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Varianten des Bakterienstamms Pseudomonas fluorescens

Bakterien gehen auf Nummer sicher

Um zu überleben, passen sich Lebewesen genetisch an ihre Umwelt an. Ändert sich diese zu schnell, ist die Art bedroht. Bakterien entgehen dieser Gefahr, indem sie auf gut Glück unterschiedliche Nachkommen mit gleichem Erbgut erzeugen.

Evolutionsstrategie 04.11.2009

Langwierige Anpassungen

Die Welt, in der wir alle - Mensch, Tier und Pflanze - leben, ändert sich ständig. Alle Arten sind gezwungen, sich permanent an neue Lebensbedingungen anzupassen. Das heißt, sie müssen auf Umweltfaktoren reagieren, um überlebensfähig zu bleiben. Genetische Anpassungen sind allerdings ein eher langwieriger evolutionärer Prozess.

Der Phänotyp ist das äußere Erscheinungsbild einer Art, in dem sich auch erworbene Eigenschaft spiegeln, im Gegensatz zum Genotyp, der die gesamte genetische Ausstattung eines Organismus umfasst.

Tatsächlich verändert sich die Umwelt oft sehr schnell, andere Strategien sind daher gefragt. Eine Möglichkeit sind zufällige Veränderungen des Phänotyps in mehrere Richtungen. Das Risiko wird durch die Streuung minimiert. "Nicht alles auf ein Karte setzen" ist offenbar nicht nur im Casino und bei Geldgeschäften sinnvoll, sondern auch im echten Leben, genauer gesagt bei der Fortpflanzung.

"Nicht alles auf eine Karte setzen"

"to hedge a bet" bedeutet im Deutschen so viel wie "auf Nummer sicher gehen (das Risiko minimieren)"

In der Biologie sind derartige Strategien unter den Namen "bet-hedging" schon länger bekannt. Im Evolutionsgeschehen stellt bet-hedging nicht die übliche Anpassung an die Umgebung dar, bei der sich die Träger vorteilhafter Mutationen gegen andere Individuen durchsetzen, die diese Mutation nicht aufweisen.

Vielmehr handelt es sich um eine Strategie, bei der von einer Generation Nachkommen produziert werden, die zwar genetisch identisch sind, sich aber in ihrer Anpassung an die jeweilige Umwelt unterscheiden: Einige Nachkommen sind an die bestehenden Umweltbedingungen optimal angepasst, während sich andere Nachkommen unter völlig anderen Bedingungen am wohlsten fühlen würden.

Bei einer schnellen und dramatischen Änderung der Umgebung, können sie aber plötzlich im Vorteil sein und dadurch das Überleben der Art sichern. Der evolutionäre Vorteil dieser "bet-hedging"-Strategie ist dabei umso größer, je drastischer und unvorhersehbarer sich die Umweltbedingungen ändern. Bakterielle Krankheitserreger besitzen beispielsweise solche Mechanismen zur Risikostreuung: Indem genetisch identische Zellen unterschiedliche Oberflächen ausbilden, entkommen einige der Erreger dem menschlichen Immunsystem. Weitere Beispiele sind aus dem Tier- und Pflanzenreich bekannt.

Aus Vorteilen werden Nachteile

Unterschiedliche Varianten des Bakterienstamms Pseudomonas fluorescens
Bei diesen Bakterienkolonien sind die Varianten an der unterschiedlichen Beschaffenheit der Oberfläche zu erkennen.

Für ihre aktuelle Studie haben die Forscher rund um Christian Kost vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena Bakterien der Art Pseudomonas fluorescens untersucht.

Pseudomonas fluorescens vermehren sich sehr schnell, nämlich alle 52 Minuten. Aufgrund ihrer kurzen Generationszeit sind sie besonders geeignet, Evolution im Reagenzglas zu beobachten. Außerdem können neu entstandene Mutationen in der DNA aufgrund ihres relativ kleinen Genoms vergleichsweise leicht gefunden werden.

Für ihre Experimente setzten die Wissenschaftler Pseudomonas-Stämme abwechselnd ungeschütteltem oder geschütteltem Nährmedium aus, um so Varianten zu erzeugen, die aufgrund vorteilhafter Mutationen im Erbgut entweder "geschüttelt" oder "ungeschüttelt" einen Vorteil hatten. In beiden Umwelten musste sich also jede durch Mutation neu entstandene Variante, gegen alle nicht mutierten Vertreter des Ausgangsstammes durchsetzen.

Unter der Annahme, dass sich eine Variante, die sich äußerlich von ihrem Vorgänger unterschied (zum Beispiel glatte vs. raue Oberfläche), auch gegen diesen durchgesetzt hatte, wurde der jeweils häufigste Vertreter dieser neuen Varianten ausgewählt und der jeweils anderen "Umwelt" ausgesetzt. Eine für das geschüttelte Nährmedium vorteilhafte Mutation wurde dadurch zum Nachteil im ungeschüttelten Medium und umgekehrt. Deshalb mussten neue Mutationen und damit neue Varianten entstehen, die diesen Nachteil wieder kompensierten. Kaum hatten sich die Bakterien also an eine Umgebung angepasst, wurden sie gezwungen, sich erneut umzustellen.

