
Schachspieler halten sich ans Gesetz
Der, die, und
In deutschsprachigen Texten kommt laut einer Liste der Universität Leipzig das Wörtchen "der" am häufigsten vor, gefolgt von "die" und dem Bindewort "und". Sieht man sich die Zahlen etwas genauer an, fällt auf: Sie scheinen eine Verbindung mit den Rängen der Liste einzugehen. "Der" wird nämlich etwa zehnmal so häufig gebraucht wie "sich", das Wort auf Platz 10, etwa hundertmal so häufig wie "sagte", jenes auf Platz 100, und etwa tausendmal so häufig wie "bezeichnet", jenes auf Platz 1.000.
Der US-Linguist George Kingsley Zipf hat dieses (nun nach ihm benannte) Gesetz erstmals beschrieben. Die Sprache ist aber nicht der einzige Bereich, in dem Rang und Frequenz von Dingen durch ein geheimnisvolles Band verbunden sind.
Ein Gesetz für alle Disziplinen
Das Zipf'sche Gesetz gilt auch für die Einwohnerzahlen von Städten, die Einkommensverteilung, die Häufigkeit von DNA-Sequenzen, die Popularität von Websites und die Zitate wissenschaftlicher Arbeiten. Sowie für Schach, wie nun zwei Physiker zeigen.
Die Studie "Zipf’s Law in the Popularity Distribution of Chess Openings" (PDF) ist im Fachblatt "Physical Review Letters" erschienen.
Bernd Blasius von der Universität Oldenburg und sein Kollege Ralf Tönjes von der Ochanomizu-Universität Tokio haben mehr als eine Million Schachpartien analysiert und die Häufigkeiten der ersten 40 Züge bestimmt: e4 ist demnach, wenig überraschend, mit 45 Prozent der häufigste Eröffnungszug, gefolgt von d4 (35 Prozent) und Springer c3 (neun Prozent). Danach spalten sich die Varianten in einem Entscheidungsbaum auf - und tun der Zipf'schen Regel dabei offenbar Genüge.
Mode und Notwendigkeit
Bisher wurden viele Zipf'sche Verteilungsmuster mit einem Modell des Nobelpreisträgers Herbert Simon erklärt, das die charakteristische Reihung von Häufigkeiten als zufällige Selbstverstärkung von Moden betrachtet. Neue Internet-Links sind etwa eher auf populäre Websites denn auf unbekannte gerichtet, weswegen einmal vorhandene Rangfolgen im Netz zur Zementierung neigen. Das kann aber nicht der einzige Erklärungsansatz sein. Denn im Schach mag es zwar Modeerscheinungen geben, zufällig ist die Wahl der Züge indes nicht.
Robert Czepel, science.ORF.at


