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Zwei Handvoll Mais

Eine unendliche Geschichte

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird über gentechnisch veränderte Pflanzen und Nahrungsmittel diskutiert. Von klaren politischen Entscheidungen sei man aber immer noch weit entfernt, meint Helge Torgersen, Mitarbeiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) der ÖAW. Er berichtet von den Ergebnissen einer internationalen Untersuchung.

Grüne Gentechnik 30.10.2009

Ein nachhaltiges politisches Dilemma

Von Helge Torgersen

Porträt Helge Torgersen
Helge Torgersen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Bereich Biotechnologie und Medizintechnik.

Die Zukunft der Gentechnik in der europäischen Landwirtschaft ist unklar wie eh und je. Nach über zwei Jahrzehnten und trotz zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen sowie einer detaillierten Regulierung scheint man immer noch "zu wenig zu wissen", um eindeutige Entscheidungen zu treffen. Die Frage der Grünen Gentechnik kann als beispielhaft für das Scheitern von Bemühungen angesehen werden, mittels wissenschaftlicher Risikostudien, fachübergreifender Problemanalysen und Bürgerbeteiligungsverfahren in vielen Ländern eine tragfähige Lösung zu finden.

Immer wieder treten Schwierigkeiten mit der Zulassung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen auf, die nicht zuletzt auf unterschiedliche Auffassungen in den Mitgliedsländern zurückgehen, ob diese Technologie überhaupt erwünscht ist. Mit anderen Worten, die Grüne Gentechnik ist nach wie vor mehr ein politisches als ein technisches Problem: Es geht nicht nur um die Zulassungskriterien von Gentechnik-Sorten oder die Bedingungen für die Koexistenz mit konventioneller und biologischer Landwirtschaft. Vielmehr steht zur Debatte, wie die EU-Mitgliedsländer überhaupt mit Gentechnik-Produkten umgehen sollen, ohne globale Handelskonflikte zu provozieren.

Unüberwindliche Meinungsverschiedenheiten

Bei der Grünen Gentechnik wird mit Hilfe gentechnischer Verfahren in die Zucht von Pflanzen eingegriffen.

Die Probleme dürften in Zukunft nicht geringer werden. Gentechnik-Sorten mit neuartigen Eigenschaften warten auf ihre Zulassung, während sich die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft - z. B. durch den Anbau von Energiepflanzen - erheblich verändern.

Gleichzeitig gewinnen internationale Handelsregeln, die eine freizügigere Handhabung von Gentechnik-Sorten verlangen, zunehmend an Bedeutung. Die öffentliche Meinung in Europa ist nach wie vor geteilt, und viele KonsumentInnen können sich nur schwer mit dem Gedanken an gentechnisch veränderte Nahrungsmittel in den Supermarktregalen anfreunden - die Meinungsverschiedenheiten scheinen unüberwindlich, die Debatte ist erstarrt.

Und sie bewegt sich doch?

Der Stillstand in der Diskussion wird sowohl von Industrie und Forschung als auch von vielen Politikern heftig beklagt, wie jüngst beim Innovationsgipfel im Europäischen Parlament in Brüssel. Man sah dort Europa in Sachen Technologie aufs Abstellgleis rollen, während gleichzeitig Transparenz und Bürgernähe eingefordert wurden. Was aber, wenn viele BürgerInnen nicht wollen, was InnovationsverfechterInnen für unverzichtbar halten?

Angesichts des scheinbar unlösbaren Dilemmas für die Politik wird immer wieder gefordert, "aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen". Voraussetzung dafür ist allerdings Klarheit darüber, was überhaupt das Problem ist, denn in der gegenwärtig verfahrenen Situation ist die Versuchung groß, bloß an den Details der bestehenden Regulierung zu feilen und zu hoffen, dass damit die Schwierigkeiten verschwänden. Diese Hoffnung hat sich in der Vergangenheit als unberechtigt erwiesen.

Die Ergebnisse der EPTA Studie: "Genetically Modified Plants and Foods"

Das war die Ausgangslage für acht Mitglieder der EPTA, der Vereinigung der europäischen Parlamentarischen Institutionen für Technikfolgenabschätzung, zu der auch das ITA der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gehört. Anhand einer Neuinterpretation von TA-Studien der vergangenen Jahre und einer Umfrage unter Experten aus acht Ländern wurden die wichtigsten Herausforderungen für die Politik zur Grünen Gentechnik unter heutigen Bedingungen herausdestilliert. Die Leitfrage war: Gibt es Anzeichen, dass sich die gegenwärtige Pattsituation verändert? Die Antwort: Ja, aber die Erwartungen sind zwiespältig wie immer.

