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Folterstuhl im Historischen Museum in Speyer, Deutschland.

Folter: Mit Gewalt auf Wahrheitssuche

Darf man Menschen foltern, um wichtige Informationen zu bekommen? Was jahrzehntelang als verpönt gegolten hat, wird seit einiger Zeit von Juristen wieder ernsthaft diskutiert. Auch in Film und Fernsehen ist eine "Rückkehr der Folter" zu bemerken, wenn man an Serien wie "24" oder Kinofilme wie "Hostel" denkt.

Diskursforschung 02.10.2009

Dass die Gewalt der Folter in der Praxis niemals verschwunden war, meint der Literaturwissenschaftler Thomas Weitin in einem Interview. In der Aufklärung habe sich die Folter transformiert in neue Techniken der Gewalt, die auch heute noch angewandt werden.

Geistige und körperliche Folter sind dabei nur zwei Seiten der gleichen Medaille - und die heißt Wahrheitssuche.

sience.ORF.at: Die meisten Menschen denken bei Folter an die aktuellen Fragen, ob man Terroristen oder Kindesentführern damit relevante Informationen abringen kann - Sie auch?

Portraitfoto Thomas Weitin

Thomas Weitin ist Professor für Neuere deutsche Literatur im europäischen Kontext an der Universität Konstanz und derzeit Senior Fellow am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Er leitet das Drittmittelprojekt "Wahrheit und Gewalt. Der Diskurs der Folter" der Volkswagen-Stiftung und ist einer der Leiter des DFG-Netzwerks "Gewalt der Archive".

Thomas Weitin: Nein, wir beteiligen uns nicht an der Debatte: Darf man oder darf man nicht? Unser Forschungsprojekt heißt "Diskurs der Folter". Das ist nicht modisch gemeint, sondern uns geht es um die Fragen: Worüber spricht man, wenn man über Folter spricht? Wie kommt es dazu, dass gerade jetzt wieder solche Diskussionen aufflammen? Wir sehen uns diese Fragen historisch an. Speziell aus dem Diskurs der Aufklärung, der letztlich zur Abschaffung der physischen Folter geführt hat, kann man für die aktuelle Diskussion lernen.

Wie ist es historisch zum Verbot der Folter gekommen?

Auch wenn man das heute glauben mag: Die Aufklärung hat die Folter nicht abgeschafft, weil sie unmenschlich war, sondern weil sie sich im Strafrechtsprozess als ineffizientes Mittel der Wahrheitsfindung erwiesen hat. Kurz gesagt: Wem man Schmerzen zufügt, der gesteht alles. Das war den Juristen schon Anfang des 18. Jahrhunderts bewusst. Dennoch war die Folter für die Gerichte lange notwendig, da das Beweisrecht sehr kompliziert war.

In den deutschen Rechtsgebieten ist dieses Recht auf die constitutio criminalis carolina von 1532 zurückgegangen und war sehr kompliziert. Zur Verurteilung eines Kapitalverbrechers bedurfte es z.B. zweier voneinander unabhängiger Zeugen. Die gab es natürlich fast nie. Da man dem Indizienbeweis sehr kritisch gegenüberstand, war die Folter ein Mittel zum Geständnis. Und als diese Abkürzung durch den Paragrafendschungel nicht mehr gegeben war, hatte man ein veritables Problem.

Verbot der Folter
In den deutschen Ländern war Preußen der Vorreiter: Bereits 1731 wurde die Folter stark eingeschränkt, 1746 verboten. Schlusslicht war Baden, wo sie erst 1832 abgeschafft wurde. Im 1768 in Österreich-Ungarn erlassenen Strafgesetzbuch constitutio criminalis theresiana wird noch versucht, die Folter zu verrechtlichen. Es wird genau beschrieben, welche Foltermethode bis zu welchem Grad bei welchem Delikt angewendet werden darf. Ein später Ausschlag der Habsburgermonarchie, denn drei Jahre später wurde die Folter abgeschafft.

Wie hat man darauf reagiert?

In Preußen wurde die Folter nicht per öffentlichen Erlass abgeschafft, sondern insgeheim per Kabinettsorder. Drei Monate danach wurde ein königliches Edikt erlassen, wonach man die Abschaffung geheim halten möge. Man hat also auch nach dem Verbot der Folter versucht, das Drohszenario, die imaginäre Gewalt, aufrechtzuerhalten. Es bildeten sich neue Praktiken, wie z.B. Prügelstrafen, die verhängt wurden, wenn jemand nicht kooperativ war.

Die Folter erhielt also Stellvertreter?

