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Aufklärung von oben oder Stillstand?

Bei den Protesten an den Unis gibt es einen seltenen Gleichklang vieler Professoren und Studenten. Obwohl auch er die Bologna-Reform für eine oktroyierte Aufklärung hält, kritisiert der Philosoph Herbert Hrachovec auch ihre Kritiker - vielleicht ist "europäischer Josephinismus" doch produktiver als Stillstand, meint er in einem Gastbeitrag.

Uniproteste 25.11.2009

Die Bolognareform: Europäischer Josephinismus

Von Herbert Hrachovec

Porträtfoto Herbert Hrachovec

Herbert Hrachovec ist außerordentlicher Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien.

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Kaiser Joseph II, der Sohn Maria Theresias, war ein aufgeklärter Herrscher. Er hat die Leibeigenschaft aufgehoben und ein Toleranzpatent für Andersgläubige erlassen. Er hat die Staatsverwaltung gründlich reformiert und daher stammt sein teilweise schlechter Ruf.

Die Bürokratie wurde verstärkt. Die politischen Einsichten und guten Absichten der Führungselite der Monarchie wurden als Maßstab dekretiert. Die Aufklärung sollte von oben kommen. Das Volk hingegen war an vielen Stellen „nicht so weit“. Strategisch weitblickendes Verhalten kann Repression sein, wenn es staatlich verordnet wird.

Die Bolognareform ist zu radikal im Sinn des Josephinismus. Ein europäisches Gremium hat sich einige Neuerungen einfallen lassen, die gegen jahrhundertalte Gepflogenheiten gerichtet sind. Die österreichische Regierung hat diese Richtlinien an die Universitäten weitergeleitet. Dort wurden sie – manche Betroffene befanden sich im Halbschlaf – implementiert. Jetzt sind die schlummernden Löwen aufgewacht.

Streitpunkte: ECTS-Punkte ...

Ein Beispiel: Jeder ist gegenwärtig gegen das ECTS-Punktesystem. Es ist eine klassisch josephinistische Kreation. Die weltverbesserische Idee besteht darin, dass die zweistündige Lehrtätigkeit der Professorinnen nicht mehr das Maß aller Dinge sein soll. Stattdessen gilt die Arbeitszeit der Studierenden als Richtwert. Der Lernstoff wird nach der Zeit aufgeteilt, den man zu seiner Bewältigung braucht.

Die Konzeption ist ausgezeichnet, die Verwirklichung grottenschlecht. Wie sollen tausende Lehrende von heute auf morgen ihr Weltbild und dann noch ihre Hochschuldidaktik ändern? Und das auf Zuruf einer europäischen Expertengruppe? Die Zumutung ist ein geradezu klassischer Fall oktroyierter Aufklärung.

... und Modulsystem

Noch ein Streitpunkt: die Modularisierung.In zwei- oder mehrstündigen Lehrveranstaltungen wurde das Wissen der Disziplin bis vor der Reform scheibchenweise und meist ohne Zusammenhang mit anderen Scheibchen vermittelt. Dagegen wird nun eine integrativere Betrachtung verfügt.

Nicht eine Schnitte aus der deutschen Literaturgeschichte, sondern eine abgestimmte ganzheitliche Präsentation. Auch hier ist die Idee der Verwirklichung meilenweit voraus. Das kommt davon, wenn Herrscher Revolution machen.

Übereilter Reformismus vs. Standesprivilegien

Wir sind jetzt so weit, dass Lehrende und Studierende sich auf ein traditionsgepflegtes, praktisch ganz undurchführbares, Vorbild aus dem 19. Jahrhundert berufen. Sie tun das als Gegenwehr gegen eine Umstrukturierung, die nicht von ihnen ausgedacht und getragen wurde. Ginge es nach dem Unisono vieler Professorinnen und Studenten könnte alles so bleiben, wie es ist. De facto heißt das: der Ahnenverehrung ist Tür und Tor geöffnet.

Ein übereilter Reformismus trifft auf die Verteidigung überkommener Standesprivilegien. Keines der beiden Anliegen ist unberechtigt. Die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen kann sich auch in „gekrönten Häuptern“ ausbreiten. Sie ist kein Privileg der linken Intelligenz. Unter diesen Umständen werden die Regierten allerdings zum Widerstand an die guten alten Zeiten verwiesen.

Ich überlege, ob angesichts der vielfältigen Blockaden, die unsere Bildungspolitik beherrschen, der Josephinismus nicht eine vergleichsweise produktive Option darstellt.