Herausforderungen in fünf Schlüsselbereichen

Eine neue Generation von Gentechnik-Pflanzen steht vor der Tür, die medizinische Substanzen, Industriechemikalien etc. produzieren und demnächst Zulassungsverfahren durchlaufen werden. Vor allem neue Anreize für deren Einführung durch veränderte Bedingungen in der Landwirtschaft könnten eine neue Ausgangslage für die Politik bewirken.

Angesichts von Umweltfaktoren wie Klimawandel, Wassermangel und Erosion verlangt eine nachhaltige Entwicklung neue Produktionsweisen und damit besser angepasste Sorten. Gleichzeitig verändern sich die Marktbedingungen. So dienen landwirtschaftliche Produkte heute nicht mehr nur der Lebensmittelproduktion, sondern zunehmend auch der Energiegewinnung, wodurch deren Preise aber stark von denen auf dem Energiemarkt beeinflusst werden.

Öffentliche Meinung und Kennzeichnung

Die öffentliche Meinung über gentechnische Nutzpflanzen könnte sich langfristig verändern, sollten sie Konsumenten unmittelbar einen höheren Nutzen bringen oder nicht für die Nahrungsmittelproduktion verwendet werden, die ja als besonders umstritten gilt. Dem gegenüber steht die realistische Erwartung, dass sich an der Skepsis gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln in vielen europäischen Ländern nicht viel ändern wird.

Die Frage der Koexistenz und Kennzeichnung stellt sich besonders dringlich, wenn es zu einem vermehrten Anbau kommen sollte. Dann erhebt sich die Frage, ob diese Konzepte überhaupt noch zu verwirklichen sind. Die befragten Experten beantworteten dies mit einem vorsichtigen Ja – allerdings bestand Uneinigkeit über die Details, z.B. ob Koexistenz für alle Nutzpflanzen und Anbaubedingungen gewährleistet werden kann oder nur unter bestimmten Bedingungen.

Internationale Regeln und nationale Entscheidungen

Schließlich verweist die Spannung zwischen internationalen Handelsregeln und dem Spielraum für nationale Entscheidungen auf ein grundlegendes Problem der EU. Die europäische Politik gerät angesichts des weltweit wachsenden Anbaus gentechnisch veränderter Sorten, internationaler Regelwerke und daraus resultierender Handelskonflikte unter Druck. Die Welthandelsorganisation (WTO) etwa verlangte von der EU, dass gentechnisch veränderte Sorten nicht anders behandelt werden dürften als konventionelle, wenn keine Risiken nachweisbar sind. Das hat einige Mitgliedsländer der EU mit einem restriktiven Kurs in dieser Frage - darunter Österreich - vor Probleme gestellt.

Das Cartagena Protokoll zur biologischen Sicherheit aus österreichischer Sicht.

Mögliche Lösungen auf EU-Ebene wären entweder ein größerer Entscheidungsspielraum für die Länder (Subsidiarität) oder eine stärkere Harmonisierung. Die meisten befragten Experten glauben, dass die Prinzipien der EU-Regulierung beibehalten werden können, viele sprachen sich aber für stärkere Harmonisierung sowie eine Reform der zuständigen Behörden aus.

Studie im Auftrag des BMG über die Auswirkungen des WTO-Abkommens.

Allerdings sollten parallel dazu internationale Vereinbarungen, die teilweise widersprüchlich sind wie das Cartagena-Protokoll zur biologischen Sicherheit und das WTO-Abkommen, auf einen Nenner gebracht werden. Das würde nicht nur gentechnikspezifische Themen, sondern auch die Einbeziehung sozialer und Umweltstandards in die WTO-Regulierung zur Debatte stellen.

Was ist nachhaltige Landwirtschaft?

Insgesamt kommt die Studie zum Schluss, dass die Zukunft der landwirtschaftlichen Gentechnik in Europa nicht nur von den Details der Regulierung, neuen technischen Lösungen oder der Entwicklung der öffentlichen Meinung abhängt. Entscheidend ist vielmehr, was als "nachhaltige Landwirtschaft" gelten soll: Geht es z. B. um hohe Produktivität bei niedrigem Input oder um einen Ausbau des ökologischen Landbaus? Mit anderen Worten: Welche Landwirtschaft wollen wir und wie wollen wir sie erreichen?

Das ist eine grundsätzliche Frage, die bisher eher vermieden wurde - verständlich, denn die europäische Agrarpolitik ist schon kompliziert genug. Ein breiter gesellschaftlicher Dialog ist aber sehr bald nötig, denn es besteht Handlungsbedarf, und das nicht nur weil Gentechnik in der Landwirtschaft als Problem gilt. Solange nicht klar ist, was die Aufgabe der europäischen Landwirtschaft in Zukunft sein soll, bleibt die Rolle einzelner Technologien unbestimmt.

