
Denken vernetzte Hirne anders?
Das Medium, die Botschaft
Treffen einander ein paar Höhlenmenschen. Sagt der eine: "Wisst ihr was? Wir sprechen." Stille. Die anderen betrachten ihn argwöhnisch. "Was ist sprechen?", fragt ein zweiter. "Das ist das, was wir alle genau jetzt tun. Wir sprechen!" "Du bist verrückt", sagt ein dritter. "Von so etwas habe ich noch nie gehört." Sagt der erste: "Ich bin nicht verrückt! Du bist verrückt. Wir sprechen."
Bereits zum 13. Mal hat John Brockman namhaften Wissenschaftlern, Künstlern und Autoren zum Jahreswechsel knifflige Fragen gestellt. Anfang 2010 wollte er im Online-Forum "Edge" wissen:
Der Dialog stammt aus Brockmans Einführungsbeitrag zur jährlichen visionären Leistungsschau auf der Website "Edge" - und natürlich hat der umtriebige Autor und Netzwerker mehr damit im Sinn als steinzeitlichen Slapstick. Nämlich die Variation einer Idee, die auf den US-Philosophen Ned Hall zurückgeht. Hall meint, dass die großen Erfindungen der Geschichte sich von Anfang an besonders natürlich anfühlen, weil sie sofort von der Lebenswirklichkeit aufgesogen würden. So schnell, dass wir mitunter gar nicht bemerken würden, dass sich etwas fundamental Neues ereignet habe.
Die Entdeckung des Feuers, der Buchdruck, die Elektrizität wären naheliegende Kandidaten für diese Kategorie, Hall indes favorisiert die Erfindung des Sprechens als die größte aller historischen Errungenschaften. Brockman fügt hinzu: Das Internet könnte ihm diesen Rang streitig machen, weil es den Kern des menschlichen Denkens nachhaltig verändere: "Das Internet ist die unendliche Oszillation unseres kollektiven Bewusstseins, das mit sich selbst interagiert."
Generation Dummies?
Wie vorherzusehen steht Brockmans Eingangsdiagnose durchaus im Widerspruch zur Auffassung anderer Autoren. Andrian Kreye von der "Süddeutschen Zeitung" etwa attestiert dem Internet, "inhärent langweilig" zu sein. Es habe als technologischer Katalysator unser Leben zwar einfacher, schneller, zweckmäßiger gemacht. Mehr aber auch nicht. So gesehen sei von Revolution keine Rede.
Sein Branchenkollege Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "FAZ", sieht das noch ein wenig pessimistischer. Er hat für "Edge" zwar keinen Originalbeitrag verfasst, ist aber per Verweis auf sein Buch "Payback" vertreten, worin er das Internet als Syndrom globalen Kulturverlustes und intellektueller Verflachung kritisiert.
Die These wurde - mit veränderten Schwerpunkten - auch von anderen ventiliert. Etwa von Nicholas Carr, der unter anderem im US-Magazin "The Atlantic" die Frage stellte: "Macht uns Google dumm?" Oder, etwas konkreter formuliert: Macht uns das Überangebot an Information zu ziel- und ankerlosen Wesen, die den geistigen Fokus verloren haben?
"Als ich Carrs Essay las", schreibt Larry Sanger, "dachte ich augenblicklich: 'Sprich doch über dich selbst!'" Sanger, als Mitbegründer von Wikipedia und Citizendium, ein ausgewiesener Kenner der Netzkultur, kann mit derlei kulturpessimistischen Thesen relativ wenig anfangen. Erstens, weil es ihm verdächtig erscheint, wenn sich einzelne zu Diagnostikern der Gesellschaft aufschwingen und anderen erklären, in welchem (beklagenswerten) Zustand sie sich befinden. Und zweitens, weil die These vom Kulturverlust impliziert, dass im Web globale Kräfte am Werk seien, denen sich keiner entziehen könne.
Ankerlos im Strom der Information?
Sanger, der stattdessen das Netzkollektiv mit "libertär-individualistischem" Blick betrachtet, ruft seinen Lesern in Erinnerung: Niemand zwingt uns, die Zeit stundenlang im Netz totzuschlagen, Trashsites zu konsultieren und Hoaxes für bare Münze zu nehmen. Den Abschaltknopf am PC zu drücken, sei immer noch unsere Entscheidung. Und wer das nicht schaffe, sei eben selbst schuld, nicht das Internet. "Wenn du das Gefühl hast, du wirst immer mehr wie ein Schaf - dann blöke dich selbst!"
Eine nette Persiflage auf den gedrängten Duktus der E-Mail- und Blog-Sprache hat Bioinformatiker George Church abgeliefert. Sein Beitrag "Sorry, John, keine Zeit, die Edge-Frage zu beantworten", ein fahriges Assoziationsgewitter mit rekordverdächtiger Linkdichte, kommt zu dem Schluss: "Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der WWWind".