Etwas böswillig ausgedrückt: Die Aufklärung hat die Foltergewalt nicht abgeschafft, sondern transformiert. Sie finden bei prominenten Rechtsaufklärern wie Ernst Ferdinand Klein Aufsätze mit Titeln wie "Klugheitsregeln für Richter" - das sind nichts anders als Verhörregeln. Sehr konkret wird dargestellt, wie die psychische Bedrohung des Angeklagten - verbal geschehen soll. Durch Sätze wie "Dein Kumpel hat gestanden" oder: "Wenn du nicht aussagst, werden wir dich weiter unter Druck setzen."

Die Texte haben im Grunde ein schlechtes Gewissen, sie sagen, das sei schon eine Art Tortur. Es entwickelt sich der Begriff der Geistesfolter - tortura spiritualis findet man auch bei Immanuel Kant. Für uns ist Gewalt deshalb auch immer ein Grenzbegriff: hier die erlaubte Gewalt, dort die verbotene; hier die verbal-imaginäre, dort die körperliche. Wenn wir von Folter sprechen, gibt es nicht "die eine Gewalt", sondern einen ständigen Übergang von dem einen ins andere.

In den Tatort-Krimis, die ja von eher liberalen Kommissaren bevölkert sind, gibt es nach dieser Logik in jeder Folge verbale Folter ...

Natürlich. Das beantwortet auch die Frage, warum man überhaupt Folterforschung betreibt, die historisch argumentiert: Weil die Transformationsprozesse und die Gewalt als Grenzbegriff genau das sind, was die aktuelle Debatte bestimmt. In Deutschland ging es beim Fall Daschner nicht um physische Folter, sondern um Territion. Schon Quellen aus dem 17. Jahrhundert zeigen, dass die Zufügung psychischer Gewalt effektiver war als körperliches Foltern. Verschiedene historische Fallgeschichten belegen, dass die Angeklagten auf den Anblick gefolterter Menschen stärker reagiert haben, als wenn sie selbst gefoltert wurden. D.h. die Geschichte der Folter und ihrer literarischen Darstellung ist keine der Zäsuren, sondern der Kontinuitäten und Wandlungen.

Welche Rolle spielt die "Würde des Menschen" bei der Folterdiskussion?

Vortrag in Wien
Thomas Weitin: Wahrheit und Gewalt. Der Diskurs der Folter
Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 5. Oktober, 18 Uhr c.t.

In Deutschland eine zentrale. Im Artikel Eins unseres Grundgesetzes heißt es, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Ein Satz, der auf Immanuel Kant zurückgeht. Er hat geschrieben: "Im Reich der Zwecke hat alles entweder eine Würde oder einen Preis." Damit ist alles gesagt. Entweder ich habe einen Begriff von Würde - dann muss er jenseits von kalkulierter Abwägung sein. Oder ich begebe mich in das Reich der Abwägung, dann bin ich jenseits der Würde.

Der Würdebegriff kommt nach Kant jedem Individuum zu, er gilt universell und darf nicht in utilitaristische, konsequentialistische Abwägungskalküle eingehen. Nach Ende des zweiten Weltkriegs hat über die Unantastbarkeit der Würde des Menschen Konsens geherrscht, erst seit einigen Jahren wird sie wieder in Frage gestellt. Es gibt das Argument, dass die Gemeinschaft doch auch eine Würde hat und wenn die höher ist als die des Einzelnen, sei sie wichtiger. Das nennen wir den ökonomischen Diskurs der Folter, weil hier ökonomisch gerechnet und diskutiert wird. Das steht dem traditionellen Würdekonzept aber völlig entgegen.

Weitin über historische und aktuelle Folterdebatten:

In medialen Produkten der Gegenwart wie "24" oder "Hostel" wird wieder ziemlich viel physisch gefoltert. Kehrt die körperliche Gewalt wieder?

Was es auf jeden Fall gibt, ist eine Einkehr der Folter in den Mainstream. Die Folter hatte bis in die 90er Jahre ihren Ort im Horrorfilm - mit ihrem speziellen und im Regelfall auch kundigen sowie differenzierungsfähigen Publikum. Nun wird auch in Mainstream-Produkten von Kino und Fernsehen wieder stärker physisch gefoltert. Was es auch gibt, ist ein Rückkoppelungseffekt der medialen Darstellung - wir wissen etwa, dass sich Soldaten im Irak nach dem Vorbild von der Serie "24" verhalten haben. Nicht zuletzt aus dieser medialen Vorkonditionierung leiten wir eine Verantwortung unserer nicht-empirischen, historisch-medialen Gewaltforschung ab.

