
Schlafen und Wachen: Eine unklare Grenze
Schlafloser Schlaf
Wer über lange Zeit hinweg zu wenig schläft, sollte sich das gut überlegen. Schlafmangel kann falsche Erinnerungen verursachen, das emotionale Verhalten stören und das Langzeitgedächtnis hemmen. Es gibt aber auch Menschen, die gar nicht wirklich schlafen, obwohl sie glauben, es eigentlich zu tun.
Bei einem Italiener und einer Italienerin, beide über 50, wurde festgestellt, dass sie zwar scheinbar schlafen, ihr Gehirn aber nicht die dafür typische Aktivität zeigt. Von den Gehirnströmen gesehen lagen die beiden wach ("Sleep Medicine", Bd. 10, S. 247), wie die Zeitschrift "New Scientist" in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet.
Manchmal waren die Folgen davon auch für Beobachter sichtbar: Die beiden Versuchspersonen gingen umher, schrien, zitterten, und ihre Herzen begannen zu rasen. Auslöser für das Verhalten ist bei beiden Personen eine Nervenstörung, die Multisystematrophie. Die Patienten erreichten einen Zustand, bei dem die Grenze zwischen Schlafen und Wachen zusammenbricht.
Fließende Übergänge
Schlafen und Wachen sind keine sich gegenseitig ausschließenden Zustände, schreibt der Neurologe Mark Mahowald ebenfalls in der Zeitschrift "Sleep Medicine" (Bd. 10, S. 159). Er listet eine ganze Reihe an Schlafstörungen auf, etwa Schlaflosigkeit und Schlafwandeln.
Morgenmuffel könnten untersuchen lassen, ob sie nicht etwa an Schlafträgheit leiden. Bei ihr bleiben Teile des Schlafzustandes nach dem Aufwachen erhalten. Manche Schaltkreise im Gehirn arbeiten schon, andere noch nicht. Menschen fühlen sich in diesem Zustand schlapp und können einfache Rechenaufgaben kaum lösen.
Weitere Beispiele aus Mahowalds Liste: Bei der Schlafparalyse wird man munter, kann sich aber nicht bewegen. Vier von zehn Menschen sollen dieses Phänomen schon einmal erlebt haben. Menschen mit Narkolepsie hingegen können mitten im Satz einschlafen. Auch bestimmte Formen von Halluzinationen, Nahtoderlebnisse, außerkörperliche Erfahrungen und die Vorstellung von Außerirdischen entführt worden zu sein, können einen um den Schlaf den bringen.
Schlaf und Sünde
Wo der Schlaf anfängt und aufhört, ist manchmal nicht nur eine Frage der Medizin. Der "New Scientist" berichtet von einem 23-jährigen Kanadier, der im Jahr 1988 quer durch die Stadt gefahren ist und seine Schwiegereltern mit einem Messer attackiert hat. Er wurde freigesprochen, weil er schlafgewandelt ist.
Wegen einer Schlafstörung können auch manche Männer vor Gericht auf Freispruch hoffen, denen vorgeworfen wird, eine Frau vergewaltigt zu haben. Sie berufen sich auf Sexsomnia. Bei dieser Form des Schlafwandelns werden Menschen im Schlaf sexuell aktiv. Manchmal masturbieren sie nur, manchmal kommt es zum Verkehr mit anderen.
Dem "New Scientist" zufolge ist Sexsomnia als Grund für einen Freispruch unter Anwälten umstritten. Schließlich könne keine Schlafstudie im Nachhinein feststellen, ob in einer bestimmten Nacht tatsächlich das Schlafwandeln schuld am Übergriff war.
Drei Phasen des Seins
Der Schlaf ist es ein komplexes Phänomen. Bei ihm ändern sich die sensorischen, muskulären, hormonalen und neuralen Systeme im Körper. Laut Mahowald gibt es drei Zustände, in denen wir uns befinden können: Wachsein, REM-Schlaf und Nicht-REM-Schlaf. Diese Phasen können sich auch vermischen oder einander in kurzen Folgen abwechseln. Vergesslichkeit und Tagräumen sind zwei eher harmlose Folgen davon, die uns dies bewusst erleben lassen.
Bisherige Studien untersuchen Schlafende vor allem mit Elektroenzephalogrammen (EEG). Doch diese messen nur die Vorgänge in den äußeren Millimetern der Hirnrinde. Noch schwerer lassen sich Schlaf und Wachzustand unterscheiden, wenn auch die tieferen Schichten des Gehirns während der Schlafphasen analysiert werden; etwa durch funktionelle Magnetresonanztomographie, wie das Pierre Maquet vom Cyclotron Research Centre im belgischen Lüttich macht.
Rätsel Schlaf
Trotz all der Studien ist eine Frage noch offen: warum wir überhaupt schlafen. Schlaf hilft uns jedenfalls, unsere Erinnerungen zu sortieren, und er spielt eine Rolle bei Lernvorgängen. Negative Folgen von Schlafentzug gibt es beim Menschen genug. Manche Tiere kommen jedoch auch ohne Schlaf gut zurecht. Daher vermuten einige Wissenschaftler auch, dass er einfach dazu da ist, Energie zu sparen.
Mark Hammer, science.ORF.at