Die Realität schlägt zurück
Eine Reihe von Autoren haben Brockmans Frage ernst und wörtlich genommen und die menschliche Psyche in den Mittelpunkt ihrer Erörterungen gestellt.
Die beiden "Visual Artists" Eric Fischl und April Gornik etwa sehen eine Tendenz, die bereits mit der Verbreitung von Film und Fotografie eingesetzt habe. Schon diese hätten das Visuelle in einheitliche Formate gepresst, das Internet verstärke diesen Normierungsfluss - mit dem Resultat, dass echte "Erfahrungen durch Faksimiles ersetzt" würden.
Zu einer ähnlichen Diagnose, aber einem anderen Schluss kommt Brian Eno, Musiker, Komponist und Produzent. Er meint, dass gerade die permanente Verfügbarkeit digitaler Schattenerfahrungen zu einer Aufwertung des Authentischen geführt habe. "Ich stelle fest, dass die Leute den nichtreproduzierbaren Aspekten künstlerischer Arbeit mehr Aufmerksamkeit widmen." Das gelte im Übrigen auch für andere Berufe: "Buch- und Plattenläden, in denen die Verkäufer wirklich etwas von Büchern und Platten verstehen, werden häufiger."
Wir Kulturneuronen
Nicht fehlen bei der Suche nach Transformationen des Denkens darf freilich die biologisch inspirierte Theorie. William Tecumseh Fitch, ein an der Universität Wien forschender US-Biologe, sieht gewisse Ähnlichkeiten zwischen Internet und Nervensystem. Letzteres sei deswegen so bedeutsam, weil es Reizleitungen von Zelle zu Zelle möglich gemacht habe. Sie habe das Hormonsystem teilweise ersetzt, das nicht nur notorisch unscharf wirkt, sondern auch eine recht starre Befehlshierarchie aufweist.
Neuronen indes "sind Teamarbeiter, die Information aufbereiten und zu Gruppenentscheidungen kommen", meint Fitch - und betrachtet uns Menschen quasi als Kultur-Neuronen, als Teil eines "organisierten Kollektivs", das in ein "globales Gehirn" münden wird.
Alter Tanz für neue Hirne
"Vorwärts in die Steinzeit" wäre ein passender Titel für Helen Fishers Beitrag gewesen. Die Anthropologin von der Rutgers University findet, dass uns die sozialen Netzwerke des Internet an jenes Leben in Kleingesellschaften annähern, das unsere Vorfahren als Jäger und Sammler geführt haben.
"Wir glauben, es sei natürlich, eine völlig unbekannte Person in einer Bar zu treffen. Aber es ist viel natürlicher, davor schon ein paar Dinge über sie oder ihn zu wissen. Dating-Sites, Chatrooms und soziale Netzwerke stellen uns diese Details zur Verfügung. Sie ermöglichen es dem modernen menschlichen Gehirn, den Paarungstanz unserer Vorfahren fortzuführen."
"Gelallte Einfalt"
Ein recht ambivalentes Verhältnis zur modernen Informationstechnologie offenbart sich in den Beiträgen von Richard Dawkins und Aubrey de Grey. Dawkins ist bekennender Wikipedianer, hat aber etwas gegen die "LOL-interpunktierten Unterhaltungen" im Internet. Dabei handle es sich um "gelallte Einfalt, welche die sie übermittelnde Technik beleidigt." Positiv sieht der gestrenge Brite hingegen den Einfluss auf die Wissenschaft, ebenso habe die Demokratie von der globalen Vernetzung profitiert.
"Man sagt, Twitter spielt bei den Protesten im Iran eine tragende Rolle", schreibt der Autor des Bestsellers "Der Gotteswahn". Zwei Sätze später assoziert er sich zu "Ayathollas, Muhllahs, Päpsten und Televangelisten", die das Internet zu Fall bringen werde. Fazit: "Vielleicht gewinnt Tim Berners-Lee einmal den Friedensnobelpreis."
Gute E-Mail, böses Handy
Aubrey de Grey wurde der breiten Öffentlichkeit durch seine These bekannt, der Mensch werde dereinst mit Hilfe der Biotechnologie 500, ja sogar 1.000 Jahre alt. Er outet sich in seinem Text als ausgesprochener Freund der E-Mail-Kommunikation sowie als ausgesprochener Feind der Mobiltelefonie. Und das Internet habe Schuld daran, dass er seine Meinung auch nicht mehr ändern werde.
Zum Schluss noch ein paar Reaktionen im Schnelldurchlauf. Verändert das Internet die Art unseres Denkens? Steven Pinker: "Nein"; Terence Koh: "Ich weiß nicht, ob meine Antwort eine Antwort ist"; Steve Quarz: "Können wir noch nicht beantworten"; Andy Clark: "Was ist denn das für eine blöde Frage?"
Robert Czepel, science.ORF.at
Die "Edge"-Fragen der vergangenen Jahre:


