Standort: science.ORF.at / Meldung: "Fragwürdiges Studien-Recycling"

Ein Fächer von Fachjournalen.

Fragwürdiges Studien-Recycling

Ein US-chinesischer Wissenschaftsverlag sorgt für Verwirrung in der Forschergemeinde: In dessen Journalen finden sich Studien, die bereits vor Jahren an anderer Stelle publiziert wurden. Die Identität der Herausgeber ist ungeklärt.

Publikationen 19.01.2010

"Technischer Fehler"

Am 29. Dezember 2000 veröffentlichte das "New Journal of Physics" eine Studie mit dem Titel "On the role of energy conservation in high-energy nuclear scattering". Mehr als neun Jahre später wurde die gleiche Arbeit erneut abgedruckt - in einem Journal mit dem Titel "Journal of Modern Physics". Die Zeitschrift gehört zum Wissenschaftsverlag "Scientific Research Publishing " (SRP), der insgesamt 34 Journale produziert.

Laut einem Bericht in "Nature" (Bd. 463, S. 148) betreibt der Verlag seine Website von China aus, hat aber auch in den USA eine Niederlassung. Bei der Artikeldublette handle es sich um einen technischen Fehler, der mittlerweile bereinigt worden sei, sagte Huai-Bei Zhou gegenüber "Nature". Er sei Physiker und helfe dem Verlag ehrenamtlich bei seinen Geschäften.

"Ziemlich eigenartig"

Weitere Details deuten allerdings darauf hin, dass hinter dem vermeintlichen Lapsus System steckt. Denn die erwähnte Studie ist offenbar nicht die einzige, die von Journalen des "Scientific Research Publishing " kopiert wurde - im Bereich Physik gab es noch zwei Fälle dieser Art, im Bereich Biologie mindestens vier.

Unklarheit herrscht auch über die Zusammensetzung der jeweiligen Editorial Boards. "Nature" hat herausgefunden, dass viele Wissenschaftler von den Herausgeberlisten auf der SRP-Website gestrichen wurden, weil sie dieser Funktion niemals zugestimmt haben - oder geglaubt haben, die Herausgeberschaft gelte einem anderen Journal sehr ähnlichen Titels. Hier kam es mitunter zu recht eigenwilligen Zuordnungen. Thomas Schiano vom Mount Sinai Medical Center in New York wurde etwa im Editorial Board der SRP-Zeitschrift "Psychology" geführt. Leider ist Schiano Leberspezialist, seine lakonische Einschätzung: "Ziemlich eigenartig".

Unter den kopierten (und mittlerweile wieder gelöschten) Arbeiten befindet sich auch eine, die 2000 mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ihr Thema: Wie unreflektierte Inkompetenz zur Selbstüberschätzung führen kann. Ig-Nobel-Chef Marc Abrahams hat bereits bei SRP urgiert und kam dort ebenfalls mit Huai-Bei Zhou in Kontakt. Abrahams gegenüber bezeichnete sich Zhou diesmal als Geschäftsführer des Unternehmens.

Robert Czepel, science.ORF.at

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Forum

 
  • "Wie unreflektierte Inkompetenz zur Selbstüberschätzung führen kann."

    eudiktator, vor 852 Tagen, 11 Stunden, 19 Minuten

    Kann man diesen Artikel bitte an alle österreichischen Politiker verteilen?

  • Chinesen klauen geistiges Eigentum?

    xype, vor 852 Tagen, 13 Stunden, 38 Minuten

    Unfassbar.

  • Wissenschafts-Copyright ist schlecht

    chrilly, vor 852 Tagen, 16 Stunden, 2 Minuten

    Das Copyright von Wissenschafts-Papers ist ein sehr fragwürdiges Konstrukt. Die Forscher werden in der Regel von der Öffentlichen Hand bezahlt. Das Ergebnis wird von einem privaten Konzern (z.B. Elsevier) veröffentlicht. Der Anteil des Konzerns ist minimal. Meistens muss der Forscher bzw. seine Institution noch für die Veröffentlichung mitzahlen. Der Konzern besitzt trotzdem das Copyright und es müssen andere ebenfalls staatliche bezahlte Forscher bzw. Bibliotheken dafür ordentlich blechen.
    Es sollte jeder - von der Allgemeinheit bezahlte - Forscher verpflichtet werden, seine Ergebnisse frei zu veröffentlichen. Dann ergibt sich das chinesische Verlagsproblem von selber.

    • atagod, vor 852 Tagen, 15 Stunden, 27 Minuten

      Eine ähnliche Debatte ist in den USA gerade am Laufen. Allerdings kann man Open Access auch wieder bei den selben Verlagen publizieren (z.B. Springer) nur kostet das halt entsprechend. Irgendwer muss es ja immer bezahlen. Bei Open Access bezahlt die Allgemeinheit mehr, dafür der Einzelne nichts. Umgekehrt bezahlt die Allgemeinheit weniger, dafür der Einzelne wieder etwas mehr.

  • Die meisten Wissenschaftspapers sind Plagiate

    chrilly, vor 852 Tagen, 16 Stunden, 11 Minuten

    In der Regel hat ein Wissenschafter 1-2 gute Ideen in seinem Leben. Publizieren muss er aber heute bis zu ein Dutzend Papers im Jahr. Das geht nur mit Eigen- und Fremdplagiat. Oder der Professor, der als Author bei den Papers seiner Assistenten und Dissertanten aufscheint. Es gibt auch viele Kick-Back Publikationen. Meine Leute publizieren in deinem Paper, deine Leute in meinen. Besonders beliebt ist das bei Kongressen. Wir laden euch nach Japan/USA ein, ihr nach Europa.
    Nach den gebrachten Beispielen haben die Chinesen wenigstens gute Papers nachgedruckt. Wenn sie diese auch noch günstig verscherbeln, ist es direkt ein Dienst an der Wissenschafts-Menschheit.

    Plagiat muss ausserdem nix Schlechtes sein. Mozart war ein hemmungsloser Eigen-Plagiator. Drum lieben wir seine Musik so. Es ist bekannt, aber doch immer ein bisserl anders.