Ein Genotyp, mehrere Varianten

Durch den ständigen und regelmäßigen Wechsel zwischen geschütteltem und ungeschütteltem Medium entstanden nach kurzer Zeit Typen mit gleicher genetischer Ausstattung (Genotypen), die immer zwei verschiedene Varianten erzeugten. Sie erwiesen sich in weiterer Folge als die Erfolgreicheren im Bakterienpool.

Eine Genanalyse ergab, dass beide Varianten auf genetischer Ebene absolut identisch waren. Insgesamt unterschied sich der bet-hediging-Genotyp durch neun Mutationen vom Ursprungsstamm, mit dem das Experiment gestartet worden war.

"Unsere Experimente belegen, dass Risikostreuung eine sehr erfolgreiche Anpassung an sich rasch ändernde Umweltbedingungen ist. Denn wenn ein und derselbe Genotyp gleichzeitig mehrere Varianten hervorbringt, kann er schneller auf starke Änderungen der Lebensbedingungen reagieren", sagt Christian Kost. Und Paul Rainey, Leiter der Studie an der Massey University Auckland ergänzt: "Bet-hedging war möglicherweise eine der ersten Strategien von Organismen, um sich an immer wieder wandelnde Umweltbedingungen auf der Erde anzupassen. Dies lässt sich aus der Leichtigkeit schließen, mit der die Strategie in unseren Experimenten entstand."

science.ORF.at

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Forum

 
  • sehr gescheit,

    iniquity, vor 927 Tagen, 23 Stunden, 15 Minuten

    daher haben die bakterien wohl alles in der bisherigen erdgeschichte überlebt ... wird man dereinst von der menschheit nicht behaupten können :-P

  • es ist ja das gesamte individuum im den genen codiert

    albundyfan, vor 928 Tagen, 1 Stunde, 24 Minuten

    wie kann es also sein, daß 2 bakterien genetisch ident sind udn trotzdem unterschiedliche oberflächen ausbilden?

    wodurch wird das aussehen/art der oberfläche gesteuert?

    oder sind sie doch nur soweit ident, daß der teil der gensequenz der für die oberflächenbildung verantwortlich ist nicht ident ist, und der große rest ident und im artikel das einfach falsch ausgedrückt wird?

    • das kann sein,

      mantispa, vor 928 Tagen, 55 Minuten

      wenn son schreiberling überhaüpt nichts versteht von.
      zb. gilt das, was er hier als besonderheit der bakt. ausgibt, uneingeschränkt für alle lebewesen.

    • antispam, vor 928 Tagen, 34 Minuten

      Das beweist halt wiedermal, das Gene einer Bibliothek ähneln, und keiner Blaupause.

      Wenn sich 3 Mädel einen Gedichtband aus der Bibliothek holen, dann weiß doch auch niemand, wer welches Gedicht liest.
      Nichtmal, ob die Traurige was trauriges liest um sich so richtig verstanden zu fühlen oder was lustiges, um auf andere Gedanken zu kommen.

    • fünfter Absatz im Text, letzter Satz:

      mynona, vor 928 Tagen, 25 Minuten

      "Weitere Beispiele sind aus dem Tier - und Pflanzenreich bekannt."
      Und "Phänotyp" wird als Stichwort gegeben.
      Es braucht eine kleine Anstrengung, um aus dem Artikel "schlau zu werden", wieviel Interesse hat der Leser, wieviel Bereitschaft, nachzuschlagen, wieviel Vorkenntnis, und so weiter. Da gibt es keine Ideallösung (ich hätte selbst gern eine).
      Sollen wir es aufgeben, über solche Forschungsergebnisse zu berichten, weil das nicht geht, weil die ignoranten Redakteure nur Fehler machen und die nichtvorgebildeten Leser alles in den falschen Hals bekommen, oder wie?
      @albundyfan Es ist also in der Entwicklung der Lebewesen von vorn herein "vorgesehen", dass manche Ausprägungen erst in Wechselwirkung mit der Umwelt entstehen, also der Phänotyp. Damit können unterschiedliche Phänotypen vom gleichen Genotyp ("gleiche Gensequenz") sein.

    • @mynona

      albundyfan, vor 927 Tagen, 21 Minuten

      im artikel steht genau das was ich geschrieben habe "genetisch ident"...

      es geht mir nur darum, daß das andem artikel nicht stimmen kann weil sie eben nicht "genetisch ident" sind.

    • mynona, vor 927 Tagen, 2 Minuten

      dann habe ich deine Frage nicht verstanden, tut mir leid. Dieser Artikel hat: "... entstanden nach kurzer Zeit Typen mit gleicher genetischer Ausstattung (Genotypen), die immer zwei verschiedene Varianten erzeugten ..." zwei Phänotypen also. Wo steht, dass diese eben nicht genetisch identisch seien, finde ich jetzt nicht.

      Dieser Text möchte ein Beispiel für das allgemein schon lange bekannte Prinzip Genotyp - Phänotyp geben. Heute im Angebot: Bakterien. Keine Sensation, nur ein kleines Puzzleteilchen. Aber die Autoren möchten zu gerne die gesamte Biologie an diesem Versuch erklären, was offensichtlich schief gegangen ist hier, leider.