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Teile der englischen Königsfamilie

Ahnenforschung wird wieder beliebter

Genealogien sind eine weit verbreitete Möglichkeit der Ordnung von Subjekt und Welt: von der Legitimation adeliger Herrschaft bis zur Definition jüdischer Abstammung im Nationalsozialismus. Hatte die Ahnenforschung bisher einen eher belächelten oder ideologisch kritisierten Status, erfreut sie sich heute neuer Beliebtheit.

Ethnologie 09.11.2009

Die populäre Familienforschung dient als Zuarbeiterin für staatliche Archive und als Mittel zur Familienerweiterung auf historischem Umweg. Davon berichtet die Ethnologin Elisabeth Timm in einem Gastbeitrag.

Kein Zerfall der Familie

Elisabeth Timm

In den Medien und in der Politik der modernen bürgerlichen Gesellschaft dominiert bis heute die These eines ‚Zerfalls der Familie’. Diese Annahme, nach der Vertragsbeziehungen wie Erwerbsarbeit oder Sozialversicherungssysteme familiale Bindungen ersetzen (oder gar zerstören) würden, ist seit dem 19. Jahrhundert von sehr unterschiedlichen politischen Lagern vertreten worden: Die katholische Soziallehre formulierte das Subsidiaritätsprinzip (nach dem der Staat Individuen erst dann unterstützen solle, wenn die Familie dazu nicht mehr in der Lage ist) – andere Kriterien für staatliche Leistungen würden die Familie zerstören, so der Umkehrschluss.

Elisabeth Timm ist Assistentin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien und IFK-Research fellow. Sie forscht über die Geschichte und Gegenwart der Genealogie und leitet ein wwtf-finanzierte Forschungsprojekt zur visuellen und materiellen Kultur von Familien in zwei Wiener Bezirken („Doing kinship with pictures and objects: a laboratory for private and public practices of art“)

Aber auch Karl Marx und Friedrich Engels formulierten im Kommunistischen Manifest (1848), dass die „Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, (…) kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen (hat) als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung’." Diese These vom Zerfall der Familie in der Moderne ist schon seit langer Zeit von der historischen und soziologischen Forschung widerlegt worden.

Erweiterung von Familie

Ganz im Gegenteil zu dieser Behauptung ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine außerordentliche Erweiterung von Familie zu beobachten: Die umfangreichste Erweiterung war sicherlich die Gleichstellung von nichtehelich mit ehelich geborenen Kindern. Mehrfaches Heiraten oder neue Partnerschaften nach Scheidungen oder das Zusammenleben von Paaren mit Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen führt zu so genannten Patchworkfamilien, die ebenfalls (oft in drei lebenden Generationen) weit über das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie hinausreichen.

Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind ein weiteres Element der umfassenden Entwicklung einer Neuordnung dessen, was einmal Vater-Mutter-Kinder waren. Und nicht zuletzt bringt die Nutzung von Reproduktionsmedizin bisher unbekannte Kombinationen von biologischer, genetischer, sozialer, leiblicher Verwandtschaft hervor.

Aus dem Archiv ins verwandtschaftliche Netzwerk

Gegenwärtig ist zudem eine Erweiterung der Familie zu beobachten, die auch die Vergangenheit einschließt: Familienforschung, das Recherchieren von Vorfahren in Archiven und Datenbanken, ist eine populäre Massenbewegung geworden. Was in der Habsburgermonarchie noch ein hohes Amt am Hof mit dem langen Titel „Ahnenprobenexaminator“ war, ist eine Beschäftigung von vielen geworden.

Die erste genealogische Massenbewegung gab es in der Zeit des Nationalsozialismus: Nicht nur weil es im Rahmen der Nürnberger Gesetze erforderlich war, sondern aus rassistischem und antisemitischem Interesse heraus hatten die genealogischen Vereine einen enormen Zulauf und verzeichneten stark steigende Mitgliederzahlen.

Das erneut massenhafte Interesse an Genealogie seit Mitte der 1980er und verstärkt seit Ende der 1990er Jahre (ablesbar etwa an den Mitgliederzahlen einschlägiger Vereine) lässt sich aber keinesfalls auf eine Erbschaft des Nationalsozialismus reduzieren – schon allein deshalb nicht, weil es sich um eine weltweite Entwicklung handelt; und es läßt sich auch nicht reduzieren als eine Popularisierung etwa genetischen Denkens.