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Forum

 
  • faszikel, vor 808 Tagen, 13 Stunden, 37 Minuten

    Die Idee des ECTS ist sehr gut. Das größte Problem von Bologna liegt eher an der Art der lokalen Umsetzung. Hier Erfahrungen aus einem Studium, das bereits 2001 umgestellt wurde:

    Vor der Umstellung gab es ein fünfjähriges Diplomstudium in zwei Studienabschnitten. Der rasche Abschluss des zweijährigen ersten Studienabschnitts brachte keinen Titel dafür aber Firmeneinladungen. War also Not am Mann, wurden eben schon ab dem ersten Studienabschnitt eingestellt. Es kamen am Papier zwar weniger Absolventen aus dem Studium, oder diese benötigten länger, dennoch erfüllte die universitäre Ausbildung ihren Zweck.

    Durch das dreijährige Bachelorstudium gibt es diesen ersten Studienabschnitt nicht mehr. Der Aufwand für das dreijährige Bachelorstudium entspricht etwa 4 Jahren des bisherigen Diplomstudiums. Unter anderem auch, weil bürokratische Hürden eingeführt wurden, die effektiv zu einer Verlangsamung des Studienforschritts führen. Bricht man ab, hat man gar nichts - nicht einmal den "informellen" Abschluss des ersten Studienabschnitts. Schließt man es ab, hat man einen unaussprechlichen anglomanen Titel, der eher an ein Bacchanal erinnert und eingedeutscht werden müsste. Bologna verbietet das überhaupt nicht.

    Jedenfalls sind das Probleme der lokalen Umsetzung.

    -

    Bedauerlich ist nur, dass sich der Autor zu ahistorischen Äußerungen wie "Er (Joseph II) hat die Staatsverwaltung gründlich...

    • Anmerkungen zum Josephinismus

      faszikel, vor 808 Tagen, 13 Stunden, 35 Minuten

      Bedauerlich ist nur, dass sich der Autor zu ahistorischen Äußerungen wie "Er (Joseph II) hat die Staatsverwaltung gründlich reformiert und daher stammt sein teilweise schlechter Ruf" hinreißen lässt. Einen schlechten Ruf hat er bestenfalls bei jenen wenigen Orden, deren bedenkliche Bettelpraxis eingestellt wurde.

      Auch die "Aufklärung von oben" ist eine Erfindung des 19. Es war eher ein sehr offener Prozess. Stichwort Zensurwesen! Die Verordnungen sind ausführlich begründet (wo gibt's das heute?), deren Urheber werden namentlich genannt etc. Als Lektüre kann man da eigentlich nur diese Texte selbst, also das "Handbuch" (... in einer sistematischen Verbindung) *während* seiner Regentschaft erschienen empfehlen. (Verlegt bei Joh. Georg Moesle). Das Konvolut von 1817 im RIS (bzw. ALEX) ist dazu nicht geeignet, wird aber oft selbst von Historikern verwendet.

  • onza, vor 809 Tagen, 19 Stunden, 18 Minuten

    naja und es kann in einem vereinten europa net sein dass alle englische titel verwenden müssen.

    • oelzi, vor 809 Tagen, 18 Stunden, 42 Minuten

      vereintes Europa oder vereinheitliches Europa ? Von vereint seh ich nichts, von vereinheitlicht allerdings schon ...

    • naja, aber

      mantispa, vor 809 Tagen, 18 Stunden, 41 Minuten

      alte lateinische (bacchalaureus, magister, doctor) doch noch weniger, nicht?

    • observador, vor 809 Tagen, 17 Stunden, 19 Minuten

      >mantispa. Wieso? Sind wir etwa, mit kultureller Großzügigkeit betrachtet, nicht eher alle Römer, als Anglosachsen?! Außerdem die mittelalterliche und neuzeitliche Tradition!...
      Die Dichotomisierung von "vereint" und "vereinheitlicht" ist sehr treffend!

    • muriem, vor 809 Tagen, 16 Stunden, 15 Minuten

      wir sind germanen!

      das war schon immer ein ganz eigenartiges grüppchen von menschheit.

  • jedi, vor 809 Tagen, 21 Stunden, 52 Minuten

    Auf einen der hauptkritikpunkte, der verschulung des systems geht er überhaupt nicht ein!
    Studien so umzubauen, dass nach 6 sem ein zwischentitel (bakk.) verliehen werden kann ist insbesondere in technisch/naturwissenschaftlichen studien nicht sehr sinnvoll, denn in diesem zeitraum wird grundlagenwissen angeeiget.
    Studiengebühren? Auch dazu kein wort!
    Aufnahmeprüfungen? Auch dazu nichts!

    Im gegenzug kann ich mich nicht erinnern dass einer der grossen kritikpunkte die ECTS-credits waren...