Glauben Sie dass wir in einer ähnlichen Zeitenwende leben wie Ende des 18. Jahrhunderts, als die körperliche Folter abgeschafft wurde - diesmal nur umgekehrt?

Das ist Spekulation. An einen Rückfall in die Barbarei glaube ich jedenfalls nicht. Die aktuelle Debatte wiederholt bestimmte Denkfiguren und aktualisiert Redeweisen, die wir mindestens seit der Zeit der Abschaffung der Folter kennen: etwa ein ökonomisches Kalkül und ein Übergangsverhältnis von physischer und verbaler Gewalt. Ich glaube nicht, dass das ein Rückfall vor die Aufklärung ist. Aber es ist auch kein Zufall, dass Folter in der Realität und in den Medien wieder erstarkt. Wir sehen darin eine Verbindung zur Dominanz des ökonomischen Denkens, der so etwas wie einen Würdeschutz á la Kant nur noch als verstaubten Traditionsbestand belächelt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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Forum

 
  • solidstate, vor 856 Tagen, 22 Stunden, 6 Minuten

    Wie sinngemäss schon im Interview steht: Durch Folter bekommt man alles zu hören was man hören möchte. Doch ob es die Wahrheit ist weiss steht auf einem ganz anderen Blatt.

    Foltern ist daher nicht nur unmenschlich sondern auch dumm!

    • muriem, vor 856 Tagen, 21 Stunden, 26 Minuten

      Aber in "24" kommt es schon cool rüber... :-/

    • Die echte, wirkliche, reine Wahrheit interessiert die Mächtigen doch nicht.

      hitcher, vor 856 Tagen, 14 Stunden, 52 Minuten

      Gesucht ist die "Wahrheit", die am besten ins Konzept passt. Wie es wirklich war braucht ja niemand zu erfahren, die paar wenigen die es wissen sollten im eigenen Interesse besser schweigen.

      Und genau dazu ist auch Folter gut.

  • hat wer was

    mantispa, vor 857 Tagen, 15 Stunden, 21 Minuten

    anderes erwartet? lächerlich! wir nähern uns doch "urmenschlichen zuständen" wieder an.
    außerdem kann folter ja wirklih das kleinere übel sein - wenn es zb. gilt, einen "terror"-anschlag zu durchkreuzen o.ä.

  • Folter: mit Gewalt auf Wahrheitssuche

    lena47, vor 858 Tagen, 22 Stunden, 39 Minuten

    die Überschrift allein in ein Widerspruch in sich!
    Habe mir erlaubt, aus der VK eines Users, einen Spruch auszuborgen, der exakt den Kern trifft:

    keine Wahrheit ohne Liebe
    keine Liebe ohne Wahrheit
    keine Wahrheit und Liebe, ohne Treue!

    Folter = Menschenverachtung
    Gewalt = Hass
    Erpressung = Gesetzwidrig

  • Mobbing...

    nichte, vor 859 Tagen, 9 Stunden, 43 Minuten

    ...ist psychische Folter und derzeit anscheinend "in".
    Und diese macht nicht der Staat und die dient keiner Wahrheitsfindung...
    Und das beginnt schon bei den Kindern.
    Man sollte sich auch mal dazu auch Gedanken machen.
    ...Folter ist modern, Folter ist gesellschaftsfähig...
    ...und weil die Psychische allein schon zu fad ist muss nun auch wieder die Physische her...
    ..guat schau ma aus, weit hammas bracht...

  • solala, vor 859 Tagen, 10 Stunden, 18 Minuten

    Sehr zweischneidig das ganze, wie war das in Deutschland mit der Kindesentführung.

    Für derartiges wäre dann eine Wahrheitsdrooge wohl eher das richtige, allerdings, wenn es schon sein muß, Erkenntnisse von anderen stqaftaten wie Benküberfälle, Ladendiebstahl, etc..., sollten gerichtlich nicht zur Anklage kommen dürfen, aus soclhen Befragungen.

  • Folter ist selbst ein Verbrechen.

    ehrlicher, vor 859 Tagen, 11 Stunden, 37 Minuten

    Von staatswegen zu Foltern, ob physisch oder psychisch ist selbst ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

    Man nimmt dabei billigend in Kauf, auch Unschuldige zu Foltern und diesen Leid zuzufügen.

    Die Zukunft wird neues Zeitalter der Wahrheitsfindung hervorbringen. Neue Methoden um Gehirnaktivitäten zu scannen werden zukünftig Lügner schmerzfrei aber eindeutig entlarven....