Neue Genealogie

Während das Interesse auch der bürgerlichen Genealogen Ende des 19. und im 20. Jahrhundert lange adeliger Herkunft (oder, als antisemitischer Variante, „arischer“ Herkunft) galt, ist das heute anders. Ich habe für ein Forschungsprojekt zahlreiche dieser Genealoginnen und Genealogen befragt und interviewt, ihre öffentlich zugänglichen Präsentationen auf Webseiten untersucht und genealogische Mailinglisten verfolgt.
Die Genealogen und Genealoginnen von heute treffen zwar aus der Fülle an möglichen Rechercherichtungen stets eine Wahl, diese aber ist nicht mehr durch Hoffnung auf adelige Herkunft, Beschränkung auf die väterliche Linie oder andere dominierende Elemente gesellschaftlicher Ordnungen geprägt.

Persönliche Form von Geschichtskultur

Vielmehr spielen Zufallsfunde, Bearbeitung von Konflikten und Auseinandersetzungen in der aktuellen Familie, aber auch pragmatische Entscheidungen (Erreichbarkeit von Archivbeständen) oder Interesse an bestimmten historischen Epochen eine zentrale Rolle. Die Genealoginnen und Genealogen eignen sich – auch wenn sie nicht über höhere Schulbildung oder ein Studium verfügen – enorme Wissensbestände über die Verwaltungs-, Herrschafts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Europas an; sie kennen sich aus in historischen Münz-, Maß- und Gewichtseinheiten; sie erwerben paläographische Kenntnisse (Lesen alter Schriften) und eine außerordentlich detaillierte Kenntnis in Quellenkunde und Quellenkritik der schriftlichen Überlieferung der staatlichen, kommunalen und kirchlichen Verwaltungen der letzten Jahrhunderte.

Da sie meist schon nach zwei Generationen auf die üblichen Migrationsbewegungen auch in ihrer Familie stoßen werden sie gewahr, dass ganz Europa in den letzten Jahrhunderten in Bewegung war – manche denken sich aber dennoch weiterhin einen Ort ihrer Familiengeschichte als den Herkunftsort. Auf diese Weise entsteht zudem eine sehr persönliche Form von Geschichtskultur und von historischem Wissen, das in den politischen und medialen Diskussionen über Denkmäler und in der Forschung über historisches Erinnern bisher keine Berücksichtigung fand.

Digitale Datenmengen in neuem Ausmaß

Befördert wird dies auch durch die intensive Vernetzung der populären Genealogie über das Internet und durch die kundige Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien: Übersetzungs- und Lesehilfen sowie Zufallsfunde und Such- oder Interpretationsanfragen zu einem Matrikeneintrag werden über Mailinglisten und in Internetforen ausgetauscht. Dabei werden digitalisierte Massendaten in historisch völlig neuem Ausmaß geschaffen.

Das brachte auch ein neues Interesse der Archive an den Ergebnissen dieser privaten Forschungen mit sich: Während die Genealoginnen und Genealogen lange als lästiger Archivbesuch abgetan wurden und zahlreiche Witze über ihre Fehler und Hoffnungen auf adelige Herkunft kursierten, sprechen die Archive sie heute als Kundschaft an.

In mehreren Fällen gibt es gar gemeinsame Initiativen, bei denen Rechercheergebnisse aus der populären Genealogie (z.B. Personendatenbanken, Orts- und Personenregister zu einem Quellenbestand) wieder in die Archive zurückgespeist werden. Die Dimensionen und Dynamiken dieser Form einer sich selbst dokumentierenden und selbst schaffenden ‚Bevölkerung‘ in verdateter Form sind bisher kaum untersucht worden.

Soziale Erweiterung der Familie

Nicht selten knüpfen die Genealoginnen und Genealogen auch Kontakte zu lebenden Verwandten, die die nur aufgrund ihrer Ahnenforschung als Verwandte identifizieren konnten – manchmal entstehen daraus sehr enge persönliche Beziehungen. Auf diese Weise kommt es auf historischem Umweg zur sozialen Erweiterung von Familie.

Es kann nicht als Zufall verstanden werden, dass diese Erweiterungsprozesse gleichzeitig mit dem Rückzug aller europäischen Wohlfahrtsstaaten aus vielen Sozialleistungen (und deren Rückverlagerung in die Familien) geschehen. Die massenhafte Erweiterung von Familie mittels Ahnenforschung ist somit kein Kuriosum privater Leidenschaften, sondern Indikator und Praxis von politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen.

