus öffentlich zugänglichen Quellen, um Menschenrechtsverstöße von allen Beteiligten zu dokumentieren. Der Fokus liegt auf dem Syrienkonflikt. Mehr als 1,5 Millionen Videos hat das Syrian Archive gesammelt. Das seien mehr, als ohne technische Hilfe ausgewertet werden könnten. Rund 4.500 der Clips hat die Gruppe bis Anfang Mai verifiziert.

Automatische Auswertung

Der Krieg in Syrien ist einer der ersten Konflikte, der live in die Timelines sozialer Netzwerke übertragen wird - in Form verwackelter Handyaufnahmen auf Youtube, Facebook oder Twitter. Während Menschen Videos in Gänze schauen müssen, um eventuelle Hinweise auf Menschenrechtsverstöße zu entdecken, liefert die App in Sekunden einen Zusammenschnitt verdächtiger Funde. Etwa 51 Mal schneller als Menschen sei das Programm, sagt der Wissenschaftler und Mitentwickler Adam Harvey.

„Verdächtig“, das sind vor allem nach internationalen Übereinkommen geächtete Kriegsmittel - Waffen und Munition, zum Beispiel bestimmte Giftgaszylinder. Achtzehn Waffentypen kann der Algorithmus bereits erkennen, selbst dann, wenn sie nur verdreckt oder beschädigt zu sehen sind. Bis Anfang Juni wollen die Entwickler dem Programm die Erkennung weiterer Munitions- und Waffentypen antrainieren. So sollen auch Ressourcen freigesetzt werden für die aufwendige Verifikation.

Wettlauf mit der Zeit

Katib zeigt Aufnahmen eines Luftangriffs in Aleppo. „Wer hat Zugriff auf den Luftraum?“, fragt er und antwortet selbst: Syrien und Russland. Die Kamera folgt dem Geschoss eines Kampffliegers. Gebäude ragen ins Bild. Khatib markiert sie. „Wir gehen durch das gesamte Video und markieren Landmarken“, sagt er. Anhand der Markierungen wird der Ort der Aufnahmen bestimmt. Kinder laufen durchs Bild. „Es passiert in zivilem Gebiet, wir haben das mit Satellitenbildern abgeglichen.“ Auch bei der Verifikation hilft die App, indem sie Informationen, sogenannte Metadaten, ausliest und wiederherzustellen hilft.

Zerstörte Häuser: Straßenszene in Aleppo
APA/AFP/Sameer Al-Doumy
Aleppo im April 2018

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Im Versuch, extremistische Inhalte zu verhindern, löschten Mitarbeiter von Youtube, Facebook und anderen sozialen Netzwerken massenhaft Aufnahmen, die Menschenrechtsverstöße belegen könnten, erklärt Khatib. Allein Youtube löschte laut eines Transparenzberichts im vergangenen Jahr mehr als 8 Millionen Videos mit „unangemessenen Inhalten“.

Auch hier helfen Algorithmen: Etwa 6,7 Millionen dieser Videos wurden automatisch gelöscht. Viele der Videos, die Anbieter wie Youtube im vergangenen Jahr gelöscht hätten, enthielten keinen Extremismus. Dafür enthielten sie Hinweise auf Kriegsverbrechen, sagt Khatib, der die Löschpraxis kritisiert und dessen Mitarbeiter alles sichern, was sie finden können.

Giftgasattacken nachgewiesen

Die Inhalte sind oft traumatisierend. „Die Kamera fokussiert auf Dämpfe, die aus den Körpern austreten“, heißt es in der Beschreibung eines Videos, das Opfer einer mutmaßlichen Giftgasattacke zeigt. Seit der Chemiewaffenkonvention von 1993, die vier Jahre später in Kraft trat, sind Chemiewaffen weltweit geächtet.

212 mutmaßliche Chemie-Attacken während des Syrienkriegs hat das Syrian Archive lokalisiert. Eine Datenbank, die die Organisation Ende April zu den mutmaßlichen Attacken angelegt hat, listet mehr als 860 verifizierte Videos. „Wir wollen sicherstellen, dass die visuelle Dokumentation für jede Art von juristischer Aufarbeitung genutzt wird“, sagt Khatib.

Auch für rechtswissenschaftliche Forschung solle das Material genutzt werden - weil die aus Netzwerken kopierten Bilder den Anforderungen von Gerichten nicht immer genügen.

„Digital Verification Corps“

Der erste Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof allein auf Grundlage von Internet-Videos erlassen hat, liegt nur wenige Monate zurück. Bis heute wartet die Behörde auf die Auslieferung des hochrangigen libyschen Offiziers Mustafa al-Werfalli. Aufnahmen aus Bengasi sollen ihn bei der Erschießung gefesselter Menschen zeigen.

Längst gibt es andere, die wie das Syrian Archive auf digitale Beweissuche gehen. So hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sogenannte „Digital Verification Corps“. Mit Hilfe der Verifikationsspezialisten zeigte die Organisation unter anderem Misshandlungen von Flüchtlingen auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea auf.

Zu den Pionieren gehört auch das Recherchenetzwerk Bellingcat um den britischen Investigativjournalisten Elliot Higgins. Mit beiden Gruppen kooperiert das Syrian Archive. Der Haftbefehl gegen den Libyer Al-Werfalli macht den Aktivisten Hoffnung: Die digitale Verbrechensaufklärung erreicht - trotz Hürden - langsam die Justiz.

Oliver Beckhoff, dpa

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