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Forum

 
  • :-)

    klausi025, vor 932 Tagen, 20 Stunden, 49 Minuten

    Wann lernen diese Wissenschafter endlich, dass diese Technik direkt vom Teufel geschickt wird? Man soll Gott nicht ins Handwerk pfuschen ... also weg mit all den Genen und Atomen!!!

  • Im Essen oder nicht ist egal.

    kiwi73, vor 933 Tagen, 9 Stunden, 48 Minuten

    Das Problem ist das Freisetzen. Es ist ja erwiesen, dass Organismen genetisches Material anderer Organismen "stehlen" können, also in ihr eigenes Erbgut einbauen. Zum Beispiel dienen Sequenzen eines Virus, der das Immunsystem hemmt, ihn zu erkennen, in unserer eigenen DNS dazu, die Abstoßung des Embryos als "Fremdorganismus" durch das Immunsystem im Mutterleib zu verhindern. Diese Info ist einfach irgendwann während der Entwicklungsgeschichte von einem erfolgreichen Organismus in einen anderen übernommen worden. Niemand kann ausschließen, dass nicht irgendwelche Arten durch zufällige Einlagerung gentechnisch veränderter und dadurch leistungsstärkerer Erbinformation unvorhersehbare Mutationen durchmachen werden.

  • elvishasleftthebuilding, vor 933 Tagen, 15 Stunden, 57 Minuten

    Das Hauptproblem der Grünen Gentechnik liegt nicht bei der Politik, sondern in der Nichterfüllung ihrer Versprechen und der dummdreisten Vorgangsweise der involvierten Wissenschaftler und Konzerne.

    Der sog. Golden Rice Project ist dafür symptomatisch.

  • Gentechnik in Nahrung ist eine Waffe

    mrxy, vor 933 Tagen, 16 Stunden, 59 Minuten

    »Gebt mir die Kontrolle über die Währung einer Nation, dann ist es für mich gleichgültig wer die Gesetze macht.« Mayer Amschel Rothschild
    Das war die Vergangenheit, die Auswirkungen spürt man immer mehr. In Zukunft soll es noch einen Schritt weiter gehen: "Wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen".
    Die internationalen Organisationen wie WTO und WHO sind korrupte Instrumente einer winzigen aber mächtigen Lobby.
    Die Gentechnik "Revolution" wurde von der Rockefeller-Stiftung ins Leben gerufen, "nette" Leute also.

    • Selbst wenn es sich seltsam liest. Und ich sage sowas...

      lpino, vor 933 Tagen, 15 Stunden, 45 Minuten

      ...nicht gerne.

      Aber Gott wird uns dafür strafen.
      Die Böden werden veröden, die meisten Menschen unfruchtbar.
      Es wird Kriege geben für sauberes Wasser, für eine sprichwörtliche Schale Reis.

      Derzeit kaufen Geldhäuser und Industriekonzerne Hunderttausende Quadratkilometer Wald und Ackerfläche auf um über Hunger oder Wohl der Welt zu verfügen.

  • "unendlich" nur deshalb, weil die Gentechnik-Lobby nicht aufgeben will

    benaja, vor 933 Tagen, 20 Stunden, 4 Minuten

    Kürzlich - anlässlich einer Podiumsdiskussion über Gentechnik - schrieb mir ein bekannter Risikoforscher, der auf Gentechnik spezialisiert ist:

    "Das Thema finde ich falsch, vor 15 Jahren haben wir Chancen Risken diskutiert - das kann man doch nicht 15 Jahre lang diskutieren; es gibt zu viele Erfahrungen.
    Das Thema sollte heißen: die leeren Versprechungen der Gentech-Lobby."

    Dem ist nichts hinzuzufügen...

    • solala, vor 933 Tagen, 18 Stunden, 38 Minuten

      Es geht doch nur darum die Landwirtschaft der Gewinnmaximierungsgesellschaft einzuverleiben.

      In den USA und Canada gabs mehr als einen Selbstmord wegen Praktiken von diversen Firmen, die nicht mal die Mafia anwendet.

      Gentechnik bedeutet nicht weniger als das Ende der freien Landwirtschaft, wohin das führt zeigt die Unterhaltungsindusrie ebensogut wie die Marktkonzentration (Mehr als 90% lt. wiki sind in der Hand von 5(6) Konzernen) im Ö Handel, es ist immer der gleiche Mechanismus!

      Es gibt auch keine österreichische Qaulität mehr, sondern nur mehr die Konzernqualität, was die Konzerne nicht vertreiben oder vertreiben wollen, verschwindet aus dem Markt, radikal!