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Forum

 
  • unterm hitler

    schäferdackel, vor 823 Tagen, 20 Stunden, 54 Minuten

    haben die leute bevor sie geheiratet haben einen ahnenpaß vorlegen müssen als nachweis, dass sie arier sind...

    • Soso, ein 6000 järiges Reich also.

      geoid, vor 823 Tagen, 8 Stunden, 12 Minuten

      Ach Indo - Iraner hat es damals noch gegeben? Das ist ja interessant.

      Ist das jetzt so eine Stammtisch Phrase oder bezwecken sie etwas mit dieser Wortmeldung?

  • Vereine in Österreich

    jessica, vor 824 Tagen, 8 Stunden, 8 Minuten

    Auch in Österreich gibt es genealogische Vereine, die beim Forschen helfen.

    Der ADLER http://www.adler-wien.at/wDeutsch/index.shtml für die adeligen Kreise und FAMILIA AUSTRIA für alle anderen http://www.familia-austria.at/

    Für Vorarlberg gibts auch noch die IGAL http://www.igal.at/

    Jessica

  • WARNUNG vor verwandt.at bzw. verwandt.de ...

    guko, vor 824 Tagen, 9 Stunden, 14 Minuten

    Leider kriegt man dort den Datenschutz nicht in den Griff! Trotz strengster Datenschutzeinstellungen (keine Veröffentlichung des Stammbaums) sind alle Daten öffentlich abfragbar!

    Urgiert man, wird man nur vertröstet... man wisse von dem Problem und arbeite daran!

    • sonderbar.

      mantispa, vor 824 Tagen, 7 Stunden, 37 Minuten

      da man sich ahnen wie verwandte ja wirklich nicht "aussuchen" kann und diese in unserer demokratie ohnehin wertneutral (!) zu betrachten sind, kann es keinen grund geben, hier großen wert auf datenschutz zu legen. in usa, woher dieser trend nun zu uns schwappt, sind seit jahrzehnten riesige stammbaumlisten online, ohne dass man sich (zu recht) viel drauf "einbilden" könnte. natürlich konnte mr. reagan von einem frühmittelalterlichen irischen könig abstammen, aber das können bei der zeitl. distanz millionen anderer leute auch, und lückenlos und zweifelsfrei beweisbar ist es wohl bei den wenigsten.

    • mehr als sonderbar!

      guko, vor 823 Tagen, 4 Stunden, 36 Minuten

      wenn ich mit anderen Familienmitgliedern zusammen ein Internetportal nutze um dort einen Stammbaum anzulegen und nicht will, dass der in aller Welt zu sehen ist, dann ist das wohl legitim... zumal dort entsprechende Vertraulichkeits-Einstellungen angeboten werden.

      Dieses Recht lasse ich mir auch von einem Fliegenfreund nicht absprechen...

      Übrigens: verwandt.at (verwandt.de usw...) hat die Sache mittlerweile korrigiert und die Vertraulichkeitseinstellungen dürften nun ziehen! Möchte meine Warnung daher zurücknehmen!

  • Freunde kann man sich aussuchen-----Verwandte nicht.

    bildschnitzer, vor 824 Tagen, 11 Stunden, 17 Minuten

    Dieser Satz hat im Zeitalter von Facebook und Google ein bisschen seiner Schärfe verloren. Man findet plötzlich derart viele Verwandte, dass mans sich´s dann doch aussuchen kann, mit wem man in Kontakt tritt. Beim Bundesheer in Glasenbach hatte ich das Schreckerlebnis, mit Ausläufern der "Nationalsozialistischen Ahnenforschung" zusammenzustossen. Ein pensionsreifer Offizier holte mich zur "Vieraugenaussprache" in seine Kanzlei, und teilte mir mit, ich würde "einer der ältesten Erbhofsippen der Alpen entspringen". Und er wollte, dass ich irgendeinem Militärreitklub beitreten sollte. Ich hab das staunend meinem Vater telefoniert, und der hat mir nur entsetzt geantwortet: "Das haben mir seinerzeit die Nazibuam auch g´sagt.----Net anstreifen--schau dass´d dort schnellstmöglich lebend rauskommst!" (Mein Vater hatte als Berufssoldat beide Weltkriege überlebt und unterstützte 1945 die O5)

  • was braucht man Ahnenforschung?

    kaharatschonbonatschon, vor 824 Tagen, 17 Stunden, 11 Minuten

    wir stammen doch eh alle vom Adam und der Evi ab.

