
Sigmund Freud auch in Teheran heute aktuell
Die Lehren Freuds treffen im Iran auf eine lange Tradition des Geschichtenerzählens. Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Ost und West sprach sie mit science.ORF.at.
Wie geht es einer Psychoanalytikerin heute im Iran?

Gohar Homayounpour wurde in Paris geboren, hat in Kanada und Boston studiert, wo sie auch ihr Doktorat und eine psychoanalytische Ausbildung gemacht hat. Vor drei Jahren ist sie nach 20-jähriger Abwesenheit zurück nach Teheran gegangen.
Gohar Homayounpour: Die Lehren Freuds haben nirgendwo auf der Welt einen leichten Stand. Selbst in Wien nicht, wie Sie wissen, und auch nicht in Teheran. Deshalb hatte ich so meine Bedenken, dort eine private Praxis zu eröffnen. Ich war dann aber freudigst überrascht über die große Nachfrage: Innerhalb von drei Monaten war ich komplett ausgebucht und musste eine Warteliste erstellen. Freud war in Teheran so lebendig, wie ich es nirgendwo anders gesehen habe. Es gab ein riesiges Bedürfnis nach Hilfe. Menschen kommen überall auf der Welt aus den gleichen Gründen zur Psychoanalyse: wegen ihrer Probleme und der Hoffnung auf Heilung.
Ist die Psychoanalyse in Teheran institutionalisiert?
Homayounpour: Wie in jedem Land gibt es sehr viele Psychiater und Psychotherapeuten im Iran, sie werden an den medizinischen Universitäten auch sehr gut ausgebildet. Es gibt aber kein psychoanalytisches Institut und somit keine kohärente Gruppe. Immer wenn ein Analytiker aus dem Ausland zurückkommt, sammelt er oder sie ein paar Leute um sich, die sie ausbilden. Das gilt auch für mich. Ich behandle Menschen, sie sind bei mir unter Supervision und sie werden von mir unterrichtet.
Daraus entwickelt sich so etwas wie die Struktur eines Instituts, es gibt aber keines im engeren Sinn. Und das obwohl Farsi eine der Sprachen ist, in die neben den Hauptsprachen wie Englisch oder Französisch Freuds Werke als erste übersetzt wurden. Heute gibt es weniger als 20 ausgebildete Psychoanalytiker in ganz Iran, Teheran alleine hat knapp acht Millionen Einwohner. Derzeit gibt es einen in Paris ausgebildeten Lacanianer, die meisten anderen Psychoanalytiker wurden in Großbritannien oder den USA ausgebildet.
Internationale Tagung in Wien
Anlässlich des heurigen 70. Todestags von Sigmund Freud gibt es an diesem Wochenende die Tagung in Wien "Die Macht der Monotheismen - Psychoanalyse und Religionen", an der auch Homayounpour teilnimmt. Freuds letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk war "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" - der Ausgangspunkt für die Veranstaltung.
Das ist numerisch bescheiden: Gibt es aktuell eine "Wiederentdeckung" von Freud im Iran?
Homayounpour: Schwer zu sagen. Was aber sicher ist und wenig bekannt: Der Iran hat eine Kultur des Geschichtenerzählens. Wissen Sie, Iraner reden und reden und reden, man kann sie oft gar nicht unterbrechen. Erzählen und Zuhören hat eine lange Tradition, damit verbunden sind auch die Möglichkeiten der Heilung. Die westliche Psychoanalyse brachte zwar Neues, traf aber auf eine hohe Bereitschaft für eine talking cure. Wenn man die Saat der Psychoanalyse in den Iran trägt, geht sie sehr gut auf, weil die Bedingungen dazu gegeben sind.
Gohar Homayounpour über die Tradition des Geschichtenerzählens:
Neben Ähnlichkeiten gibt es auch eine Reihe von Unterschieden zwischen westlichen Gesellschaften und der iranischen - wenn man etwa an die Geschichte des Subjektivismus denkt. Um eine große Frage klein zu formulieren: Verhalten sich Ihre Patienten in Teheran so wie Patienten anderswo?
Homayounpour: Kulturelle und sprachliche Unterschiede sind natürlich wichtig. Ich denke aber, dass es zwischen den Menschen sehr viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit menschlichen Universalien. Überall auf der Welt sind die Probleme von Teenagern ähnlich, das betrifft auch das Leid gebrochener Herzen, Depressionen, Ängste etc. In einer Studie habe ich einmal den Unterschied zwischen griechischen und persischen Mythen untersucht, anhand der Erzählungen zu Ödipus und Rostam.
Was ist bei diesem West-Ost-Vergleich herausgekommen?
Homayounpour: Die Mythen sind einander sehr ähnlich, es gibt aber einen großen Unterschied: Im Gegensatz zu Ödipus ist es bei den Persern der Vater, der zum Schluss den Sohn tötet. Meine zentrale These des West-Ost Vergleichs lautet daher auch: Ödipus ist zwar universal, aber im Iran dominiert das Motiv des Söhne-Tötens, im Westen jenes des Vatermords. Wenn Sie symbolisch den Sohn töten, dann töten Sie den besten Teil von sich, Ihre Zukunft.
Deshalb gibt es in Ländern wie dem Iran viel mehr Depressionen als im Westen, wo eher Angsterkrankungen vorherrschen. Wer seinen Vater tötet, bekommt Angst, weil er seine Vergangenheit getötet hat. Das sind also kulturelle Unterschiede, aber die grundlegenden Bedingungen des Menschen sind überall gleich. Und das macht auch die Schönheit der Psychoanalyse aus.
Lukas Wieselberg, science.ORF.at
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