
Tiere kamen auf "Flößen" übers Meer
Möglich machte das demnach eine günstige und kräftige Meeresströmung.
Wo kommen die vielen Tiere her?
Die Insel Madagaskar liegt im Indischen Ozean. Bis auf Afrika, das etwas mehr als 480 Kilometer entfernt ist, gibt es keinerlei Landmassen in der näheren Umgebung. Aufgrund ihrer Isolation und des speziellen Ökosystems gilt sie als natürliches Laboratorium evolutionärer Prozesse. Nirgendwo sonst - außer im deutlich größeren Australien - leben mehr einzigartige Arten, unter anderen 70 verschiedene Lemuren. Auch 90 Prozent der anderen Arten zählen dazu.
Madagaskar ist vermutlich seit mindestens 120 Millionen Jahren eine Insel. Die einheimischen Tiere kamen allerdings erst viel später, frühestens vor 65 Millionen Jahren. Die Idee, dass die tierischen Urahnen über das Wasser vom Festland Afrikas auf die mehr als 480 Kilometer östlich gelegene Insel gekommen sind, ist daher nicht neu.
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand sie als Alternativtheorie zu der Annahme, dass die Tiere über eine Landbrücke eingewandert sind, die später durch die Kontinentalverschiebung verschwunden ist.

Die Tiere könnten bei Stürmen und Unwettern ins offene Meer gespült worden sein, wo sie sich auf Baumstücken und Erdbrocken über Wasser hielten, möglicherweise in der energiesparenden Phase der Winterstarre oder des Winterschlafs. Die Strömung hätte sie dann in Madagaskar angespült. Auch der einflussreiche Paläontologe und Evolutionsforscher George Gaylord Simpson hielt diese Weise der "zufälligen" Besiedlung bereits in einer Arbeit von 1940 prinzipiell für sehr wahrscheinlich.
Ungünstige Strömungen
Leider hatte die Theorie bis jetzt einen entscheidenden Haken: Die Meeresströmungen und Winde zwischen Afrika und Madagaskar bewegen sich Richtung Süden und Südwesten, also nicht zu, sondern weg von der Insel. Aber auch die Idee einer Landbrücke gilt als problematisch, denn es gibt keinerlei geologische Hinweise, dass eine solche im fraglichen Zeitraum existiert haben könnte.
Ein Indiz für die Meeresüberquerung ist, dass es keine größeren einheimischen Säugetierarten gibt, wie Affen, Giraffen, Löwen oder Elefanten. Auf Madagaskar finden sich ausschließlich kleine Arten, wie Lemuren, die igelartigen Tenreks, Nagetiere oder mangustenartige Fleischfresser.
Außerdem hat die tierische Immigration vermutlich in Wellen und nicht stetig stattgefunden. Die meisten der heutigen Arten scheinen auf einen einzigen Vorfahren zurückzugehen, die nächsten Verwandten leben in Afrika. Auch das spricht für den Seeweg.
Unterbrochene Meeresströmung
Die Studie in "Nature": "Mammalian diversity on Madagascar controlled by ocean currents" von Jason Ali und Matthew Huber.
Jason Ali, Geologe und einer der Autoren der aktuellen Studie, von der University of Hongkong beschäftigt sich schon länger mit der Plattentektonik in dieser Gegend. Eine Landbrücke würde laut ihm alle bisherigen Theorien über den Haufen werfen.
Also entwickelte er eine andere Hypothese: "Madagaskar und Afrika sind gemeinsam 1.600 Kilometer nordwärts gedriftet. Dabei könnten sie eine wesentliche Meeresströmung unterbrochen und so generell die Meeresbewegungen verändert haben", so Ali. Um diese These zu überprüfen, verwendete sein Koautor, der Paläontoklimatologe Matthew Huber von der Purdue University eine Simulationsberechnung historischer Meeresströmungen.
Harte Fakten für eine gute Idee
Diese ergab, dass sich die Meeresströmungen zwischen Afrika und Madagaskar vor 60 bis zu 20 Millionen Jahren ostwärts bewegt haben, das heißt auf die Insel zu. Das Modell zeigte laut den Forschern auch, dass diese stark genug waren - nämlich ähnlich stark wie ein flüssiger Jetstream, um die Tiere schnell genug an Land zu bringen, bevor sie an Hunger oder Durst starben. Besonders für kleinere Lebewesen mit geringen Stoffwechselraten sei der Wasserweg damit eine durchaus realistische Möglichkeit.
Laut der Biologin Anne Yoder von der Duke University, die die Studie für "Nature" begutachtet hat, war die Floß-Theorie schon immer die plausibelste Idee zur Besiedlung von Madagaskar. Aber leider gab es kaum Belege. "Damit wird eine gute Geschichte endlich mit harten Fakten untermauert", so Yoder in einer Aussendung.
Eva Obermüller, science.ORF.at