    • antispam, vor 824 Tagen, 11 Stunden, 51 Minuten

      Aha, und wer war die Mutter von Kains Kindern?
      Auch Eva?

    • antispam, vor 824 Tagen, 11 Stunden, 45 Minuten

      Ach ja, deine Frage: Ronald Reagan soll sich ungemein geehrt gefühlt haben, dass er von einem bestimmten König Irlands oder Schottlands abstammen soll.
      Seine Anhänger sollen diese Imagepolitur honoriert haben.

      Die im Artikel erwähnte Häme machte sich darauf in Europa ähnlich lustig wie du.

  • Ich habe Verwandte

    nitramsen, vor 824 Tagen, 18 Stunden, 55 Minuten

    und kümmere mich um sie. Trotzdem war mir Ahnenforschung ein wichtiges Thema, das ich in 3 Familientreffen (2002, 2005 und 2008) an die nächste Generation vermittelt habe, das die Informationen auch dankbar aufnahm.

  • Wer keiner Verwandten

    fettinger, vor 825 Tagen, 27 Minuten

    mehr hat oder sich nicht um sie kümmert, sucht halt nach Ersatz in der Vergangenheit.
    Der Zerfall der Familie trägt ja auch der Gesetzgeber rechnung indem er Neffen und Nichten von der Erbfolge ausschliessen will oder hat er dass schon durchgesetzt?

    • Geschwisterkinder...

      antispam, vor 824 Tagen, 22 Stunden, 48 Minuten

      ...gehören zumindest in Oberösterreich schon nicht mehr zu den Pflichterben.
      Wo keine Erben sind, fällt das Erbe an den Staat.

  • Blauäugig...

    antispam, vor 825 Tagen, 4 Stunden, 37 Minuten

    ...ist wer ignoriert, dass Verwandschaftsbeziehungen die Grundlage für Erbschaften sind.
    Eigentlich wäre es Sache des Staates, die Erbberechtigten ausfindig zu machen, aber der tritt das angeblich wegen Überlastung an sog. Erbenermittler ab.
    Die kassieren für die angeblich ach so mühsame Ermittlungstätigkeit bis zu 25% des Erbes. Anders gesagt, jedes vierte Haus bekommen nicht die rechtmäßigen Erben, sondern diese legalen Erbschleicher.

    Was Wunder, das Kirchen (Mormonen!) da mitmischen, führen die doch schon immer die besten Nachweise.

    • geologic, vor 825 Tagen, 1 Stunde, 46 Minuten

      die Auskünfte bei den Mormonen sind kostenlos; hierzulande sind die Taufbücher oft die einzige Auskunftsquelle und da kostet die Auskunft auch nicht viel

    • antispam, vor 824 Tagen, 22 Stunden, 38 Minuten

      Ja - eben - kostenlos und sehr leicht zu erhalten. Ohne Amtsgerichte geht aber danach weiter nichts, und die überlassen die Sache meist privaten Erbenermittlern.

      Als mutmaßlicher Miterbe wird man dann ausgefragt, damit Verwechslungen ausgeschlossen sind. Das ist aber meist auch schon die ganze "Arbeit".

      Apropos Mormonen: wenn die einzigen Erben eines reich gewordenen Tirolers in Utah sind, dann werden die ihre Kirche schon nicht darben lassen.

  • m.E.

    geologic, vor 825 Tagen, 5 Stunden, 15 Minuten

    liegt der Grund eher darin, dass sich Familien immer mehr zerstreuen durch die erhöhte Mobilität. Darum ist das Interesse größer zu erfahren wo man denn eigentlich herkommt.
    Noch dazu ist es durch PC und Internet einfacher geworden. Schlußendlich sind auch viele Genealogie-Programme verfügbar.

    • ist mir auch aufgefallen

      iggi, vor 824 Tagen, 20 Stunden, 25 Minuten

      dass der gastexperte den familienzerstreuenden effekt durch erhoehte mobilitaet/migration in der modernen anscheinend vergessen hat. dafuer gabs was herumgedeutel ueber katholische soziallehre und karl marx.